Leserfoto:
Ein Augenschmaus

Was die Dämmerungssituation dem Schwarzweißfotografen zu bieten hat, zeigt unsere heutige Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Alexander Dewor aus dem schweizerischen Weinfelden hat uns das obige Bild unter dem Titel “Am Riedsee” in der Kategorie ‘Landschaft’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: “Hallo, da bin ich wieder mit einem weiteren Versuch in SW. Das Thema fasziniert mich obwohl ich noch ein Anfänger bin, daher bin ich auch schon sehr gespannt welche Tips mir Thomas zu diesem Bild geben kann. Die Kritik des Bildes ‘Haus im Appenzell’ hat mich angespornt, so dass ich auch viel zum Thema SW Bearbeitung im Netz recherchiert habe. Vielen Dank hierfür noch mal Thomas … Früh Morgens habe ich mich zum Riedsee aufgemacht, ein See inmitten des Bad Wurzacher Riedes. Mit dabei waren natürlich ein Stativ, ein Grauverlaufsfilter und viel Motivation und Freude. Ich habe versucht einen möglichst klaren Bildaufbau zu wählen, der dem Bild auch eine gewisse Tiefe und Weite verleiht, daher auch der Beschnitt zu einem 16 : 9 Format. Die Bearbeitung in SW erfolgte mit Lightroom, die Kritik von Thomas natürlich immer im Hinterkopf :-) … Bin schon gespannt auf die Profikritik und bedanke mich schon im voraus dafür, Liebe Grüsse Alex”

Laut Exif-Daten wurde zur Aufnahme wurde die spiegellose Systemkamera Fujifilm X-Pro1 mit dem Festbrennweitenojektiv Fujifilm Fujinon XF 14mm F2.8 R als verwendet. Die Brennweite betrug besagte 14 mm (entsprechend 21 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/15 Sekunde bei Blende f/11 und ISO 200.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Geradezu perfekt stellt sich die Komposition dar mit zwei aus den Bildecken herauslaufenden Diagonalen, die auf den in den Goldenen Schnitt gelegten Horizont hinzielen. Der dadurch demarkierte Bildteil wird durch Birkenstämme samt Spiegelung reizvoll strukturiert. Besagte Diagonalen und der Horizont gewährleisten eine harmonische Blickführung durch das Bild. Die Wolken und ihre Spiegelungen rahmen den Horizont reizvoll ein (siehe untenstehendes Bild ‘Komposition’).

Hinsichtlich der Tonwerte zeigt sich das Histogramm der Dämmerungssituation entsprechend etwas linksschief, dabei sehr ausgewogen und ohne Tonwertabbrüche. Im Bereich der Bäume und ihrer Spiegelungen schöpft das tonale Geschehen das Spektrum der Zonen I bis IX aus. Der Himmel ist etwas zurückhaltender angelegt und erstreckt sich in den Lichtern bis Zone VIII (siehe untenstehendes Bild ‘Tonwerte’)

Die Struktur ist hochauflösend mit entsprechend gutem Schärfeeindruck, der verwendeten hochwertigen Ausrüstung entsprechend.

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In der Zusammenfassung möchte ich zunächst anmerken, daß Alexanders heute besprochene Arbeit gegenüber dem von ihm selbst erwähnten, Ende April besprochenen Bild einen wahren Quantensprung darstellt.

Der Bildaufbau mit seinem kompositorischen Grundgerüst und der resultierenden Blickführung ist überzeugend. Die Tonwerte sind sehr gut verteilt, was bei solcher Szenerie leider nicht immer ganz gelingt, wie jenes Ende Mai besprochene Bild eines anderen Fotografen aufzeigt.

Jene ‘Seebilder in Dämmerungssituation’ gehören wohl mit zum Reizvollsten, was die Natur unserer Breiten uns Fotografen zu bieten hat. Gerade daß die Szenerie durch das sich alsbald ändernde Licht so flüchtig ist, macht jene Augenblicke vor Ort so kostbar. Und die Morgensituation ist erfahrungsgemäß noch besser für solche Zwecke geeignet wie die Abendsituation, da die Luft dabei klarer und unverbrauchter ist. Auch ich selbst suche solche Situationen immer wieder gerne auf, wie das untenstehende Vergleichsbild der Masurischen Seen aus meinem Landschaftsportfolio zeigt.

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Komposition

Komposition


 
Tonwerte

Tonwerte


 
Vergleichsbild

Vergleichsbild

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. @Thomas: Ein Quantensprung bezeichnet die kleinstmögliche Veränderung eines Zustands, von der Null einmal abgesehen. Ich gehe wohl Recht in der Annahme, dass Du eigentlich einen Riesenfortschritt gemeint hast.

    Auch ich finde das Bild ganz hervorragend. Eine winzige Verbesserungsmöglichkeit sehe ich im horizontalen Gleichgewicht. In meinen Augen tritt das Problem im Vergleichsbild weniger stark auf, da dort eine dunkle Fläche am linken Bildrand das Gegengewicht zum Wald bildet.

    • “Quantensprung” meinte ich im Sinne einer plötzlichen Zustandsänderung, die das Prinzip des “Natura non facit saltus” (die Natur macht keine Sprünge) zu widerlegen scheint …

      Solch sprunghafte Entwicklungen von Teilnehmern kenne ich auch aus meinen Workshops. Meistens – so meine Erfahrung – ist dann “die Zeit reif gewesen”. Ob und inwiefern sich solche Erfahrungen aus dem Unterricht vor Ort freilich auf das Internet übertragen lassen, muß ich für mich noch ausloten.

      Jedenfalls ist es immer eine große Freude, solche Entwicklungen des Einzelnen begleiten und ein Stückweit befördern zu können. Jeder verdient es, “bei seinem persönlichen Stand abgeholt” zu werden, auch wenn natürlich “das Bessere der Feind des Guten” ist …

  2. Vielen Dank für deine ausführliche Bildbesprechung Thomas, das motiviert ungemein.
    Diese Entwicklung habe ich zum grossen Teil dir zu verdanken. Bislang hat mir eine professionelle und konstruktive Kritik zu meinen Bildern gefehlt. Schliesslich muss man erst einmal wissen bzw. gesagt bekommen was man falsch macht, um dann gezielt daran arbeiten zu können. Wie ein jeder für sich dann damit umgeht, sprich ein Selbsstudium oder der Besuch von Workshops, muss man selbst für sich entscheiden. In diesem Sinne denke ich auch dass einem das Internet, insbesondere eure Seite, hierbei äusserst hilfreich ist.

    Könntest du mir bitte den Begriff des “horizontalen Gleichgewichts” noch etwas genauer erklären. Wenn ich Uwe richtig verstanden habe fehlt ihm auf der rechten Bildseite noch das Gegengewicht bzw. der Abschluss? Würde dann aber nicht der Eindruck von Weite etwas untergehen?

    • Ich könnte mir vorstellen, daß Uwe auf den sogenannten Kontrapunkt bzw. Abschluß der Blickführung auf der rechten Bildseite abzielt, der ihm hier noch ein wenig fehlt. Es gibt dazu schon ein wenig die Philosohpie, den Blick über Aufhellung oder Unschärfe ‘ins Unendliche zu führen’, oder diesen eben durch einen dunklen Kontrapunkt wieder in die Gegenbewegung (ins Bild hinein) zu bringen. Aber dies mag er uns selbst vielleicht noch besser erklären …

    • Alexander und Thomas bringen die Diskussion genau auf den entscheidenden Punkt. Es gilt abzuwägen zwischen Weite und Öffnung zum Horizont einerseits, und das Einbringen eines Kontrapunkts zur Verbesserung des von mir angesprochenen “horizontalen Gleichgewichts”.

      Klassisch bringt man Weite, genauer gesagt Tiefe, durch den Einsatz von Diagonalen Linien ins Bild. Idealerweise laufen diese zu einem Fluchtpunk auf der Horizontlinie zu. Thomas hat das für die linke Bildhälfte bereits eingezeichnet.

      Die rechte Bildhälfte hingegen zeigt keine diagonalen Linien. Außerdem stößt die helle Fläche mit dem Spiegelbild der Wolken direkt an den Bildrand, wirkt also gewissermaßen abgeschnitten. Ich denke Alexander hat selbst gemerkt, dass er das Wasser daran hindern sollte, aus dem Bild zu laufen, und daher hat er einen Rahmen als Abschluss um das Bild gezogen.

      Fotografisch könnte man das lösen, indem man geduldig wartet, bis das Wolkenbild zufällig rechts dunkler ist als in der Bildmitte. Alternativ könnte man für eine Vignettierung sorgen mittels Verlaufsfilter oder notfalls in der Nachbearbeitung.

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