Leserfoto:
Regenmelancholie

Es mag verblüffen, aber Regenwetter ist ‘Traumwetter für die Streetfotografie’. In der heutigen Bildbesprechung diskutieren wir einige, sich um dieses Genre rankenden Aspekte.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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“Mainz/Innenstadt/Bushaltestelle: Ein Wetter zum Davonlaufen. – Diesmal musste die Kamera in ein selbstgebasteltes Regencape aus Plastiktüte und Klebestreifen. In einem parkenden Linienbuss sind mir diese erschöpft auf ihren Sitzen dösenden Fahrgäste aufgefallen, denen der Regen wohl schon zu sehr zugesetzt hatte. Ich mag diese regenverschwommenen Fensterblicke. Leider gab es im Innenraum des Fahrzeugs keine Beleuchtung, sodass die Szene bei dem trüben Wetter vielleicht etwas zu dunkel erscheint. Ich denke aber, es lässt sich durchaus noch erkennen, worum es sich hier handelt. Und schließlich musste es bei der Aufnahme wieder einmal sehr schnell gehen, wobei ich mich aber im Nachhinein über die leider etwas zu weit geöffnete Blende geärgert habe; da war ich wohl beim Zoomen unfreiwillig an den Blendenring geraten… Wieder eine dieser Lehrsekunden mit einer noch recht neuen Kamera, die ich gerade erst erkunde ;-) … 

Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 50mm), Belichtungszeit: 1/300s bei ISO 1600, Blende: 4.5, Belichtungskorrektur +0.3, die Bildränder sind leicht beschnitten …”, schreibt unser Leser Marcus Leusch aus Mainz über sein Bild “Erschöpft”, welches er in der Kategorie ‘Street’ einreichte.

Die relevanten Aufnahmedaten hat Marcus uns oben schon mitgeteilt, nachdem die Exif-Daten im Zuge der Schwarzweißkonvertierung und verlustbehafteten JPG-Sopeicherung verloren gegangen sind.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition: Düster, gar ‘naßkalt abstoßend’ empfängt uns Betrachter die Szene. Wir wollen gar nicht hinschauen, den Blick abwenden, uns ‘ins Warme und Trockene flüchten’. Doch nun sind wir quasi schon vor Ort, unser Blick verweilt auf dem Bild und allmählich schälen sich auch die Strukturen aus dem Halbdunkel. Wir sehen die beiden Personen, dick vermummt mit Kapuze, offensichtlich erschöpft, gar schlafend. Eine dritte Person links oben kommt schemenhaft zum Vorschein, es ist die matte Spiegelung des Fotografen. Zwischen den drei Personen läßt sich ein aufrechtes, sehr linksschiefes Dreieck konstruieren, welches das vergleichsweise helle Fahrzeug umgibt (siehe untenstehendes Bild ‘Komposition 1′). Doch anderes ist noch erwähneswert – die Blickführung reicht nach meinem Dafürhalten von der linken Person über das Auto zum Verkehrsschild links oben (siehe untenstehendes Bild ‘Komposition 2′). Durch diese beiden Aspekte scheint mir der Bildraum rechts oben nur wenig besetzt bzw. genutzt und das Bildgewicht nach links zu kippen. Auch die Senkrechten, die ein Bild oftmals stützen, scheinen hier nur wenig Gewicht entfalten zu können (ich komme auf diesen Aspekt in der Zusammenfassung nochmals zurück).

Tonwerte: Die mittleren Zonen sind in diesem Bild nur gering belegt. Die Personen zeigen sich in den Zonen I bis IV, der Hintergrund in den Zonen VII bis IX (siehe untenstehendes Bild ‘Tonwerte’).

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Zusammenfassung: Ich hatte oben dargelegt, inwiefern mir bei dieser Arbeit das Gewicht zu sehr auf den linken Bildteilen liegt und die rechten Bildteile im Gegenzug zu wenig berücksichtigt wirken. Vielleicht sind es gerade die senkrechten Streben im rechten Teil, die ‘jenen melancholischen Ausblick ins unendliche Regengrau’ behindern und dem Bild so eines Teils seiner potentiellen Wirkung berauben. Die von Marcus selbst monierte Offenblende war mir nicht so unangenehm aufgefallen, ein unscharfer Hintergrund unterstützt eher die Bilddramaturgie.

Etwas anderes möchte ich stattdessen noch ansprechen: wenngleich eine gewisse Düsternis dem Motiv gewiß angemessen ist, so scheint die Betonung dieser doch das Auslesen des Bildes zu erschweren, wie ich es mit meinem eidetischen Einstieg in die kompositorische Beschreibung verdeutlichen wollte. Ich habe das Bild mit dem Instrument ‘Tiefen/Lichter’ einer Überarbeitung unterzogen, insbesondere wurden die Schatten behutsam geöffnet und der Mitteltonkontrast mäßig erhöht. Das Ergebnis zeigte das untenstehende Bild ‘Überarbeitung’, es erscheint mir so in der Betrachtung doch prägnanter und ‘verdaulicher’ …

Man kann Streetfotografen nur empfehlen, sich ‘beherzt in das allerscheußlichste Regenwetter zu schmeißen’ – wo blauer Himmel zumeist Banalität verspricht, wird in der regenschweren Düsternis Dramatik frei Haus geliefert. Es gibt da jene lustigen Regenschirme, die man an einen Rucksack anknüpfen kann. So etwas nutze ich selbst – sieht zwar ‘etwas bescheuert’ aus, ist aber extrem wirksam und spart das allfällige ‘Objektivtrockenwischtuch’ …

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Komposition 1

Komposition 1


 
Komposition 2

Komposition 2


 
Tonwerte

Tonwerte


 
Überarbeitung

Überarbeitung


 

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    merci für diese erneut sehr anregende und hilfreiche Kritik. (Ich bin zwar für den Newsletter angemeldet, das scheint aber diesmal mit einem entsprechenden Vorabhinweis auf Deine Besprechung nicht funktioniert zu haben.)

    
Zwischenzeitig hatte auch ich mich noch einmal an dem Foto mit einer Überarbeitung „probiert“: Mein Ergebnis ist dem Deinigen nicht unähnlich, auch wenn ich die Szenerie noch einen Kick kontrastreicher ausgearbeitet habe. Mir war die Düsternis bei einem zweiten Blick denn auch etwas zu trübe. Außerdem habe ich die dunklen Bildränder (unten/rechts) noch etwas beschnitten. Manchmal ist es eben besser, ein Foto mal einige Zeit liegen zu lassen. Mit etwas zeitlichem Abstand kommt die Muße zu einer ausgewogeneren und überlegteren Überarbeitung. Das Foto zur Bildkritik wurde also fast 1:1 so übermittelt, wie ich es aus der Kamera empfangen habe. Das entsprach meiner Grundauffassung, dass die Priorität bei der Aufnahme liegt, und nicht in der digitalen Nachbearbeitung. – Nun, ich lerne gerade – auch durch solche Besprechungen – die mir bislang so lästige digitale Postproduktion zu schätzen. Aber schließlich war‘s zu Analog-Zeiten in der Dunkelkammer ja auch immer ein Ringen um eine angemessene Interpretation des Negativs.

    Im Gegensatz zu Dir ergibt sich für mich eine andere „Blickführung“ von links nach rechts, die zunächst zwischen den beiden Personen hin und her pendelt und sich schließlich zum Schatten des Fotografen und dem vorüberfahrenden Auto unterm Parkschild „vortastet“. Mich persönlich stört das Nichts (Deine Fragezeichen) hinter der Person rechts nicht so sehr, vielleicht weil ich das Foto insgesamt eher „flächig“ sehe. Der bloß noch verschwommen wahrnehmbare Hintergrund öffnet ja ohnehin keine außerordentliche Raumtiefe mit besonders markanten Blickpunkten, sondern macht die flüchtig wahrgenommene Szene im Fahrgastraum des Busses zu einem „Kammerspiel“. Der „melancholische Ausblick ins unendliche Regengrau“ (schöne Formulierung :-) …) hat sich sozusagen in die beiden ermatteten Protagonisten in ihrer fahrenden Zelle „zurückgezogen“. Diese Tristesse eines erschöpfenden Tages hatte mich damals für Sekundenbruchteile interessiert.

    Beste Grüße
    Marcus 


  2. Zitat: “Das Foto zur Bildkritik wurde also fast 1:1 so übermittelt, wie ich es aus der Kamera empfangen habe. Das entsprach meiner Grundauffassung, dass die Priorität bei der Aufnahme liegt, und nicht in der digitalen Nachbearbeitung. – Nun, ich lerne gerade – auch durch solche Besprechungen – die mir bislang so lästige digitale Postproduktion zu schätzen. Aber schließlich war‘s zu Analog-Zeiten in der Dunkelkammer ja auch immer ein Ringen um eine angemessene Interpretation des Negativs.”

    Ich stimme Dir vorbehaltlos zu, daß die vor Ort gesehene und in ihrem Ausschnitt festgelegte Szene schon die Bildgeschichte und das Potentiel in sich tragen muß. Wo nichts ist, kann man auch nichts ‘hineinphotoshopisieren’.

    Andererseits kann ich die Haltung jener, die in Photoshop ‘schier ein Instrument des Teufels’, zumindest einen ‘Verrat an der Fotografie’ sehen (gerade in den Diskussionen unserer Bildbesprechungen, die Spiegel Online zur Verfügung gestellt werden, scheint sich eine solche Haltung festgebissen zu haben) nicht nachvollziehen.

    Gewiß kann mit Photoshop leichter wie früher manipuliert werden, aber im Fundament lassen sich damit bewährte Techniken der Analogzeit im digitalen Sinne fortführen. Und so, wie wir früher unsere Negative selbst entwickelten und nicht dem Laboranten überließen, so können wir mit Photoshop die Ausgangsbilder interpretieren und deren Potential ausschöpfen.

    Zitat: “Im Gegensatz zu Dir ergibt sich für mich eine andere ‘Blickführung’ von links nach rechts, die zunächst zwischen den beiden Personen hin und her pendelt und sich schließlich zum Schatten des Fotografen und dem vorüberfahrenden Auto unterm Parkschild ‘vortastet’.”

    Die Blickführung ist gewiß keine Einbahnstraße bzw. ‘nie nur ein Weg durch das Dickicht’. Ich denke, daß wir die Grundstrukturen bei der Komposition schon anlegen können und sollen, aber der Einzelne wird doch immer (auch in Fortschreibung seiner eigenen Seherwartung) ‘einen eigenen Weg durch das Bild’ finden …

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