Leserfoto:
Ein atmosphärisches Umgebungsporträt

Am heutigen Bildbeispiel wollen wir Elemente gelungener Umgebungsporträts aufzeigen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Sehr differenziert beschreibt unser Leser Stefan Wieder aus dem nordrhein-westfälischen Rheinbach sein Bild “Der Schmied”, welches er uns in der Kategorie ‘Bildjournalismus’ einreichte: “Dieses Bild ist auf einem Mittelaltermarkt entstanden und zeigt einen Schmied bei der Arbeit, während er die Glut mit dem Blasebalg anheizt … Ich habe das Ausgangsbild stark beschnitten, um alle ablenkende und störende Elemente zu entfernen. Letztendlich hätte ich beim Fotografieren noch näher heran gehen können, um von vornherein einen besseren Bildausschnitt zu erreichen. In der weiteren Bildbearbeitung habe ich das Bild leicht entsättigt und etwas abgedunkelt. Das Gesicht des Schmieds wurde extra nachgeschärft und mit etwas mehr Kontrast versehen … Das Besondere an diesem Bild ist meiner Meinung nach die atmosphärische Dichte, die die allgemeine Stimmung auf dem mittelalterlichen Fest widerspiegelt. Vor allem das dunkle Zelt des Schmieds und die qualmende Glut machten die besondere Atmosphäre aus. Das Zelt war zur rechten (Bild-)Seite offen, so dass eine sehr schöne seitliche Beleuchtung entstand … Der Schmied selbst war eindeutig die originellste Figur auf dem Markt, der ganz und gar in der Darstellung seiner Arbeit aufging; den Spaß daran kann man ihn auf dem Bild deutlich ansehen … Ein wenig schade finde ich, dass ich das Werkzeug am unteren Rand so stark beschneiden musste, denn möglicherweise erkennt man so nicht auf den ersten Blick den Zusammenhang zwischen der Person und der Tätigkeit.”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 60D mit Kitobjektiv (vermutlich Tamron SP AF 17-50mm f2.8 XR Di II LD Aspherical IF) verwendet. Die Brennweite betrug 40 mm (entsprechend Zahl 64 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/50 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 400.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Komposition zieht das etwa in den Goldenen Schnitt gelegene Gesicht (rote Linien) den ersten Blick des Betrachters auf sich. Dieses ist vom Streiflicht auf der rechten Seite schön plastisch gezeichnet. Die Dunkelheit des Zeltes auf der linken Seite und die Rauchschwaden auf der rechten Seite rahmen die Szene (blaue Linien) ein und geben dem Bild so Halt. Von der Kohlenpfanne am Unterrand über den Blasebalg zum Gesicht ergibt sich ein schöner Blickdurchgang (gelbe Linien), wobei einige zu dieser Richtung querverlaufende Linien noch weitere Bildspannung erzeugen (grüne Linien) – siehe dazu auch das untenstehende Bild ‘Komposition’.

Die Tonwerte sind ausgewogen, das Histogramm etwas linksschief ohne Tonwertabbrüche. Die Farben konzentrieren sich auf gedämpfte Rot-, Braun- und Blautöne.

Die Struktur ist entsprechend der verwendeten Ausrüstung gut. Die schon von Stefan angesprochene Akzentuierung des Gesichts (dessen ‘Herausarbeitung’) fällt ins Auge.

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In der Zusammenfassung sehen wir ein sehr schönes, atmophärisches Umgebungsporträt, welches den Abgebildeten ebenso wie dessen Schaffen zeigt. Verstärkt durch den Blickkontakt mit dem Abgebildeten bietet sich dem Betrachter die Chance, sich in die Marktszene und das dortige Treiben einzufühlen, den Markt womöglich gar zu ‘schmecken, riechen und hören’ …

Stefan hat die Qualitäten seines Bildes bereits zutreffend beschrieben, so daß wir ihm einen bedachten und gestalterischen Ansatz in der Fotografie unterstellen dürfen. Seinem Bedauern wegen des sehr knappen Anschnitts der Kohlepfanne am unteren Bildrand, die durchaus noch etwas mehr zur Geltung hätte kommen können, schließe ich mich an.

Darüber hinaus ist die kontrast- und schärfebezogene Hervorhebung des Gesichts nach meinem Geschmack etwas zu übertrieben, so daß der Sprung zwischen dessen akzentuierter Schärfe und der weichen Schärfe der Umgebung recht auffällig, gar etwas unnatürlich wirkt.

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Komposition

Komposition

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Hallo Thomas,
    ich freue mich sehr, dass Du mein Foto für die Bildbesprechung ausgewählt hast und danke Dir für die ausführliche Betrachtung. Zur Ergänzung möchte ich noch sagen, dass das Objektiv ein Sigma 17-50 mm F2,8 EX DC OS HSM war – eigentlich ist das aber auch egal…
    Meiner Meinung nach ist es oftmals die schönste Art, eine Person zu portraitieren, indem man sie in ihrer typischen Umgebung zeigt. – Und jetzt weiß ich auch, dass so etwas ein Umgebungsportrait genannt wird ;-)

  2. Hallo Stefan,

    Ein fantastisches Foto! Mir gefällt besonders gut die Beleuchtung. Betrachtet man einmal die Diagonale, so nehmen die Intensitätswerte von unten rechts nach oben links ständig ab. So gleitet mein Blick auch von dem hellen Rauch über den Blasebalg zu dem sehr markanten Gesicht. Den Ausschnitt finde ich ok, weniger ist oft mehr… die Szene habe ich auch ohne die Schaufel sofort erkannt. Warum hast Du das Bild abgedunkelt? Damit das Gesicht besser zur Geltung kommt? Das gefällt mir gut, gerade das etwas unnatürliche gibt dem Foto einen besonderen Reiz.

    Tolle Besprechung, Thomas, danke!

    Viele Grüße,
    Tilman

    Hat mit der Qualität des Fotos nichts zu tun, beschäftigt mich trotzdem… sind die Zähne echt oder geschminkt?

  3. @ Tilman:
    Freut mich, dass Dir das Foto gefällt. Das Abdunkeln fand ich sinnvoll, um diese etwas düstere, verrauchte Atmosphäre noch stärker hervorzuheben. Außerdem konnte ich, wie Du schon vermutest, so das Gesicht hervorheben, da dies ja das zentrale Motiv des Bildes ist.
    Jaja, die Zähne… Ehrlich gesagt habe ich sie mir nicht so genau angesehen, aber da der Schmied an sich schon sehr authentisch wirkte, würde ich mal schwer darauf tippen, dass alles echt ist.

  4. hi stefan, ich finde das bild einfach wundervoll und ohne vorher den text gelesen zu haben, hatte es auf mich genau die wirkung, die du beschreibst… es gehört für mich zu den schönsten bildern, die ich bis jetzt auf dieser seite gesehen habe…

  5. Mir gefällt das Bild Bild auch sehr gut !
    Nur bei der Großansicht kommt auch bei mir das Gesicht einen Tick zu scharf /plastisch rüber gerade im Kontrast zur weichen “Robe”.
    Das wirkt dann event. etwas Maskenhaft.
    Sonst wie gesagt sehr gut….
    Beste Grüße
    Peter

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