Leserfoto:
Studie zur Komposition III

In der heutigen Bildbesprechung geht es um Fragen der Positionierung von Figur und Hintergrund im Sinne einer spannungs- und wirkungsvollen Komposition.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Hans Müller aus Reutlingen hat uns das obige Bild unter dem Titel “Kinder” in der Kategorie ‘Schnappschuß’ zur Besprechung eingereicht.

Seine kompositorischen Überlegungen beschreibt Hans wie folgt: “Ich ging durch den Park, hatte den Teich mit der schönen Treppe im Auge. Als ich die zwei Kinder kommen sah, brauchte ich nur zu warten, bis sie an der (für mich) richtigen Stelle waren. Ausschnitt gewählt und mit Tonwertkorrektur und Tiefen/Lichter ‘verbessert’ …”

Zur Aufnahme wurde eine Canon PowerShot SX20 IS als Bridgekamera mit eingebautem Zoomobjektiv 5 bis 100 mm verwendet. Die Brennweite betrug 23 mm (entsprechend etwa 129 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 5.6), die Belichtungsdaten waren 1/400 Sekunde bei Blende f/4.5 und ISO 160.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente. Ich werde mich dabei auf die Aspekte der Komposition konzentrieren und jene der Tonwerte, Farben und Struktur diesmal auslassen.

Eine Parkszene empfängt den Betrachter. Er sieht zwei kleine Mädchen in Rückenansicht, mittig platziert und dem Bogen eines angelegten Teiches vor dem Hintergrung einer breiten Steintreppe folgend (siehe untenstehendes Bild ‘Grundgerüst und Problembereiche’). Besagter Bogen beginnt etwa im Viertel des rechten Bildrandes, zieht sanft ansteigend quer über das Bild nach links, um dann in der Mitte des linken Bildrandes fast anzustoßen. Er setzt die Bewegung im sanften Anstieg nach rechts fort, um dann in eine Treppe übergehen, welche die Bewegung aufnimmt und am rechten oberen Bildrand enden läßt (siehe untenstehendes Bild ‘Blickführung’). So knapp bemessen der Abstand zur Mitte des linken Bildrandes und zum rechten oberen Bildrand ist, so weitläufig und leer erscheint im Vergleich der Bereich des Vordergrundes, insbesondere links unten.

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In der Zusammenfassung möchte ich zunächst Hans’ gestalterischen Ansatz würdigen – er suchte sich Teichbogen und Brücke zunächst als ‘Bühne’ seines Bildes aus und wartete dann auf geeignete ‘Protagonisten’, um die Szenerie im Sinne eines ‘Figur-Hintergrund-Spiels’ zu beleben. Auf solchem Gestaltungsansatz beruht etwa auch der bekannte ‘entscheidende Augenblick’ eines Henri Cartier-Bresson.

Doch hat Hans die Chancen dieses Augenblicks meines Erachtens zu wenig ausgenutzt. Der Hintergrund ist nicht optimal eingestellt, zu wenig Raum ist nach links und nach oben, zu viel nach unten, zudem konterkariert die Blickführung unser übliches ‘Bildlesen von links unten nach rechts oben’. Auch die mittige Platzierung der Protagonisten ist zu konventionell, läßt keine Bildspannung und -dynamik entstehen.

Ein alternativer Ansatz hätte sein können, die Mädchen in die vom Hintergrund vorgegebene Bewegung bzw. Blickführung einzubinden und sie zueinander etwas versetzt an den Anfang derselben zu setzen (siehe untenstehendes Bild ‘Alternativplatzierung’).

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Grundgerüst und Problembereiche

Grundgerüst und Problembereiche

Blickführung

Blickführung

Alternativplatzierung

Alternativplatzierung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Tag Thomas,

    ich möche mich für die Bildkritik sehr herzlich bedanken. Sie ist hilf- und lehrreich. (Dass dabei der Name Cartier-Bresson auch nur erwähnt wird, ist meilenweit zuviel der Ehre. Das haben nur wenige verdient, ich zuletzt.)
    Die Situation bei der Aufnahme war nicht so vorbildlich, wie bei der Besprechung angenommen. Ich bin durch diesen Park gegangen, sah Treppe und Teich und machte mich auf den Weg nach einem geeigneten Standpunkt.
    Im Kopf hatte ich ein Bild ohne “Protagonisten”, die kamen plötzlich und zufällig, und dann hat’s “pressiert”. Der Standpunkt war ja noch nicht gefunden!

    Dass die Kinder von der Komposition her weiter nach rechts “gehören”, ist richtig. Ich habe das nachträglich auf dem Bild nicht erkannt.
    Für diesen und die anderen Hinweise danke ich.

    Freundlichen Gruß Hans M.

  2. Eine sehr gute Idee und ein tolles Foto, herzlichen Glückwunsch, Hans! Deine Besprechung finde ich diesmal besonders interessant, Thomas, weil Du an einem Beispiel aufzeigst, wie man Fehler vermeiden kann. Und Dein Stichwort „l’instant décisif“ hat mich angeregt, weiter zu diesem Thema zu lesen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

  3. Zitat: “Die Situation bei der Aufnahme war nicht so vorbildlich, wie bei der Besprechung angenommen … im Kopf hatte ich ein Bild ohne ‘Protagonisten’, die kamen plötzlich und zufällig, und dann hat’s ‘pressiert’. Der Standpunkt war ja noch nicht gefunden!

    Ich werde auf diesen Aspekt des ‘Framings’ (im Sinne von “spüre die Atmosphäre vor Ort; suche einen geeigneten Rahmen für Deine Vorstellung; warte auf geeignete Protagonisten dafür”) in meiner Adaption einer ‘Kompositionslehre für Fotografen’ für Fokussiert (gerade in Vorbereitung) in einem fortgeschrittenen Kapitel zurückkommen …

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