Leserfoto:
Über Sicht- und Metaebenen

Bisweilen zeigen sich in Fotografien Hinweise auf bewußte und unbewußte Gestaltungsebenen, wie wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren wollen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Oliver Goldberg aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel “Schuljungs im Regen” zur Besprechung eingereicht.

Stolz verweist er auf sein Bild und seine Überlegungen dazu, wenn er schreibt: “Das ist eines meiner Lieblingsfotos aus meinem diesjährigen Sri Lanka Urlaub. Im Hochland von Sri Lanka warten Schuljungs im Regen am Bahnhof von Hatton … Mir gefällt das der Junge an der Wand quasi im vorbeigehen eine Geschichte erzählt. Ist er traurig oder schüchtern?”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 1000D als Einsteiger-DSLR mit dem Festbrennweitenobjektiv Canon EF 50mm f/1.8 II verwendet. Die Brennweite betrug entsprechend kleinbildäquivalente 80 mm bei einem Formatfaktor von 1.6, die Belichtungsdaten waren 1/160 Sekunde bei Blende f/3.5 und ISO 200.

Oliver betriebt eine eigene Homepage, welche mit weißer Schrift auf dunklem Hintergrund und dem Label ‘photO.Graphy Oliver Goldberg’ durchaus elegant wirkt. Angaben zum Impressum finden sich erst am Ende der Bildergalerie, nach drei Mausklicks.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Bei der Komposition statische und dynamische Elemente unterscheiden.

In Hinblick auf Erstgenannte (siehe auch untenstehendes Bild ‘Komposition: Statische Elemente’) fällt die starke Verkippung des Bildes nach rechts ins Auge (gelbe Linien ebd.). Weiter wirkt das Bild am linken Rand wie gestaucht, am rechten Rand hingegen öffnen sich leere Flächen (blaue Linien ebd.).

In Hinblick auf Letztgenannte (siehe auch untenstehendes Bild ‘Komposition: Dynamische Elemente’) stellt das einzig dem Betrachter zugewandte Gesicht des rechten Jungen den Blickfang dar (grüner Kreis ebd.). Fallende Diagonalen (rote Linien ebd.) markieren schließlich die Blickführung.

Hinsichtlich der Tonwerte zeigt sich das Histogramm U-förmig. Zugelaufene Schatten finden sich im Bereich der streckenweise scherenschnittartig abgebildeten Jungen und des Bahnsteigs, ausbrennende Lichter wiederum im Bahnsteig und in den Hemden der Jungen, während die Mitteltöne vergleichsweise gering belegt sind.

Bei den Farben dominieren kühle Blautöne im Bereich der abgebildeten Jungen und des Bahnsteigs, warme Ockertöne hingegen im Bereich der Hauswände.

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Zusammenfassung: Etwas seltsam empfängt das Bild den Betrachter – mit einem beträchtlichen Kontrastumfang, der die Aufzeichnungsmöglichkeiten der Kamera überschreitet; mit einem ‘Knäuel uniformierter Schuljungen’, die aufgrund der Belichtungsproblematik zunächst kaum Einzelheiten erkennen lassen; schließlich in der ganzen Bildanlage, die sich durch Verdrehung nach rechts, fallende Diagonalen, einen gestauchten linken und einen fast ins Leere kippenden rechten Bildrand auszeichnet.

Oliver liest Traurigkeit und Schüchternheit im Gesicht jenes Jungen, der als einziger uns anzuschauen und doch auch wieder wegzuschauen scheint. Das erscheint plausibel, wenngleich mir selbst der Junge spontan ‘an die Wand gedrückt, den beiden selbstbewußt und mitten auf dem Bahngleis Entgegenkommenden und vielleicht auch der unverhofften Aufnahme ausweichen wollend’ erschien.

Doch scheint in diesem Bild – wie im vorletzten Absatz angedeutet – noch eine zweite Ebene über der alltäglichen Szene zu liegen – hier deutet sich ein Blick an in eine ‘bedrückende, aus den Fugen geratende bzw. verdrehte Welt, die sich durch Einengung und Verlorengehen’ auszeichnet.

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Es muß uns nicht überraschen, daß in eine Bildgestaltung bewußte und unbewußte Aspekte des Fotografen mit einfließen. Glücklich mag sich derjenige schätzen, der dabei nicht nur einen Überblick seiner bewußtseinsnahen Gedanken und Gefühle hat, sondern auch eine Ahnung dessen, was ihn in diesem Moment unterschwellig beschäftigt. Vielleicht können wir auf diesen Aspekt in der Diskussion noch näher eingehen, vielleicht sagt auch Oliver noch etwas darüber.

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Komposition: Statische Elemente

Komposition: Statische Elemente

Komposition: Dynamische Elemente

Komposition: Dynamische Elemente

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Das Bild wirkt auf mich interessant, jedoch nicht ganz “ausgereift”.

    Neben der Korrektur der bereits angesprochenen kippenden Ausrichtung hätte ich den Füßen der beiden mittleren Kinder noch etwas mehr Raum gegeben. Außerdem würde mich eine Variante ohne das Kind ganz links interessieren, welches relativ unmotiviert direkt dem Bildrand zugewandt ist.

    Bezüglich der inhaltlichen Interpretation geht mir Thomas’ Ansatz hier etwas zu weit: Ich denke, der Junge läuft so nahe an der Hauswand, um sich vor dem Regen zu schützen. Das Gesicht spricht für mich von kalten Regentropfen im Nacken (ging mir auch schon öfter so).

    VG
    Jens

  2. Zitat: “Bezüglich der inhaltlichen Interpretation geht mir Thomas’ Ansatz hier etwas zu weit”

    Meine Deutung ins Unbewußte dahingehend, daß die Verkippung, die Fehlbelichtung und die Marginalisierung der Protagonisten dem Fotografen ‘quasi widerfuhr’, um eine bedrohte und aus dem Ruder laufende Welt zu symbolisieren, ist natürlich spekulativ. Es läge am Fotografen, zu prüfen, ob eine solche Hypothese bei ihm auf Resonanz stieße …

    Vielleicht baue ich hier aber wirklich eine ‘Bedeutungsbrücke, die nirgendwohin führt’. Dann wäre das Bild, wie Jens sagt, nur unausgereift …

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