Fotografieren:
Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie (2)

Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte dieses vierteiligen Tutorials (die schon erschienenen Beiträge sind verlinkt) …

 
Format und Ausschnitt

Aufnahmeformate (Quelle: Wikipedia)

Aufnahmeformate (Quelle: Wikipedia)

Die Wahl des Formats ist ein erstes Privileg des Fotografen. Für die spätere Bildwirkung spielt es eine beträchtliche Rolle, ob eine Aufnahme im Quer- oder Hochformat (in den heute üblichen Proportionen 3:2 oder 4:3 oder anderen, früheren) erfolgt – siehe dazu auch den einschlägigen Wikipediaartikel oder das nebenstehende Bild zum Aufnahmeformat.

Gesichtsfeld des linken Auges (Quelle: Wikipedia)

Gesichtsfeld des linken Auges (Quelle: Wikipedia)

Dabei stellt bereits das eckige Format einer Fotografie eine Abstraktion bzw. erhebliche Abweichung von unserer natürlichen Sehgewohnheit dar, da das menschliche Gesichtsfeld (im Sinne des zusammengerechneten Bildes beider Augen) eine gewölbt ovale Form sowie einen ausgeprägten Bereich zentraler Schärfe bei weitläufiger peripherer Unschärfe aufweist – siehe dazu auch den einschlägigen Wikipediaartikel oder das nebenstehende Bild zum Gesichtsfeld.

Bildbeispiel: Aufragende Gebirgslandschaft im Hochformat

Bildbeispiel: Aufragende Gebirgslandschaft im Hochformat

Im konventionellen Sinne wird in der Fotografie eine Landschaft im Querformat, ein Porträt hingegen im Hochformat wiedergegeben. Bereits hier lassen sich übliche Seherwartungen durchbrechen, indem ein Landschaftsdetail bzw. hochragendes Gebirge durchaus einmal im Hochformat oder andersherum ein Umgebungsporträt im Querformat erfolgen kann (siehe die beiden nebenstehenden Bildbeispiele dazu).

 

 

 

 
Bildbeispiel: Geschlossene Quadratkomposition (Quelle: Stephan Opitz)

Bildbeispiel: Geschlossene Quadratkomposition (Quelle: Stephan Opitz)

Eine Sonderrolle spielt das in früherer Zeit bauartbedingt häufige, im Zuge der Digitalisierung dann zunächst aus der Mode gekommene und erst in den letzten Jahren als künstlerische Ausdruckform wiederentdeckte Quadratformat (in der Regel als nachträglicher Beschnitt eines vormaligen Rechteckformats). Es gilt zu Recht als kompositorisch anspruchsvoll, da der Grundrahmen dem Motiv keine strukturierende Richtung vorgibt und das Motiv als solches eine kompositorische Geschlossenheit aufweisen muß.

Bildbeispiel: Arbeitsstudie als querformatiges Umgebungsporträt

Bildbeispiel: Arbeitsstudie als querformatiges Umgebungsporträt

Die Wahl des Ausschnitts schließlich läßt sich als zweites Privileg und grundsätzliches Gestaltungsmittel des Fotografen betrachten. ‘Fluch und Segen’ liegen hier nahe beieinander, denn jede Auswahl des einen bedeutet unweigerlich einen Verzicht des anderen. Wer alles zeigen will, vermittelt dem Betrachter möglicherweise keine Auswahl bzw. Ordnung und kann so zu einer Verwirrung beitragen. Wer andererseits sehr stark selektiert, kann beim Betrachter Fragen nach dem daneben bzw. dahinter Befindlichen auslösen.

Bildbeispiel: Gegenüberstellung aus der Serie 'Janusblicke' (Quelle: T. A. Hoffmann)

Bildbeispiel: Gegenüberstellung aus der Serie 'Janusblicke' (Quelle: T. A. Hoffmann)

Ein schönes Beispiel dafür, wie stark die vormalige Auswahl die spätere Betrachtung lenkt, stellt meines Erachtens die Serie ‘Janusblicke’ von Torsten Andreas Hoffmann dar. Dieser hatte sich für eine erste Aufnahme klassische Touristenmotive vorgenommen und in einer zweiten Aufnahme die Kamera um 180 Grad gedreht, um den sonst unbeachteten bzw. ausgeblendeten Hintergrund zu erfassen. Seine stärkste Wirkung entfaltet die Serie bei jenen Bildpaaren, in denen sich Idyll und Banalität schroff gegenüberstehen (Bild).

Bildbeispiel: Auf Motivjagd

Bildbeispiel: Auf Motivjagd

Eine praktische Ableitung des Vorgenannten besteht darin, daß in der Amateurfotografie nach meinem Dafürhalten oftmals eine zu schnelle Festlegung erfolgt (meistens in Richtung des Querformats und der Totalen) und zu sehr dem allerersten Eindruck vertraut wird. Ein wesentliches Gestaltungsmittel wird dadurch verspielt oder kommt zumindest zu kurz.

Mir fällt zu diesem Thema auch immer wieder jene nette (aufgrund der geringen Fallzahl zwar gewiß nicht repräsentative, aber doch richtungsanzeigende) Studie der Firmen Nikon und Eyetracker ein, nach der eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen Amateur- und Profifotografie darin bestand, daß Letztere der Motivergründung vor der eigentlichen Aufnahme ein Mehrfaches an Zeit widmeten.

Empfehlungen bzw. Leitfragen für eine bewußte Gestaltung mit Hilfe dieses ‘Instruments’ lassen sich demnach wie folgt formulieren …

  1. Folge bei einem vielversprechenden Motiv nicht blind der allerersten Eingebung bzw. Empfindung. Lasse die Szene stattdessen ein wenig auf Dich wirken und führe Dir vor Augen, was Dich daran und warum es Dich so besonders anspricht. Sofern Dir die Szene derart flüchtig vorkommt, daß sie keine solchen Überlegungen duldet, dann verbeiße Dich nicht darin, sondern fahre in Deiner Motivsuche fort.
  2. Erkunde das ins Auge gefaßte Motiv gründlich von verschiedenen Blickwarten – mit ein paar Schritten zur Seite, sofern möglich von erhöhtem oder vertieften Standpunkt, mit mehr oder weniger Abstand – und wähle die für Deine Bildzwecke beste Perspektive.
  3. Überlege Dir, ob Du in der Formatwahl eher den Konventionen folgen oder diese brechen willst, und aus welchen Gründen Du das eine oder andere bevorzugst.
  4. Bedenke weiter, welche Elemente Du im Sinne des Ausschnittwahl in Deine Komposition aufnehmen, welche Du außen vor lassen möchtest. Führe Dir dann vor Augen, wie die verbleibenden Bildelemente, wie Vorder- und Hintergrund miteinander in Dialog bzw. Gegensatz treten.
 

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