Leserfoto:
Raumtiefe und Bewegung

Am Beispiele des heutigen Bildes möchte ich darlegen, wie sich Raumtiefe und Bewegung im Bild simulieren lassen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Sebastian Milczanowski aus Düsseldorf hat uns das obige Bild unter dem Titel “Like a Movie Scene” in der Kategorie ‘Architektur’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: “Hallo Zusammen! Das Bild ist im November 2011 in der Roosevelt Island Tramway entstanden. Dieses Stück New Yorker Geschichte ist vergleichsweise unbekannt und schwer in einem Bild festzuhalten. Ich hab den Zeitpunkt abgepasst in dem die gegenüberliegende Gondel vorbeikommt und das ganze mit einem Fisheye festgehalten um möglichst viel “New York” einzufangen. Anfangs hat mich die Spiegelung gestört, aber nach der Auswertung am Computer glaube ich heute, dass dieser Effekt ein wichtiger Bestandteil des Bildes ist. Ich bin gespannt wie Eure Meinung zu dem Thema ist. Gruß Sebastian”

Zur Aufnahme wurde eine Panasonic DMC-GF1 als eine frühe Systemkamera mit Wechselobjektiven im Micro-Four-Thirds-Format verwendet. Bei der Aufnahme wurde das Samyang 7.5mm f/3.5 Fisheye (MFT) verwendet. Die kleinbildäquivalente Brennweite betrug 15 mm bei einem Formatfaktor von 2.0 (somit ausreichend für eine vollständige Abdeckung des Bildfeldes), die weiteren Belichtungsdaten waren 1/800 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 200.

Sebastian kümmert sich – so viel sei verraten – um die Micro-Four-Thirds Section bei Photozone.de und publiziert dort entsprechende Reviews. Wir dürfen ihn und seine Arbeit damit an einem gehobenen Anspruch messen.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Bei der Komposition lassen sich wiederum statische und dynamische Elemente beschreiben.

Im Sinne der Erstgenannten (siehe dazu auch untenstehendes Bild ‘Komposition: Statische Elemente’) habe ich mit doppelter Linie die motivtragenden und -einrahmenden, dem Objektiv entsprechend extrem bogig angelegten Elemente gekennzeichnet, von denen sich zum Fluchtpunkt hin zunehmend gerade und enger gestaffelt die weiteren Senkrechten abheben. Die zunehmende Geraderichtung und Engerstellung ist ein wichtiger Aspekt jener fast saugend wirkenden Raumtiefe.

Im Sinne der Zweitgenannten (siehe dazu auch untenstehendes Bild ‘Komposition: Dynamische Elemente’) unterstützen und verstärken die in rot gehaltenen Fluchtlinien diesen Tiefeneindruck weiter. Alles ist auf den in blau gehaltenen Fluchtpunkt ausgelegt, der sich (in milder Unentschiedenheit) zwischen Bildmitte und Goldenen Schnitt befindet. Ein für den Bewegungscharakter entscheidendes Element stellt schließlich noch die gelb markierte, gegenläufige Gondel dar.

Hinsichtlich der Tonwerte sind Schatten, Mitten und Lichter gleichsam gut belegt, wenngleich sich das Histogramm etwas linksschief, mit einem Mittelwert von 93 auf der Tonwertskala von 0 bis 255 zeigt.

Die Farben zeigen dunklere, rötlich durchsetzte Werte in der Peripherie, hellere Ocker- und Rosatöne im Bereich der nach hinten verlaufenden Gebäude und ein freundliches Himmelblau im Hintergrund. Das Hervortreten der wärmeren und das Zurückweichen der kälteren Töne unterstützt den Räumlichkeitseindruck weiter.

Die Struktur zeigt sich klar gezeichnet, was auf eine entsprechende Abbildungsfreude der verwendeten Ausrüstung schließen läßt.

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In der Zusammenfassung möchte ich die sehr gelungene Arbeit würdigen. Das Zusammenspiel von bogigen und geraden Elementen, Schärfeverlauf und Komplementärkontrast simuliert den Tiefeneindruck und das Bewegungsmoment auf phantasische Weise. Sebastians Überlegungen zur Einbindung der gegenläufigen Gondel sind richtig und in gewisser Weise auch unabdingbar, denn ohne dieses Element hätte dem Bild das ‘I-Tüpfelchen’ gefehlt. Und auch mir erscheinen die Spiegelungen als ein wichtiges, konstruktive Bildspannung und ein gewisses Moment der Irrealität schaffendes Element. Auch die Verwendung des sehr speziellen Objektivs ist hier zweifelsohne zielführend, denn ein nichtverzeichnenden Normalobjektiv hätte jene Dynamik der Szene kaum abbilden können.

Eine milde Kritik im Sinne eines ‘Klagens auf hohem Niveau’ möchte ich im Sinne jener Unentschiedenheit der Fluchtpunktanlage äußern – dieser kann sich nicht recht zwischen Mitte und Goldenem Schnitt entscheiden, sollte es aber aus meiner Sicht … des weiteren finde ich das Bild ein klein bißchen flau und dunkel geraten, hier könnte eine Anhebung des Mitteltonkontrasts um zehn Einheiten im Instrument ‘Tiefen/Lichter’ und der Gesamthelligkeit um etwa eine viertel Zone meines Erachtens Abhilfe schaffen (siehe dazu auch untenstehendes Bild ‘Überarbeitung: Auffrischung des Bildeindrucks’).

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Komposition: Statische Elemente

Komposition: Statische Elemente

Komposition: Dynamische Elemente

Komposition: Dynamische Elemente

Überarbeitung: Auffrischung des Bildeindrucks

Überarbeitung: Auffrischung des Bildeindrucks

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Ein wunderbares Foto, Sebastian! Es gefällt mir sehr gut. Ich finde den Tiefeineindruck interessant, ich glaube auch, dass der hohe Kontrast und die Farbgebung – sieht fantastisch aus, fast wie HDR – hier eine wichtige Rolle spielen. Der Fluchtpunkt ist für mich zu weit rechts gelagert, es wäre vielleicht interessant gewesen, ihn ins Zentrum des Fotos zu platzieren. Ich habe mal versucht, das Bild links zu beschneiden; gefällt mir besser. Die Spiegelung ist einerseits toll, die verzerrten gespiegelten Haltestangen sehen sehr gut aus. Man hat fast den Eindruck, in einer runden Gondel zu sitzen. Auf der anderen Seite, gucke ich mir immer wieder diesen „Hundeschädel“ im rechten Hochhaus an :-> Vielen Dank für die interessante Besprechung, Thomas!
    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    • Hallo Tilman! Vielen Dank für das Lob… den “Hundeschädel” sehe ich gerade zum ersten Mal :-) Gruß Sebastian

  2. Zitat: „Ich habe mal versucht, das Bild links zu beschneiden; gefällt mir besser … ”

    Deinen Ansatz kann ich nachvollziehen, doch scheint ‘der Teufel im Detail zu stecken’: wenn wir den Fluchtpunkt durch Beschnitt von links zentrieren, geht im Gesamtbild die Symmetrie der kompositorisch wichtigen Rundungen (siehe ‘Statische Elemente’) verloren …

  3. Hallo Thomas! Vielen Dank für das ausführliche und nützliche Feedback. Macht weiter so…

    Gruß Sebastian

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