Leserfoto:
Gespannte Erwartung

Nochmals kommen wir in der heutigen Bildbesprechung auf die Besonderheiten der Eventfotografie und die dabei oft heiklen Lichtsituationen zu sprechen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser treuer Leser Marcus Leusch aus Mainz versorgt uns regelmäßig mit ansehnlichen Bildern aus seinem Street-, Event- und Genreportfolio.

Über sein heute besprochenes, in der Kategorie ‘Event/Musik’ eingereichtes Bild mit dem Titel “Vor dem Auftritt” schreibt er: “Mainz//Museumsnacht/Institut Francais: Junge Choreographen und Ballettnachwuchs stellten Ausschnitte aus ihren eigenen Produktionen vor. Denkbar schlechte Lichtverhältnisse, wenn man denn partout nicht blitzen möchte. Bei dieser Momentaufnahme kam mir die vorhandene Beleuchtung dennoch sehr entgegen, auch wenn der Scheinwerfer von der rechten Seite etwas zu penetrant die Schultern der Tänzerin beleuchtet … Aufnahmedaten: Fuji X-E1 (Anmerkung: eine leichte Systemkamera), 18-55 mm-Objektiv bei 18mm (Anmerkung: entsprechend 27 mm kleinbildäquivalenter Brennweite bei einem Formatfaktor von 1.5), Belichtungszeit: 1/25s bei ISO 3200, Blende: 4.5, Belichtungskorrektur -0.7, Kontraste in Photoshop leicht angehoben.”

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Die Komposition wirkt sehr eingängig. Ganz im Vordergrund – motivisch und räumlich – sitzt eine junge Frau, den unteren und rechten Bildteil fast vollständig ausfüllend. Alle direkten und gedachten Linien führen zum Gesicht, so daß dieses als Blickfang markiert wird (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Komposition’).

Die Tonwerte zeigen sich im Histogramm deutlich linksschief, mit einem der Zone II bis III entsprechenden Mittelwert von etwa 62. Weite Bereiche des Hintergrundes und des Bildrandes fallen in die zeichnungslosen und modulationsarmen Zone 0 bis I. Der Rock bildet sich in den halbgeschlossenen Zonen II bis III ab, das Gesicht statt der für den hellen kaukasischen Hauttyp normalen Zone VI in den düsteren Zonen I bis IV, während Nacken und Teile der Schulterpartie zeichnungs- und modulationslos in der reinweißen Zone X liegen (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Tonwerte des Ausgangsbildes’).

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Zusammenfassung: Auch bei diesem Bild beweist Marcus seinen geübten fotografischen Blick. Die Komposition ist sehr gefällig, die Anlage der einzelnen Elemente führt den Blick geschickt zum Gesicht der Frau als dramatischen Höhepunkt.

Im Ausdruck meine ich durchaus erwartungsvolle Vorfreude auf den eigenen Auftritt, aber auch merkliche Anspannung, fast Maskenhaftigkeit zu erkennen. Dieser Eindruck wird durch die gezwungene Körperhaltung mit aufgehobener Krümmung der Lendenwirbelsäule nach vorne, einer verstärkten Krümmung der Brustwirbelsäule sowie einer Vorwärtsverlagerung des Kopfes unterstrichen.

Ich kann hierbei nur spekulieren, ob sich bei der jungen Frau hier trotz aller Anspannung und Konzentration in jenem vermeintlich unbebachteten Augenblick (der Fotograf sieht sie ja und damit stellvertretend auch wir Beobachter, die im Hintergrund befindlichen Personen beachten sie hingegen nicht) nicht auch eine Gegenbewegung bzw. ein kurzer ‘Moment des In-sich-Zusammenfallens’ anbahnte.

Die Schwierigkeiten der Belichtung wurden von Marcus schon erwähnt und erinnern an jene der kürzlichen Bildbesprechung ‘Problemzonen der Eventfotografie’. Der insgesamt düstere Eindruck des Bildes bzw. das hochkontrastige Auseinanderfallen der Tonwerte machen es dem Bild schwer, ‘seine Geschichte zu erzählen’.

Für die Überarbeitung griff ich diesmal beherzt in die Tasten meines Lieblingsinstruments ‘Tiefen/Lichter’ – die Schatten wurden um 10 Einheiten angehoben, die Lichter um 30 Einheiten zurückgenommen. Die Gesamthelligkeit wurde erhöht, speziell im Bereich des Rocks noch selektiv abgewedelt und im Bereich des Nacken weiter nachbelichtet. Den Hintergrund habe ich etwas abgesoftet, um die Person noch besser freizustellen. Zuletzt wurde eine Filmkornsimulation entsprechend ISO 100 über das Bild gelegt (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Überarbeitung’). Es resultiert dadurch eine gewisse Stauchung des sehr hohen Ausgangskontrasts und eine Verschiebung der Tonwerte auf einen der Zone III bis IV entsprechenden Mittelwert von etwa 83 – eine Gesamtaufhellung um etwa eine Zone also (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Tonwerte der Überarbeitung’).

Bilder in solcher Weise ‘interpretieren’ zu können, ist zweifelohne ein Privileg der Schwarzweißfotografie, denn eine vergleichweise Tonwertverschiebung bei der Farbaufnahme würde rasch an die Grenzen der realistischen Abbildungspflicht stoßen.

Ich mag mich darin täuschen, aber diese Öffnung des Bildes scheint mir die im Motiv geborgene Geschichte bzw. das, was uns Marcus mit diesem Bild vermitteln wollte, besser zur Geltung zu bringen – die junge Frau wirkt in ihrer Anspannung nun filigraner, fast zerbrechlich, der durchscheinende Rock verweist auf den solche Situationen ja zwangsläufig begleitenden Zurschaustellungsaspekt.

Ob ein schwach bemessener Aufhellblitz in dieser Situation hilfreich gewesen wäre? Zwar bin ich wie Marcus ein Anhänger des ‘available light’ und schätze die Schönheit der natürlichen Lichtanmutung, doch wäre dies hier erwägenswert gewesen. Jene Zugabe von Kunstlicht hätte die junge Frau insgesamt heller erscheinen lassen und mitgeholfen, den in dieser Szene doch enormen Dynamikumfang zu bewältigen. Andererseits hätte ein einfach gerichteter Blitz in Blickrichtung (der übliche integrierte oder aufzusteckende Blitz also) die tiefen Schatten im Hintergrund kaum erreicht und diese (fast paradox anmutend) eher noch verstärkt.

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Komposition

Komposition

Tonwerte des Ausgangsbildes

Tonwerte des Ausgangsbildes

Überarbeitung

Überarbeitung

Tonwerte der Überarbeitung

Tonwerte der Überarbeitung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    (… „griff ich diesmal beherzt in die Tasten meines Lieblingsinstuments ‚Tiefen/Lichter‘„)

    ja, an die „Ursuppe“ („düsterer Eindruck“) einiger meiner Bilder muss ich wohl noch
    etwas Hand anlegen. Es ist vielleicht der immer noch etwas zu zaghafte Versuch, in 
Photoshop den ersten Bildeindruck nicht vollends „aufzuhübschen“. Dabei geht es
doch im Wesentlichen darum, die treffende Bildaussage aus der Vorlage hervorzukitzeln,
    wie in diesem Fall. Für deine Hinweise möchte ich mich erneut (siehe auch meine von Dir entsprechend verbesserte „Regenmelancholie“) bedanken – und arbeite an meiner Zurückhaltung bezüglich digitaler Bildbearbeitung.

    Auch ich habe mich noch einmal an dem Foto „probiert“ und es nun sogar noch etwas heller umgesetzt (, auch wenn die mit dem Auge wahrnehmbare Lichtstimmung eher meinem Original entsprach), sodass jenes Tutu im Vordergrund jetzt noch „filigraner“ wirkt, aber das sind ja letztlich auch individuelle Geschmacksfragen.

    Interessant finde ich den Aspekt einer nachträglichen Körnung via Photoshop. Für mich zunächst ein etwas ungewohnter Ansatz (einer Film-Mimikri), den ich zwar nicht vollends verwerfe, mich aber frage, ob das wirklich nötig ist, um die relativ schwierigen Kontrastverhältnisse des Ausgangsbildes auf eine ideale Verlaufskurve der Tonwerte zu bringen, mit dem Gewinn einer Aufhellung von ein bis zwei Zonen.

    Nun, „Kurvendiskussionen“ mochte ich schon in der Schule nicht besonders. Ich war immer eher am Intuitiven interessiert. Da ist mir das Zonensystem viel sympathischer, auch wenn es sich durchaus trefflich in einer entsprechenden Kurvendarstellung veranschaulichen ließe. Aber vielleicht fehlt mir einfach nur das Missing Link!? Insofern sind Deine entsprechenden Einblendungen der Histogramme zumindest ein guter Informationshinweis. Dazu wünschte ich mir nebenbei gesagt vielleicht einmal Grunsätzlicheres … für den digitalen “Analphabeten”.

    Mit Dank und besten Grüßen
    Marcus

    • An der digitalen Filrmkornsimulation scheiden sich schon ein wenig die Geister. Ich mag es gerne, es ist für mich einfach ein bißchen “analoge Nostalgie”.

      Und es hilft auch wirklich, die Feinstruktur etwas aufzufrischen, den Schärfeeindruck zu verstärken (Rolf Walther spricht zutreffend von “Kornschärfe”, das sieht man aber erst im größeren Ausdruck richtig) und manch strukturarmen bzw. leicht verrauschten Bereich etwas zu überdecken (hat mir trotz Vollformatkamera schon manche Nachtaufnahme bei ISO 3200 gerettet).

      Du kennst vermutlich mein Tutorial zu diesem Thema: Teil 1 und 2

      Weitere Tutorials zur digitalen Schwarzweißfotografie wird es natürlich geben – es ist ja ein ganzes Universum und eben auch meine Leidenschaft, wenngleich ich natürlich auch farbige Aufnahmen nicht zu kurz kommen lasse (gerade habe ich ein sehr schönes Alpenpanorama in Farbe zur Besprechung) …

  2. Marcus, ein tolles Bild. Auch hier hast Du eine wunderbare Szene fotografiert, ich mag die Situation und den angespannten Blick der Tänzerin.

    Die Komposition halte ich allerdings für weniger gut gelungen. Mein Blick wandert auch über den Rock bis zur Schulter, schweift von hier aber nach links ab, um bei dem Mann mit dem karierten Hemd festzuhängen. Der hat für mich einfach zu viel Gewicht.

    Das liegt vielleicht an der Drittel-Regel. Oder auch an der schlechten Beleuchtung des Kopfs der Tänzerin (die überarbeitete Version gefällt mir sehr viel besser). Aber mich stört am meisten, dass der Kopf sich so dicht am oberen Rand befindet.

    Ich habe mal das Bild anders beschnitten (quadratisch, http://sdrv.ms/17MFYvt), das ändert für mich komplett den Eindruck.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    • Bin gespannt, was Marcus dazu meint … ich selbst kann Deine Beweggründe nachvollziehen, doch in jenem Beschnitt … (1) schiene mir die Rückenlehne des Stuhls zu sehr wie ein dunkler, kompositorisch nicht eingebundener Keil ins Bild hineinzuragen und (2) würde der latente Zurschaustellungsaspekt des filigranen Tutus, der ja nicht wenig zur Bildspannnung und -geschichte beiträgt, vollends verloren gehen.

    • Stimmt, Thomas, die Rückenlehne sieht komisch aus. Allerdings auch schon im Original-beschnitt. Was das Ballettröckchen angeht, auch hier hast Du Recht… allerdings brauche ich mir dann nicht mehr das karierte Hemd anzugucken, sondern sehe die Schönheit des Gesichtsausdrucks. Und wie schreibst Du selbst in Deinem Artikel [Möglichkeiten der Bildverfremdung (2)]: „jede Auswahl des einen bedeutet unweigerlich einen Verzicht des anderen“ :->

  3. Hallo Tilman & Thomas

    Gerade – leider sehr spät – habe ich Eure Beiträge entdeckt, die für mich sehr interessant sind. Nun, das Motiv erscheint mir doch eher eine Schnappschuss-Situation zu sein, dem man seine kleineren Mängel nachsehen möge. Und vielleicht ist es ja auch der journalistisch erhaschten Situation geschuldet, wobei ich der Tagespresse kaum ein vergleichbares Foto entnehmen konnte. Da ich selten einmal etwas an einer festgehaltenen Aufnahmesituation ändere (das gehört zu meinem Ethos des Fotografierens), hatte ich das Foto also „komplett“ – und ohne Beschnitt eingesandt. Ja, die Augen und der Gesichtsausdruck etc. – das ist mir durchaus bewusst, aber die Aufnahmesituation hatte unter diesen bescheidenen (Beleuchtungsverhähltnissen) Umständen nicht viel mehr herzugeben. …  Und auch die offenbar störende Rückenlehne scheint mir einfach da zu sein, ohne Wenn und Aber …

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