Leserfoto:
Eine schwungvolle Bildgeschichte

Welche Wirksamkeit eine schlichte, bedachte Komposition entfalten kann, zeigt das heutige Bildbeispiel.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Ein ungewöhnliches, aber interessantes Bild hat unser Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld (auch mit dem Namenszusatz ‘Lutherstadt’ bekannt) unter dem Titel “Es fehlt der Beistelltisch …” in der Kategorie ‘Konzept’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: “Ein Stein ist ein Stein ist ein Stein ist da ein Bogen stell dich rein… nutz den Raum und die Form gleich dich an soweit du kannst… zeig mit dem Arm eine Linie als Diagonale … und mach den Rücken krumm … sieht komisch aus … hat seinen Grund… hat einfach Spaß gemacht… “

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D300S verwendet. Über das Objektiv erfahren wir nichts, doch betrug die Brennweite 32.0 mm (entsprechend 48.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die weiteren Belichtungsdaten waren 1/125 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 200.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Bei der Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) treten der linke Rand des Torbogens und der rechte Rand des jungen Mannes als bildstabilisierende Senkrechten in Erscheinung (grüne Linien). Sie sind ähnlich weit von den Seiten her eingerückt, was deren statische und haltgebende Bedeutung betont. Demgegnüber weniger bedeutend ist der rechte Rand des Torbogens, der seinerseits nahe an den Bildrand gesetzt ist. Das eigentliche Motivzentrum besteht in einer Reihung größerer und kleinerer Auf- und Abwärtsschwüngen, die im Torbogen beginnen, sich über den Schirme und den Arm fortsetzen und im Kopf- und der Schulterpartie enden (gelbe Linien). Die Haare fallen ins Gesicht und verdecken den Blick, den wir gleichwohl nach links unten (siehe blaue Linie), auf jenen imaginären Beistelltisch hin (siehe rotes Fragezeichen) gerichtet erahnen. Das Bild ist insgesamt knapp ein Grad nach links verkippt.

Hinsichtlich der Tonwerte markieren der umgekehrte Schirm und die Haare des jungen Mannes die Schattenextreme in den Zonen 0 bis I, die etwas ausgewaschen wirkende Partien des Mauerwerks die Lichterextreme in den Zone IX bis X. Das Mauerwerk auf Unterschenkelhöhe des jungen Mannes fällt in die voll gezeichnete Zone IV, das restliche Mauerwerk (bis auf die genannten Ausreißer) in die Zonen VII bis IX. Das Histogramm ist, der ‘High-Key-Anmutung’ des Bildes folgend, insgesamt deutlich rechtsschief.

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In der Zusammenfassung möchte ich zunächst Dirks gestalterischen Ansatz würdigen.

Mit einer ‘gehörigen Portion dadaistisch anmutenden Humors’ versehen, hat er sich eine ungewöhnliche Bildidee erdacht und umgesetzt. Es entsteht eine ganz abstrakte, in positiver Weise allem Realismus und aller Zweckdienlichkeit enthobene ‘Bildgeschichte von großen und kleinen Auf- und Abwärtsschwüngen, von verstellten Blickrichtungen und imaginären Blickzielen’.

Kurzum ergriff mich bei dieser, aus dem ‘Meer belangloser Erinnerungs- und Dokumentationsbilder’ so inselartig und wohltuend herausragenden Arbeit eine ‘ganz unbändige Schaulust’. Und Empfindungen klangen gleichsam in mir an, ein tiefes Einvernehmen mit einer solchen – dem direkten Augenschein mißtrauenden, das hinter den Kulissen Verborgene suchenden und somit in schönster surrealistischer Tradition stehender – Weltensicht signalisierend …

Gewisse kleinere Unpäßlichkeiten darf ich noch ansprechen: da ist zum einem die leichte Verkippung des Bildes, die sich hier jedoch nicht mehr korrigieren läßt, da sonst der obere Torbogen zu sehr an den Rand stößt und die Komposition an Leichtigkeit verliert; und zum anderen das zu lichte und ausgewaschene Mauerwerk sowie die zu geringe Kontrastierung zwischen dem T-Shirt des jungen Mannes und der Rückseite des Torbogens. Letzteres habe ich mit dem Instrument ‘Tiefen/Lichter’ noch etwas auszugleichen versucht (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Überarbeitung’).

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Komposition

Komposition

Überarbeitung

Überarbeitung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Moin Moin Herr Brotzler,

    na da sage ich doch mal Dank für die Kritik zum Bild ” Es fehlt der Beistelltisch… ”

    Es freut mich… wenn sich aus der Idee und der Umsetzung das Ergebnis so erkennbar zeigt…

    die Umsetzung der Idee findet sich nun im geschriebenen Wort und in der KompositionAnsicht wieder…

    Dir Einordnung zum Dadaismus und die Folgen für den die BetrachterIn haben Sie in einer ebenso kreativen Wortfindung… find… wunderbar beschrieben…

    Die weiteren Bearbeitungsmöglichkeiten in den Tonwerten runden die Kritik verständlich ab …

    … auch wenn nicht jeder BetrachterIn etwas mit dem Bild anfangen kann… so ist selbst dieses eine Auseinandersetzung mit dem Bild inhaltlich und oder technisch… zu der ich DANKE schreibe …

    so und nun auf dem Punkt gebracht :-)

    … der Beistelltisch steht da wo er steht und wenn dann noch nen Keks dazu kommt… kann es auch Krümel geben über die man auch mal stolpern kann… dann gibt es einen Konzeptversatz der eine neue Komposition ermöglicht… oder auch nicht… :-)

    Besten DANK

  2. Glückwunsch Dirk, wieder ist es Dir gelungen mich sprachlos zu machen…

    Mach doch bitte weiter so… :-)

    Beste Grüße vom Candy Shop

  3. Moin Moin… Candy… verneig und Dank…

    Moin Moin Herr Brotzler… wie das so ist im Netz… ohne sich je persönlich begegnet zu sein, ist es die Bildsprache die das Interesse an den Arbeiten weckt.
    Konstruktive Worte zu unterschiedlichen Stielrichtungen in den Bildern schaffen Weitsicht und “Verbinden” über die Zeit mit dem Schaffen des Anderen…
    … ich habe durch Hinschauen und Beschreiben… was ich in Candys Bildern sehe… gelernt, was sich durch Körperhaltung und Körpersprache ausdrücken lässt … was sich auch in diesem Bild wieder findet… durch das aufmerksame Betrachten und Beschreiben haben Sie Herr Brotzler dieses bestätigt…

    noch mal DANK…

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