Fotografieren:
Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie (3)

Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte dieses vierteiligen Tutorials (die schon erschienenen Beiträge sind verlinkt) …

 
Belichtungszeit

Bildbeispiel: Mitziehbewegung (Quelle: Wikipedia)

Bildbeispiel: Mitziehbewegung (Quelle: Wikipedia)

Auch die Wahl der Belichtungszeit spielt eine entscheidende Rolle für die spätere Bildwirkung, wobei sich die Zusammenhänge bzw. die Vergleiche mit dem natürlichen Sehen als komplex erweisen – schließlich sehen wir Menschen die Umgebung ja eher in einer ‘filmischen Weise’ und nicht als aufeinanderfolgende Einzelbilder, wenngleich ein vorüberziehendes Objekt bei starrem Blick durchaus ‘verhuscht’ wirken kann.

Bildbeispiel: Bewegungsunschärfe  (Quelle: Marcus Leusch)

Bildbeispiel: Bewegungsunschärfe (Quelle: Marcus Leusch)

Die Seherwartung bei einer Fotografie geht gewöhnlich in Richtung eines ‘eingefrorenen Augenblicks’. Doch stellt auch dies bereits eine Konvention bzw. Abstraktion dar, denn bei schnellen Bewegungen wie etwa beim Fußball oder Motorsport ist eine solche Momentaufnahme ja eigentlich etwas Künstliches und Flüchtiges, was in dieser Form gar nicht existiert.

Bei Letzterem (Motorsport) kommt oftmals auch eine Mitziehbewegung der Kamera zur Anwendung, so daß das bewegte Objekt scharf, der unbewegte Hintergrund hingegen unscharf abgebildet wird (siehe Bildbeispiel ‘Mitziehbewegung’).

 

Bildbeispiel: Schwenkbewegung (Quelle T. A. Hoffmann)

Bildbeispiel: Schwenkbewegung (Quelle T. A. Hoffmann)

Andersherum kann es ein sehr wirksames und reizvolles Gestaltungsmittel sein, auch vergleichsweise langsame Bewegungen wie diejenigen von Fußgängern und Radfahrern in Unschärfe fallen zu lassen. Eine solche ‘verhuschte’ Darstellung der Szenerie vermag dem Bild etwas Unwirkliches, über den Augenblick Hinausreichendes verleihen (siehe Bildbeispiel ‘Bewegungsunschärfe’).

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch das Gestaltungsmittel der Schwenkbewegung bei ausreichend langer Belichtungszeit erwähnen. Dies überhöht die vorherige Darstellung der Bewegungsunschärfe bewegter Objekte im Bild noch dadurch, daß nun auch feststehende Objekte in eine Art künstliche Bewegung versetzt werden (siehe Bildbeispiel ‘Schwenkbewegung’).

Bildbeispiel: Langzeitbelichtung

Bildbeispiel: Langzeitbelichtung

Am anderen Ende (im Sinne einer langen Belichtungszeit also) warten weitere, reizvolle Gestaltungsmöglichkeiten – besonders in der Landschaftsfotografie, von der wir Bilder mit wattig wirkendem Wasser, ausgezogenen Wolken oder Sternspuren kennen. Auch dies sind Anblicke, die unser Auge in dieser Form nie erfassen könnte (siehe Bildbeispiel ‘Langzeitbelichtung’).

Empfehlungen bzw. Leitfragen für eine bewußte Gestaltung mit Hilfe dieses ‘Instruments’ lassen sich demnach wie folgt formulieren …

 

 

  1. Führe Dir im Vorfeld die enormen Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Bereich vor Augen, sei es in Richtung eines ‘Einfrieren’ bewegter Objekte durch ultrakurze Belichtung oder der ‘Verhuschung’ langsam bewegter bzw. statischer Objekte durch längere Belichtung bzw. Verschwenkung.
  2. Überlege Dir, welche der genannten Darstellungsformen der beabsichtigten Bildwirkung am besten dient.
  3. Bedenke weiter, für welche Effekte die Stativverwendung (bei Langzeitbelichtungen in der Landschaft, evtl. auch in Streetsituationen) oder eher die Freihändigkeit (bei Schwenk- und Mitziehbewegungen, evtl. auch in Streetsituationen mit Bildstabilisator) in Frage kommt.

Blendenöffnung

Wichtige Gestaltungsmöglichkeiten ergeben sich auch die Wahl der Blendenöffnung. Bekanntermaßen bedingt eine kleine Blendenöffnung bzw. große Blendenzahl dabei eine große Schärfentiefe, eine große Blendenöffnung bzw. kleine Blendenzahl hingegen eine geringe Schärfentiefe.

Bildbeispiel: Lensbaby mit Sweet Spot links unten

Bildbeispiel: Lensbaby mit Sweet Spot links unten

Wie schon in der Einleitung erwähnt, folgt unser natürliches Sehen ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wir fokussieren eine Szene, indem wir durchaus mit der Linse unseres Auges scharfstellen; doch entscheidend auch durch die Blickrichtung, indem wir das gewünschte Objekt mit dem ‘Gelbem Fleck’ (jenem Bereich unserer Netzhaut mit der größten Dichte von Sehzellen also) erfassen, während die Peripherie dann unweigerlich in Unschärfe verfällt. Zugleich komplettieren wir den Eindruck von Schärfentiefe einer gesehenen Szene durch rasche, abtastende Augenbewegungen und verrechnen dies in unserer Sehrinde zu einem einheitlichen Gesamtbild.

Bildbeispiel: Porträt mit geringer Schärfentiefe (Quelle: Maike Frisch)

Bildbeispiel: Porträt mit geringer Schärfentiefe (Quelle: Maike Frisch)

All dies kann eine Kamera-Objektiv-Einheit bauartbedingt nicht reproduzieren, da sie eine definierte, sich über das ganze Bild erstreckende Schärfezone aufweist. Eine Randbemerkung im Sinne spezieller Verfremdungsmöglichkeiten noch hierzu: am ehesten simuliert noch das ‘Lensbaby-Objektiv mit seinem Schärfekreis bzw. Sweet Spot’ optisch jene Eigentümlichkeit unseres Sehapparates – siehe dazu auch mein einschlägiges Tutorial zum Lensbaby oder das nebenstehende Bildbeispiel).

Bildbeispiel: Naturnahes Stilleben mit geringer Schärfentiefe

Bildbeispiel: Naturnahes Stilleben mit geringer Schärfentiefe

Doch zurück zu den gängigen Beeinflussungsmöglichkeiten durch die Blendenwahl. Konventionelle Seherwartungen bei der Fotografie (die durchaus ästhetischen Gewohnheiten entsprechen) gehen in die Richtung einer großen Schärfentiefe bei Landschaften und einer geringen bei Porträts (siehe Bildbeispiel).

Doch kann man hier im Sinne eines ‘kalkulierten Regelbruchs’ auch mal anderes versuchen – etwa ein landschaftliches oder naturnahe Szenerie mit geringer Schärfentiefe, die dem Bild den Charakter eines Stillebens verleiht (siehe Bildbeispiel); oder ein Umgebungsporträt mit großer Schärfentiefe, wodurch die Umgebung als bildwichtig betont wird.

Bildbeispiel: Makrofotografie

Bildbeispiel: Makrofotografie

Ganz auf der Seite geringer Schärfentiefe ist man im Bereich der Makrofotografie, der übergroßen Abbildung kleiner Objekte aus größter Nähe also. Auch eine kleine Blendenöffnung bzw. große Blendenzahl wird daran wenig ändern, da die Schärfentiefe bei Annäherung an das Objekt abnimmt (siehe Bildbeispiel ‘Makrofotografie’).

Empfehlungen bzw. Leitfragen für eine bewußte Gestaltung mit Hilfe dieses ‘Instruments’ lassen sich demnach wie folgt formulieren …

  1. Führe Dir auch hierzu die enormen Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Bereich vor Augen, sei es im Sinne einer ‘Freistellung des Hauptmotivs von der Umgebung’ durch geringe Schärfentiefe oder eben der ‘Anbindung von Vorder- und Hintergrund’ im Sinne einer hohen Schärfentiefe.
  2. Überlege Dir, welche der genannten Darstellungsformen der beabsichtigten Bildwirkung am besten dient.
 

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