Leserfoto:
Das Bild im Bild

Das ‘Bild im Bild’ oder auch den ‘Fotografen beim Fotografieren’ festzuhalten, ist ein reizvolles Thema. Wie daraus Bildgeschichten entstehen können, wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

schulfest_02

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Unser Leser Tilman Jochems aus dem nordrhein-westfälischen Kreuztal hat uns das obige Bild unter dem Titel “Schulfest” in der Kategorie ‘Schnappschuß’ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: “Schulfest eines Sohnes, leider kann ich die ca. 200 Bilder von den Kindern nicht zeigen … Mir fiel dieser Fotoapparat auf, gehalten von einer Frau einige Reihen vor mir. Schön fand ich, ein und dieselbe Szene 2 mal darzustellen. Durch meinen eigenen Apparat als Hintergrund, und stark überhellt im Display der Frau (Gegenlichtaufnahme). Das Foto habe ich bearbeitet. Den Hintergrund und die Haut wurde mit einem Gaußschen Filter geglättet. Das war meine erste Erfahrung mit Gimp… ich bin ziemlich beeindruckt. Habe leider noch etwas ungenau gearbeitet. Wie findet ihr das Bild?”

Zur Aufnahme wurde eine FinePix HS10 HS11 als Bridgekamera mit integriertem 4.2–126.0mm-Zoomobjektiv verwendet. Die Brennweite betrug 50.4 mm, entsprechend etwa 287 mm Kleinbildäquivalent (hallo!) bei einem Formatfaktor von etwa 5.7, die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 1600.

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Wir hören, daß Tilman eigentlich lieber die Kinder porträtieren wollte, doch dann davor zurückschreckte. Dies ist verständlich und richtig, denn bei der Veröffentlichung von Bildern fremder Kinder wäre ja eine verbindliche Genehmigung aller betroffener Eltern vonnöten. So behalf er sich mit dem hier gezeigten Motiv und den durch die Unschärfe gewahrten Persönlichkeitsrechten der Abgebildeten, ohne aber damit ganz zufrieden zu wirken. Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Die Komposition (siehe dazu das untenstehende, gleichnamige Bild) paßt soweit – über den Bogen des angeschnittenen Kopfes findet der Blick zum Arm, folgt diesem hoch und endet beim etwa im Goldenen Schnitt gelegenen Fotoapparat (siehe gelbe Linien), dessen Dysplay durch den Dreiklang verstärkter Helligkeit, Farbigkeit und Schärfe einen wohltuend spannungsvollen Kontrast zum Hintergrund abgibt. Solches bildet das Motivzentrum und wird angenehm durch die drei schemenhaft erkennbaren Gesichter im Hintergrund (siehe rote Kreuze) flankiert.

Hinsichtlich der Tonwerte zeigt sich das Histogramm deutlich linksschief. Gerade im Bereich der randständigen Schatten finden wir einige Tonwertabbrüche, die jedoch nicht weiter stören (im Bereich der Lichter ist das wesentlich kritischer). Bei den Farben dominieren Blautöne im Motivzentrums des Dysplays, warme Töne hingegen im Rest des Bildes. Die Struktur gibt ein wenig zu denken, da sich gar kein richtiges Schärfemaximum ausmachen läßt – es mag wohl der auf Nachziehen eingestellte Autofokus gewesen sein, der wieder einmal ‘schlauer wie der Fotograf’ sein wollte …

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In der Zusammenfassung möchte ich gerne Tilmans Zwiespältigkeit hinsichtlich des Motivwerts aufgreifen.

Es machte in dieser Situation ‘ein ganz anderes Bild als die anderen’: alle richteten ihre Kamera stereotyp auf die Schüler, er hingegegen machte eben diese Art des Fotografierens zum Thema. Ein solches ‘Ausscheren aus dem Pulk’, ein solch individueller Gestaltungsanspruch schien ihn aber auch zu verunsichern: wenn alle anderen es so machen, muß es doch richtig sein?!

Und doch meine ich, daß Tilman richtig lag, das Klischee zu meiden und eben nicht ‘eines jener ewig gleichen Erinnerungsbilder, die nachher sowieso keiner mehr anschaut’, anzufertigen. Mir fällt in diesem Zusammenhang Ara Güler ein, der bekannte Magnum-Fotograf türkisch-armenischer Abstammung mit seinen zu Herzen gehenden Straßenbildern, der über den Motivwert von Sehenswürdigkeiten einmal sagte: „Wenn ich die Hagia Sophia fotografiere, ist für mich am wichtigsten der Mensch, der an ihr vorbeiläuft.”.

In diesem Sinn also ‘frisch auf und unverzagt’ …

Auch ich bin in solcher Hinsicht nicht unbelastet. Wann immer ich bei meinen Fotoexkursionen bei ‘sogenannten Sehenswürdigkeiten’ vorbeikomme (selten genug, ich meide diese zumeist), ereilen mich ganz seltsame Wahrnehmungen und Empfindungen: In Bataillonsstärke aufgereiht stehen dort die Touristen, alle machen ein und dasselbe Bild, alle halten die Kompaktkameras in einer Weise vor sich hoch, die dem historisch Beflissenen ein ‘kleines Déjà-vu des Nürnberger Reichsparteitages’ bescheren mag.

Doch andererseits erfordert ein solch individueller Gestaltungsansatz auch Akkuratesse, nicht jeder ungewohnte Blickwinkel kann im Bild und beim Betrachter Wirkung entfalten. Es bräuchte dazu noch jenen Bildwitz oder jenes Hintergründige, vielleicht auch Ironische, wie wenn also etwa der Hintergrund auf den ‘Abgebildet-Abbildenden’ zurückfiele und mit diesem selbst ein Spielchen triebe.

Um Euch ein Beispiel dafür zu geben, in welche Richtung so etwas gehen könnte, habe ich eine Arbeit aus meinem Streetportfolio herausgesucht (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Vergleichsbild’). Eine Frau fotografiert die bekannten ‘Alignement de Carnac‘ (ich weiß gar nicht mehr, ob es Kerlescan, Le Menec oder Kermario war; es ist auch nicht wichtig). Es ist, wie wenn sie im Bild absichtlich nach rechts rückt, um uns über das Gesehene mitstaunen zu lassen (“kommt, schaut doch, wie toll!”), wo wir zunächst nur ‘eingezäunte Wuschelnatur’ sehen. Ihr abgespreizter linker Kleinfinger signalisiert allerhöchste Verzückung. Und was macht die Szenerie? Gar nichts, es juckt sie nicht. Oder es ist ihr lästig, eins ums andere Mal beknipst zu werden. Sie schickt ein Unwetter, welches solchem Treiben vorübergehend Einhalt gebietet …

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Kompositiion

Kompositiion

Vergleichsbild

Vergleichsbild

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für Deine interessante Besprechung, Thomas!

    „ohne aber damit ganz zufrieden zu wirken“. Ja, da hast Du den Punkt getroffen. Ich weiß nicht woher das kommt. Eigentlich ist das Internet ja mit Bildern überflutet (Facebook, Streetview usw.), und wenn man einmal „Schulfest“ bei Google eingibt, so bekommt man 34 Seiten gefüllt mit Kinderbildern zu sehen… da wird dann das einzelne Bild unwichtig. Aber viele Eltern haben Angst. Das respektiere ich, aber zufrieden macht es mich auch nicht :-> Aus meinen Bildern wurde ein Album zusammengestellt, welches die Eltern kaufen konnten. So habe ich ein wenig zu der Finanzierung eines Schulorchesters, das große Projekt dieser Grundschule, beitragen können.

    „da sich gar kein richtiges Schärfemaximum ausmachen läßt“ Ja, das ist meine Schuld. Ich hatte zwar den Fokus manuell eingestellt (bei der gegebenen Beleuchtung hat in der Tat die Automatik nicht mehr funktioniert), aber bei ISO 1600 sind die Bilder meiner Kamera immer verschwommen. So habe ich die Schärfe ziemlich nachgearbeitet (z.B. unscharf maskieren des Fotoapparats, jedoch weichzeichnen des Arms um das Rauschen zu vermindern). Da habe ich wohl übertrieben, ich sehe es jetzt auch.

    „287 mm Kleinbildäquivalent (hallo!)“ Maximal hat die HS10 ein Zoom von 720mm. Das ist schon Wahnsinn, und hat mir auch beim Schulfest gut geholfen. Man kauft es wiederum mit mangelnder Schärfe ein.

    Dein Vergleichsbild ist wunderbar, da muss ich noch viel lernen :->. Danke auch für den anregenden Link zu Ara Güler.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

    • Lieber Tilman, dann mach doch ruhig beides … eine Kollektion von konventionellen Porträts für den internen Gebrauch, soweit gewünscht; und unkonventionelle Blickwarten ‘für den Künstlerolymp’ :o) …

    • Hallo Thomas, machst Du Dich etwa lustig über mich? Ich kann jedenfalls über Deinen Kommentar lachen! Ich zeige Dir mal mein Lieblingsfoto [http://sdrv.ms/14eh4b3] aus der Serie der konventionellen Porträts. Auch wenn das Bild unscharf ist, so finde ich es unheimlich schön… sein Titel „Growth“ :->

    • Es liegt mir fern, mich über andere lustig machen zu müssen. Sofern eine schnoddrige Formulierung in solcher Weise mißverständlich war, hätte ich es zu bedauern …

      Was ich sagen wollte, ist, daß konventionelle Bilder natürlich auch gefällig und wertvoll sein können. Dein Bild ‘Konzentration‘ etwa ist in solcher Weise klassisch bzw. konventionell aufgebaut – und ich mag es sehr, wie Du weißt.

      Aber ich schätze darüber hinaus eben auch besonders jene unkonventionelle Ansätze, die auf einen frischen Blick und eigenständigen Gestaltungsansatz hinweisen, wie etwa Dein Bild ‘Circular‘ oder dieses hier.

  2. Disclaimer:
    Wenn ich jetzt etwas kritisiere, so ist das nicht “lustig machen” über etwas, sondern meine konstruktive, wenngleich ausgesprochen wenig euphorische Meinung.

    Im Zeitalter sucherloser Kameras und Smartphones mit Bildschirm ist es wirklich kein besonderes Bild, die allerorten massenhaft hochgereckten Arme mit den Kameras abzulichten, die einem normalen Beobachter immer häufiger (und zunehmend nervend) dreist die Sicht nehmen…

    Insofern mag das Bild PERSÖNLICH für die Eltern und Kinder sehr wichtig sein, für Dritte als Betrachter halte ich das Motiv mittlerweile jedoch für abermillionenfach auffindbar und daher (leider) eher banal.

    Eine offensichtlich französischsprachige Mutter macht ein Video und 28 sekunden nach dem Start macht jemand Anderes ein Foto des Armes mit der Kompaktkamera und ihrem Bildschirm vor dem verschwommenen Hintergrund, der logischerweise die gleiche Szene zeigt. Punkt. Das war’s.

    Ich sehe hier nichts, was auch nur ansatzweise formal, fototechnisch, inhaltlich oder sonstwie das Interesse eines von der Veranstaltung nicht Betroffenen wecken könnte.

    Meine ehrliche Meinung.

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