Leserfoto:
Brüche der Seherwartung

Um bildwirksame Brüche der Seherwartung, aber auch um einige formale Aspekte der Streetfotografie soll es in der heutigen Bildbesprechung gehen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser David Jeger aus Breitenbach im Kanton Solothurn hat uns das obige Bild unter dem Titel „Don’t worry be happy” in der Kategorie ‘Street’ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Dieses Bild wurde auf meinem Europatrip in Budapest im sommer 2012 aufgenommen.”

Über die verwendete Ausrüstung und das Aufnahmesetup erfahren wir nichts, auch wurden die Exif-Daten im Zuge der Bildbearbeitung gelöscht. Da das ursprünglich eingereichte Bild mit 1536 mal 2048 Pixel etwas groß für eine normale Monitoranzeige war, habe ich es für unsere Zwecke auf 600 mal 800 Pixel verkleinert.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Rasch fallen uns im Bild einige Problembereiche auf (siehe dazu das untenstehende, gleichnamige Bild) – es ist insgesamt um etwa 1.5 Grad nach rechts verkippt (gelbe Linien), einige dunkle, in das Mauerwerk eingelassene Schrauben am linken und rechten Bildrand lenken vom eigentlichen Motiv ab (blaue Kreise), der Abgebildete versinkt insgesamt zu sehr im Schatten (rote Kreuze), und das Mauerwerk wirkt insgesamt zu ausgebleicht.

Diese Mängel ließen sich in der Überarbeitung mit vertretbarem Aufwand korrigieren (siehe dazu das untenstehende, gleichnamige Bild). Anhand der überarbeiteten Version möchte ich nun die kompositorischen Elemente besprechen.

In der Komposition (siehe dazu das untenstehende, gleichnamige Bild) rahmen die Mauerkanten (gelbe Linien) die Szene ein und geben dieser Halt. Die als Versatz erscheinenden Vorsprünge in Bodennähe bringen zugleich ein diagonales Element ins Bild. Dieses setzt sich in der Blickführung mit Einstieg an den Beinen des Abgebildeten, der Weiterführung über Arm und Lehne und dem zweifachen Abschluß bei der Hand mit Victory-Zeichen und dem freundlich den Betrachter musternden Gesicht fort.

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Zusammenfassung: Die Szene hat viel Potential in kompositorischer und dramatischer Hinsicht. David gebührt insofern Anerkennung, dies gesehen und festgehalten zu haben.

Doch möchte ich schon auch darauf hinweisen, daß mit der nicht ganz perfekten Ausschnittwahl (die Verkippung und die störenden Elemente am Bildrand) und Ausarbeitung (das überbelichtet-verwaschene Mauerwerk und die zu sehr im Schatten versinkende Hauptperson) besagtes Potential leider verschenkt zu werden drohte.

Ich will nicht verhehlen, daß es namhafte Stimmen gibt, die der Bildgeschichte in der Streetfotografie weitgehenden Vorrang vor Fragen der Bildausrichtung und Tonwertverteilung einräumen – und die bei diesem Bild insofern wohl zu einer anderen Beurteilung kämen. Zu dieser Gruppe zähle ich jedoch mich nicht – nach meinem Dafürhalten bedarf es auch in der Streetfotografie formaler Akkuratesse, um die inhaltlichen Aspekte wirklich zur Geltung zu bringen.

Doch genug mit solchen Formalismen …

Was mich bei diesem Motiv sehr ansprach, war ‘eine Art doppelter Frechheit’. Es ist zum einen die entspannte und optimistische Ausstrahlung des Abgebildeten, die unsere ‘Seherwartung der Elendsanmutung der Behinderten und Randständigen’ konterkariert.

Aber da ist noch etwas anderes, eine zweite, subtile Ebene: in vielen solcher Bilder mit High-Key-Anmutung würden wir (das Kalenderbild läßt grüßen …) wohl eher ‘eine sich lasziv räkelnde Halbnackerte, die es gar nicht erwarten kann, mit dem Betrachter hinter der Mauer zu verschwinden’ erwarten. Soweit das Stereotyp. Und was tut David? Er setzt an deren Stelle nun frecherweise einen Körperbehinderten …

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Problembereiche

Problembereiche

Überarbeitung

Überarbeitung

Komposition

Komposition

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Gelungene Überarbeitung.

  2. Stimme zu, gelungene Überarbeitung;
    jedoch bin ich der Überzeugung im Gegensatz zum Kritiker, dass Street tatsächlich nicht die Ansprüche, wie in der Atelierfotografie angewendet werden dürfen; es gibt zuviele Umgebungsfaktoren, die eine Szene erschweren. Bei einer Korrektur fällt oft dann zuviel vom Bild weg, es wirkt dann zu nahe. Hier war es möglich und es wurde auch die BA gekonnt eingesetzt.
    Mit freundlichen Grüßen

  3. Bearbeitung gelungen .Das Bild gewinnt dadurch schon an Ausdruck.
    Ich finde aber auch das das sympatische “Model” so positv rüber kommt das ich notfalls auch ohne Bearbeitung mit dem Bild klarkomme.

  4. Auch ich finde, daß das Foto durch die Bearbeitung enorm an Ausdruckskraft gewinnt.

    Zudem nimmt der “Held” der erzählten Geschichte den ihm zustehenden größeren Anteil an der Bildfläche an, ohne daß der (architektonisch-situative) Kontext verschwimmt.

    Zum angeführten Problem des Wegfallens von zuviel Bildfläche bei Korrektur (hier: Geradestellen der Vertikalen) :

    Ich war durch die Diafotografie Jahrzehnte darauf trainiert, bereits beim Fotografieren den optimalen “Rahmen” zu suchen.

    Einer der vielen, vielen Vorteile der heutzutage hochauflösenden Digitalen Fotografie ist es, daß man bewusst (zumindest als zusätzlichen Schuss) “mehr Fleisch” an den Bildrändern lässt und sich daher mehr Möglichkeiten bei der späteren Bearbeitung hat, insbesondere beim Geradestellen des Bildes.

    Ansonsten: Gutes Motiv, gute Inszenierung, was dieses Bild von vielen eher durchschnittlichen anderen Fotos ( die oft genug leider Safari-artig aus dem Hinterhalt “geschossen” werden) SEHR wohltuend unterscheidet, ist die Aufnahme des Kontaktes mit dem Portraitierten, was automatisch zum virtuellen Blickkontakt mit dem Betrachter führt.

    Ein Foto, welches mit sehr gefällt und durch die Bearbeitung noch einmal stark gewinnt – aus meinen Augen durchaus ausstellungsreif!

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