Fotografieren:
Möglichkeiten der Bildverfremdung in der klassischen Fotografie (4)

Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte dieses vierteiligen Tutorials …

 
Brennweite

Wir kommen nun zur Wahl der Brennweite im Sinne eines realitätssimulierenden bzw. -verfremdenden Gestaltungsmittel.

Bildbeispiel: 17 mm kleinbildäquivalenter Brennweite

Bildbeispiel: 17 mm kleinbildäquivalenter Brennweite

Um das konventionelle Sehen zu definieren, müssen wir nochmals kurz auf die Eigentümlichkeiten unseres Auges zurückkommen. Wie schon ausgeführt, weist das menschliche Gesichtsfeld eine gewölbt ovale Form auf. Das einzelne Auge hat dabei einen Öffnungswinkel von etwa 90 Grad zur Seite, jedoch von nur 60 bis 70 Grad nach oben, nach unten und zur Nase hin.

Im Sinne einer gewissen Vereinfachung, die zugleich die Komplexität des nur zentral scharfen Sehens einbezieht, spricht man von einer etwa 50 mm entsprechenden Brennweite unseres natürlichen Sehens. Brennweite und Öffnungswinkel des Blicks lassen sich umrechnen, und das Maß dieser Faktoren bestimmt, wie groß bzw. klein sich uns Vordergrund- im Verhältnis zu Hintergrundobjekten darstellen.

Bildbeispiel: 250 mm kleinbildäquivalenter Brennweite

Bildbeispiel: 250 mm kleinbildäquivalenter Brennweite

Dieser Aspekt ist uns auch aus der Fotografie geläufig. Ein Weitwinkelobjektiv läßt Nahes größer und näher und Fernes kleines und ferner (im Vergleich zur Normalbrennweite von 50 mm) erscheinen, entsprechend rücken die Objekte auseinander und vertieft sich der Raumeindruck; für Teleobjektive gilt das Umgekehrte, Nahes und Fernes rückt näher zusammen, die Objekte werden gestaucht und der Raumeindruck mindert sich.

Je mehr die gewählte Brennweite nun von der normalen bzw. natürlichen von 50 mm abweicht, desto verfremdeter ist die resultierende Bildwirkung (siehe Bildbeispiele).

 

Bildbeispiel: Fisheye-Objektiv (Quelle: Wikipedia)

Bildbeispiel: Fisheye-Objektiv (Quelle: Wikipedia)

Auch hierzu noch eine Randbemerkung: vollends unwirklich wird die Bildwirkung bei Verwendung eines sogenannten Fisheye-Objektivs, welches bei der Vollformatkamera bei 10 mm Brennweite bzw. 130 Grad Öffnungswinkel bzw. 8 mm Brennweite bzw. 140 Grad Öffnungswinkel beginnt. Sämtliche geraden Linien, die nicht durch den Bildmittelpunkt laufen, sind dabei gekrümmt (siehe Bildbeispiel).

Empfehlungen bzw. Leitfragen für eine bewußte Gestaltung mit Hilfe dieses ‘Instruments’ lassen sich demnach wie folgt formulieren …

  1. Bedenke schon im Stadium der Motiverarbeitung, welchen entscheidenden Einfluß die Wahl der Brennweite auf die grundlegende Komposition und spätere Bildwirkung nimmt.
  2. Untersuche die ausgewählten Bildelemente mit Hilfe unterschiedlicher Brennweite in Hinblick auf die gewünschte Bildwirkung und spiele mit der sich dadurch ganz unterschiedlich einstellenden Bildkomposition. Dies läßt sich nur durch den Kamerasucher, nicht aber mit unserem ’50-mm-Normalblick’ durchführen.

Nachbearbeitung

Im letzten Abschnitt möchte ich noch einige Möglichkeiten der Nachbearbeitung zur Erzielung bildverfremdender Wirkungen vorstellen. Wie in der Einleitung bereits angemerkt, beschränke ich mich dabei im wesentlichen auf Instrumente, über die Analogfotografen alter Tage in ihren Dunkelkammern bereits verfügten und lasse die vielfältigen Möglichkeiten der ‘Digital Art’ (bei der irgendwann die Grenze zur Malerei und Zeichnung überschritten ist) außen vor.

Histogramme bei schatten- (Low Key), mitten- und lichterbetonter (High Key) Ausarbeitung

Histogramme bei schatten- (Low Key), mitten- und lichterbetonter (High Key) Ausarbeitung

Eine grundlegende Möglichkeit ist diejenige der Tonwert- bzw. Zonenverschiebung im Sinne einer generellen Abdunklung bzw. Aufhellung des Gesamtbildes. So kann eine ‘Low-Key-Bearbeitung’ etwa die düstere Stimmung eines verlassenen Hinterhofs, eine ‘High-Key-Bearbeitung’ etwa den strahlenden Ausdruck einer porträtierten Person ansehnlich unterstützen.

Solchen Möglichkeiten sind freilich durch die Güte des Ausgangsbildes und der Belichtung gewisse Grenzen gesetzt – weitflächige Tonwertabbrüche am linken (‘zulaufende Schatten’) und rechten Rand (‘ausbrennende Lichter’) gilt es dabei zu vermeiden.

Eine sehr grundlegende Verfremdungsmöglichkeit stellt schließlich die Schwarzweißkonvertierung im Sinne einer Reduktion und Übersetzung der farbig gesehenen Wirklichkeit in bildhafte Tonwerte dar. Hier gilt es freilich grundlegende Unterschiede der Fotografierarten zu beachten: während der Analogfotograf alter Tage die Farbkanäle nur vor der Aufnahme und relativ grob durch die Wahl geeigneter Farbfilter beeinflussen konnte und ansonsten von vornherein auf Schwarzweißfilm aufnahm, ist der Digitalfotograf hierbei eindeutig im Vorteil. Er nimmt sein Ausgangsbild mit allen Farbinformationen auf und kann die Auslenkung der Farbkanäle in der softwaregestützten Schwarzweißkonvertierung sehr subtil steuern.

Bildbeispiel: Schwarzweißkonvertierung mit selektiver Betonung des Gelb-Grün-Kanals

Bildbeispiel: Schwarzweißkonvertierung mit selektiver Betonung des Gelb-Grün-Kanals

Generell hat der Schwarzweißfotograf im Sinne der Bildverfremdung einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Farbfotografen: kein Betrachter erwartet hierbei eine realistische Wiedergabe einer gesehenen Szene, da der Verzicht auf die Farbe als zulässige Abstraktion hingenommen wird. Je nach Stärke des Grün- und Gelbkanals (in extremster Form bei der Infrarotfotografie) wird zum Beispiel Laub deutlich heller (im Extremfall leuchtend weiß) als beim normalen Sehen dargestellt. Oder die Hautfurchungen eines Porträtierten lassen sich durch den Blaukanal extrem betonen.

Bildbeispiel: Crossentwicklung und Pseudosolarisation

Bildbeispiel: Crossentwicklung und Pseudosolarisation

Erwähnen möchte ich schließlich noch die auch für Farbfotografen interessante, simulierte Crossentwicklung, die in Photoshop etwas versteckt als eine der Vorgaben in der Gradationskurve verfügbar ist. Es handelt sich dabei ebenfalls um eine alte Dunkelkammertechnik, bei der das Farbnegativ im umgekehrter Reihenfolge entwickelt wurde und im Ergebnis knallige Farben, hohen Kontrast, meist grobes Korn und auch leichte Unschärfe aufwies.

Weitere Verfremdungsmöglichkeiten ergeben sich durch die simulierte Pseudosolarisation, die als Dunkelkammertechnik zur extremen Kantenbetonung und Kontrastverstärkung ebenfalls weithin bekannt war (siehe dazu die einschlägigen Wikipediaartikel zu Crossentwicklung und Pseudosolarisation oder das nebenstehende Bildbeispiel).

Fazit

Im Rahmen dieses Tutorials wollte ich Euch die verschiedenen Beeinflussungsmöglichkeiten im Zuge der Motiverarbeitung, Aufnahmesteuerung und konventionellen Nachbearbeitung aufzeigen, die im Sinne eines verfremdenden (also die konventionellen Sehgewohnheiten und -erwartungen bewußt brechenden und damit etwas für unser Auge nicht direkt Sichtbares aufzeigenden) Abbildungsstils zur Verfügung stehen.

Ich kann nur dafür plädieren, diesen ‘Schatz an Möglichkeiten’ auch gezielt im Sinne einer bewußten Bildgestaltung und zur Erzielung einer nachhaltigen Bildwirkung zu nutzen. Im Gegenzug wäre es doch jammerschade, diesen im Zuge ‘beiläufigen Knipsens’ links liegen zu lassen …

 

Ein Kommentar

  1. Ansprechendes Tutorial. Ich finde die gebrachten Beispiele für die Verwendung von Fotos durch die Brennweiten wirklich gut erklärt. Für Anfänger ist das ganze gut verständlich

    Grüße
    Stephan

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