Leserfoto:
Atmosphärisches Straßenleben

Am heutigen Bildbeispiel wollen wir formale und inhaltliche Aspekte der Streetfotografie besprechen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Mathias Ondraczek aus dem sauerländischen Brilon/Madfeld hat uns das obige Bild unter dem Titel „Berliner Momente” in der Kategorie ‘Street’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Ich will und kann nicht viel zu diesen Bild sagen … macht euch selber einen eindruck von dem was ihr seht! … das ist doch das worum es geht in fotografie … du kannst sehen was immer du sehen willst!”

Zur Aufnahme wurde eine Samsung NX1000 als Systemkamera verwendet. Die Brennweite betrug 20 mm, entsprechend 30 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5, die Belichtungsdaten waren 1/40 Sekunde bei Blende f/3.5 und ISO 100. Das eingereichte Bild war mit 2626 mal 1751 Pixel etwas groß für normale Monitore, so daß ich es für unsere Zwecke auf 900 mal 600 Pixel verkleinert und dezent nachgeschärft habe (selektiver Scharfzeichner mit Stärke 60% und Radius 0.3 Pixel).

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Etwas einsilbig erscheint mir Mathias in seiner Beschreibung, ein dezentes ‘take it or leave it’ meine ich auch herauszuhören, jedoch keine wirklichen Fragen … vielleicht tauchen diese im Rahmen der Besprechung und der Diskussion ja noch auf. Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Sehr schnell fällt der Blick auf einige Problembereiche der Arbeit (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild). Weite Bereiche der Szenerie versinken in den zeichnungs- und modulationsfreien Schatten der Zone 0 (rote Schrift ebd.) und lassen den Betrachter das dramatische Geschehen allenfalls erahnen. Und es sind jene nach unten stürzenden Linien (gelbe Linien ebd.), die uns zur Frage veranlassen, aus welchem Grund hier derart von oben herab fotografiert werden mußte.

So normalisierte ich in der Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zunächst die Perspektive, um den Fotografen und uns Betrachter auf Augenhöhe mit dem Geschehen zu bringen. Sodann galt es, mit Hilfe des Instruments ‘Tiefen/Lichter’ die weitgehend geschlossenen Schatten der Zonen 0 bis I in die offenen Schattenbereiche der Zonen II bis IV anzuheben und den Mitteltonkontrast zu erhöhen, um das Bild ‘zum Leuchten zu bringen’.

Anhand dieser überarbeiteten Version möchte ich nun die Komposition besprechen (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild). Aus den unteren Ecken wird der Blick, demarkiert durch den Kontrast von hellerem Untergrund und dunklerem Wandsockel in das Zentrum des Geschehens geführt (gelbe Linien ebd.). Wir erkennen einen sitzenden Mann, zugleich eine jüngere, entgegenkommende Frau (rote Kreise ebd.). Bildspannung entsteht über die Frage, ob und inwiefern diese beiden Protagonisten in Kontakt sind oder treten. Diese horizontal mittig, vertikal etwa in den Goldenen Schnitt gelegte kleine Gruppe dunkler gehaltener Personen findet seine Einrahmung und Betonung unmittelbar durch den vergleichsweise helleren Hintergrund, mittelbar durch die vertikalen Linien zu den Bildrändern hin (blaue Linien ebd.). Abschließend schweift der Blick noch in den Details des Hintergrundes.

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In der Zusammenfassung möchte ich Mathias’ Blick für die Szene würdigen – für jene Gassenflucht mit ihren Tiefen und Spiegelungen, mit dem Spannungsbogen der beiden Personen, mit den vielen Details im Hintergrund … spontan dachte ich eher an eine ‘französische Szene’ und war erstaunt, daß es so etwas in unserem so aufgeräumten und durchorganisierten Land noch gibt. Insofern glaube ich, daß Mathias einen guten Blick für das Atmosphärische und Dramatische hat.

Die gedanklichen und gefühlsmäßigen Prozesse bei der Motivfindung und -erarbeitung laufen bei jedem Fotografen unterschiedlich ab – die Spanne reicht legitimerweise vom nüchternen, rationalen Kalkül mit akribischer Inszenierung bis hin zur intuitiven Erfassung des Vorgefundenen mit dem ‘Bauchgefühl’ bzw. dem, was die malenden Surrealisten als Prozeß der ‘peinture automatique’ beschrieben.

Sofern sich Mathias einen Rat für seine weitere fotografische Entwicklung wünschte, würde dieser sich auf den technischen bzw. formalen Aspekt konzentrieren. Er sollte sich zum einen mehr auf ‘Augenhöhe mit dem Gesehenen’ einlassen und sich mit den Möglichkeiten der ‘digitalen Dunkelkammer’ noch mehr beschäftigen. Seine Bilder, die (soweit sich an diesr Arbeit abzeichnet) motivisch schon jetzt ein großes Potential aufweisen, würden dadurch noch beträchtlich gewinnen.

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Problembereiche

Problembereiche

Überarbeitung

Überarbeitung

Komposition

Komposition

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Das Aufhellen der Schatten hat dem Bild auf jeden Fall gut getan.

    • Finde ich überhaupt nicht, muss ich sagen, denn durch die Aufhellung geht die ganze Stimmung flöten. Ich finde das Bild lebt von dem vom Licht erhellten nassen Asphalt und den dazugehörigen Schatten. Das ist in der Nachbearbeitung einen grauen Einerlei gewichen, der keinen Ruhepunkt (der Blickfang) mehr auffweist.
      Es stimmt allerdings, dass mir das Bild auch irgendwie zu dunkel ist. Vielleicht sind auch die auftretenden Personen eine Spur zu klein. Sie verlieren sich dann doch etwas zu sehr in dem grossen schwarzen Bild. Vieleicht tut’s ein Beschnitt (obwohl dann die fallenden Linien weniger werden).
      Ansonsten finde ich das Bild recht gut. Aber wie gesagt: lieber im Original als in der aufgehellten Bearbeitung.
      Danke fürs lesen :-)

  2. Ich bedanke mich sehr fuer die Kretik an meinem Foto und werde sie zu Herzen nehmen!

    Vielen Dank!

  3. Hallo Mathias,

    die Diskussion zu diesem Bild scheint ein wenig kürzer zu geraten, so daß ich nun einen (vorläufigen) Schlußpunkt setzen kann.

    Mit diesem “dem einen gefällt’s, dem anderen nicht” wäre ich an Deiner Stelle wahrscheinlich noch nicht ‘zwingend glücklich’. Wem soll man nun glauben? Könnte man es denn allen recht machen?

    Manchmal bleiben – gerade bei der Schwarzweißfotografie – erhebliche ‘Interpretationsräume’, sowohl bei der Bearbeitung des Bildes wie auch bei der Betrachtung – oh Fluch, oh Segen! Eine ‘Normalisierung der Tonwerte’, wie ich sie vorschlug, macht die Geschichte lesbarer, nimmt dafür aber natürlich auch etwas von der ‘hochkontastigen Dramatik’.

    So findest Du vielleicht die beste Antwort auf Deine Frage, wenn Du Dir selbst Klarheit über Deine Bildabsichten (‘Geschichte versus Dramatik’) verschaffst.

    Thomas

    • Hallo Thomas,

      ich verstehe was du meinst….

      Ich habe das Bild ebenfalls vor etwa 2 Wochen noch einmal Nachgearbeitet und einige Punkte im Bild mehr Helligkeit gegeben und habe doch nichts an der Dramatik verloren aber an Geschichte gewonnen!

      Seit etwa 3 Tagen habe ich dieses Bild in meiner Wohnung haengen im format 180×120(acrylglas) und in der groesse wirkt es wirklich noch Dramatischer!

    • Das wäre dann eine Druckdichte von etwa 37 dpi :o) …

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