Leserfoto:
Ein verträumtes Schwindel- und Schelmenbild

Auch mit realistischen Ausgangsszenen lassen sich bisweilen ‘wunderbar unwirklich’ anmutende Bilder erzeugen. Die heutige Bildbesprechung zeigt eines davon.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

***

Unser Leser Benjamin Grabowski aus Münster hat uns das obige Bild unter dem Titel „Traumwelt” in der Kategorie ‘Landschaft’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Bild entstand an einem bitterkalten Wintermorgen, kurz nach Sonnenaufgang. Nachdem ich ebendiesen fotografiert hatte, entdeckte ich einen kleinen Teich mit nahezu unbewegter Oberfläche, in dem sich die Uferböschung und der Himmel spiegelten. Von der Brücke, die über diesen Teich führte, sah es aus wie ein Fenster eine andere Welt – ähnlich der unseren, aber nicht genau gleich (wie in Stephen Kings ‘Der Talisman’) … Gemacht wurde die Aufnahme mit einer Digitalkamera aus der Reise-Kompaktklasse (Panasonic DMC-TZ10). In Picasa habe ich dann den Ausschnitt etwas zurecht geschnitten und die Farbintensität erhöht, weil die Kamera doch recht blasse Fotos macht.”

Die Brennweite betrug 5.7 mm (entsprechend 35,0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von gut 6), die Belichtungsdaten waren 1/30 Sekunde bei Blende f/3.5 und ISO 80.

***

Das von Benjamin referierte Buch kannte ich bisher nicht. Ich habe mich aber ein bißchen schlau gemacht und jene Zusammenfassung bei Wikipedia gefunden. Eine Geschichte von Tagträumen also, von spontan erreichten oder mittels ‘gewisser Substanzen’ herbeigeführten Traumwelten also … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Bei den Tonwerten und Farben kann ich mich diesmal kurz fassen. Das Histogramm ist etwas linksschief, aber gut verteilt, Ausreißer finden sich im Bereich der scherenschnittartigen Bäume (zulässig) und einer kleinen ausbrennenden Himmelspartie am unteren Bildrand (nicht groß störend). Die Farben umspielen angenehm den Komplementärkontrast zwischen blauem Himmel und rosig-orange beschienenen Wolken.

Spannend stellt sich die Komposition dar. An einer Art Ufer meinen wir zu stehen, denn am unteren Bildrand scheint doch das Ufer klar erkennbar?! Aber warum kringeln sich die Bäume so? Und vor allem: warum hauen die so nach rechts ab, wo doch gerade ‘eitel Sonnenschein’ herrscht und kein ‘Sturm weit und breit’ erkennbar ist? Fragen über Fragen!

Während wir noch sinnieren, wird uns bei der weiteren Betrachtung des Bildes allmählich ganz schwindlig, denn der Bewegung der Bäume nach rechts oben scheint sich eine solche der Wolken nach links oben entgegen zu stellen (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Komposition’) …

***

In der Zusammenfassung möchte ich jene unwirkliche Anmutung herausstellen, die Benjamin aus einer realistischen Ausgangsszene erzeugt hat. Die beschriebenen Gegenbewegungen aus Baumsilhouetten und Wolken erzeugen bei der Betrachtung ein wohliges Schwindelgefühl und tragen sehr zur Bildwirkung bei. Die Geschmäcker mögen sich unterscheiden, aber mir gefallen solche ‘Spiele mit der Wirklichkeit’ sehr …

Soweit zur Herleitung des Titels ‘Schwindelbild’. Abschließend aber noch eine Frage an unsere phantasie- und vorstellungsbegabten Leser (wie immer gibt es wahlweise 100 Narzißmustaler oder ein Sternchen in mein Goldenes Buch für die erste richtige Antwort): „Was meinte ich mit ‘Schelmenbild’? Was hat uns Benjamin über die Entstehungsgeschichte des Bildes noch nicht gesagt, welchen kleinen Trick hat er verwendet? Ich meine jetzt nicht die Spiegelung …”

***

Komposition

Komposition

***

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

10 Kommentare

  1. Vermutlich, dass das Bild gedreht ist?!
    Die Spiegelung sollte eigtl. auf dem Kopf stehen. Ufer unten, Himmel oben funktioniert nur mittels Drehung ;)

  2. Hallo in die Runde,

    bei gefühlten 35 Grad sprang ich gerade ins gespiegelte Nass, das mir von der Bildauffassung sehr gut gefällt. Mit solchen Spiegelungen habe ich auch schon des Öfteren experimentiert. Eine dieser Aufnahme wollte ich schon einmal einsenden, aber die eignet sich wohl eher für die kältere Jahreszeit, und dann auch nur unter der Rubrik Streetfotografie …

    Zur Frage nach dem kleinen Schelmen-Kniff fällt mir nur ein, dass diese Aufnahme sehr wahrscheinlich auf dem Kopf steht, ein Kunstgriff, mit dem auch in der Bildenden Kunst schon Meister vom Himmel gefallen sind ;-))

    Herzliche Sommergrüße
    Marcus

  3. Oh, da war ich wohl einige Sekunden zu spät mit meiner Antwort –

    Mit Grüßen an Das Skar

    • Tja, Marcus: “Wer zu spät kommt, den bestraft … Fokussiert mit einer baldigen Bildbesprechung” :o) …

    • Hallo Thomas,

      das lässt die Temperaturen auf erträglichere 25 Grad sinken – mit einem bescheidenen merci schon einmal vorab :-))

      Nebenbei habe ich da mal eine Frage, die sich mir schon oft gestellt hat. Ein beträchtlicher Teil meiner Fotografien ist nun einmal auch analog entstanden – eingescannt und bearbeitet handelt es sich ja dann aber streng genommen um digitale Fotografie (im weiteren Sinne). Werden diese nun auch auf diesen Seiten berücksichtigt oder geht es hier grundsätzlich “nur” vom digitalen Bild bis zur digitalen Bildbearbeitung??

    • Hallo Marcus,

      das wäre dann ‘Hybridtechnik’ (O-Ton Rolf Walther, der auch in diesem Bereich heftig gearbeitet hat), also analog aufgenommen und digital archiviert. Selbstverständlich berücksichtigen wir diese Arbeiten hier auch – wie käme ich als ‘mittlerweile digitalisierter Analogfotograf’ denn auch dazu, diese Schätze zurückzuweisen?

  4. Danke für Deinen Hinweis, Thomas – “Hybridtechnik” gefällt mir ausnehmend gut. Das werde ich in meinen Bewußtseinshaushalt übernehmen. …
    Nun möchte ich aber doch noch eine Lanze für das vorliegende Bild brechen, um das es hier ja eigentlich geht – je länger ich es betrachte, erscheint es mir in diesem surrealen Kosmos geradezu liebenswert, da es unsere Seherwartungen so schön in Frage stellt … Ich mag dieses “Gegen den Strich” sehr, vor allem auf dem Kopf!

  5. Interessante Aufnahme – was mir an dieser surrealen Welt noch gut gefällt ist der dezente (durch künstlichen Störungsfilter erzeugte?) “Sternenhimmel”, der im etwas dunkleren oberen Bilddrittel zum Vorschein kommt… :-)

    • Das hätte ich jetzt eher als ‘Partikel auf der Wasseroberfläche’ angesehen. Aber es stimmt, daß dadurch noch ein zusätzliches surrealistisches Moment ins Bild kommt. Insofern Dank für den Hinweis!

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder