Leserfoto:
Über die Visualisierung von Höhe und Bewegung

Ein wirkungsvolles Architekturbild im gestreckten Hochformat steht im Mittelpunkt unserer heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Axel Schwiersch aus dem niedersächsischen Bendestorf hat uns das obige Bild unter dem Titel „Flatiron Building” in der Kategorie ‘Architektur’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Im Oktober besuchten Karolin und ich erstmalig New York. Wahnsinn, eine beeindruckende Stadt. Am dritten Tag – wir wollten mit dem Leih-PKW nach Bosten weiter fahren – drehte ich in Höhe Central Park noch einmal um, um dieses, vielleicht meistfotografierte Gebäude der Welt selbst abzulichten. Eine ungefähre Vorstellung hatte ich schon, ein Taxi sollte mit drauf, bei nicht zu kurzer Belichtungszeit würde das mit Bewegungsunschärfe aufs Bild kommen. Ein Poller diente als Stativersatz … Ziel war es, ein Stück Geschichte, als auch die Dynamik New York’s einzufangen … Als das Flatiron Building 1902 fertig gestellt wurde, war es das weltweit höchste Gebäude. Gleichzeitig ist es eines der ersten Hochhäuser New Yorks, das in Stahlbauweise erstellt wurde … Das Gebäude und der Hintergrund wurden aus diesem Grund in kontrastreiche Schwarzweißtöne umgewandelt … Das Taxi in dem typischen New Yorker Gelb symbolisiert die Dynamik der Stadt … Ich hoffe, es gefällt. Beste Grüße Axel Schwiersch”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D3 mit Nikon AF-S 28-300mm 1:3.5-5.6G ED VR verwendet. Die Brennweite betrug 46 mm (kleinbildäquivalent bei der verwendeten Vollformatkamera), die Belichtungsdaten waren 1/20 Sekunde bei Blende f/29 (!) und ISO 100.

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Axel verbindet seine Bildeinreichung mit einer sehr lebhaften Beschreibung, aber auch mit der Hoffnung auf wohlwollende Annahme …

Nun geht es mir zwar nicht in erster Linie darum, ein Bild zu bewerten, sondern mithilfe der klassischen Bildanalyse aufzuzeigen, wie dieses ‘funktioniert’. Aber ein wenig darf ich doch vorgreifen: die Bildidee, die Grundkomposition und sogar die Color-Key-Verwendung (diese halte ich in den meisten Fällen nur für manieriert) gefällt mir sehr gut. Alles andere im Sinne eines Verbesserungspotentials im weiteren Text … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Bei der Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) sollten wir unser Augenmerk zunächst auf das Format als grundsätzlichstes kompositorisches Element werfen. Bei den üblicherweise im Format 3:2 oder 4:3 vorliegenden Bilderm heutiger Digitalkameras erübrigt sich dies zumeist, allenfalls ein Hinweis auf die Stichhaltigkeit des Quer- oder Hochformats ist vonnöten. Doch das von Axel hier verwendete ‘gestreckte Hochformat’ von etwa 3:7 bedarf einer solchen Begründung: ein Wolkenkratzer in seiner ganzen Höhe ist das Motivzentrum, dieser ist an seiner dem Betrachter zugewandten Kante etwa mittig platziert (mit einer minimalen, nicht weiter störenden Abweichung nach links); der Rahmen paßt sich hier quasi dem Inhalt an.

Im unteren Bilddrittel fungieren die Kanten einiger angeschnittener, niedriger Häuser wie eine Basis und Stabilisierung des besagten Gebäudes (gelbe Linien ebd.). Der Blick folgt dem Gebäude in seinem Streben nach oben, die Kanten der Dachlinie treten hinzu und es formt sich ein mächtiger, aufwärts gerichteter Pfeil (blaue Linien ebd.). Dieser scheint plötzlich wie vom oberen Bildrand begrenzt, an diesem anzustoßen. Wir sind irritiert, zu wenig Platz scheint hier zu herrschen, und doch symbolisiert sich gerade dadurch die Macht der Aufwärtsbewegung.

Der Blick kehrt zum unteren Bildrand zurück, ein in orangefarbigen Tönen gehaltenes, zugleich in Bewegungsunschärfe fallendes Taxi zieht unseren Blick an. Mächtig ist die Bewegung zum linken Bildrand hin, fast zieht es unseren Blick dort aus dem Bild heraus (rote Linien ebd.). Unser Blick pendelt sich schließlich in der wechselnden Wahrnehmung des dynamischen Taxis und des statischen Hochhauses ein.

Bei den Tonwerten (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigt sich das Histogramm etwas rechtsschief bei einem Mittelwert von etwa 140. Das Taxi deckt die ganze Spannbeite der Zonen 0 bis X ab. Zurückhaltender, gegenüber dem Taxi in den Hintergrund tretend und somit Raumtiefe schaffend ist das Hochhaus in die Zonen III bis VIII, der Himmel in die Zonen IV bis VIII gelegt.

Gewissen Kummer bereiten die in Zone X liegenden und damit zeichnungs- und modulationsfreien Himmelpartien am linken mittleren Bildrand. Und bei genauerem Hinschauen zeigt sich am rechten Rand des zentralen Gebäudes eine kleine Aufhellungszone bzw. Aureole. Es ist zu vermuten, daß der zentrale Blickfang noch abgewedelt und die Grenze zwischen Gebäude und Himmel dabei nicht ausreichend beachtet wurde.

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Zusammenfassung: Die Wirkung eines Bildes bemißt sich auch daran, ob und inwiefern es gelingt, bestimmte vor Ort gesehene und empfundene Aspekte zu ‘visualisieren’. In solcher Weise schafft es Axel hier, die Elemente ‘Höhe’ und ‘Bewegung’ durch Komposition und bedachten Einsatz des Color-Key-Effekts sehr ansprechend in Szene zu setzen.

Gewisse ‘Problembereiche’ des Bildes hatte ich schon angedeutet – die ausgebrannte Himmelspartie links und der helle Randsaum am rechten Gebäuderand. Ersteres ließe sich mit der ‘behutsamen Entnahme dunkleren Himmels aus anderen Bereichen’ mittels des Kopierstempels, zweiteres mit einer sorgfältigeren Bearbeitung der Randbereiche ausgleichen. Da die Arbeit offensichtlich keinen dokumentarischen oder journalistischen, sondern rein künstlerischen Zwecken dient, ist Axel frei in solchem Tun.

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Komposition

Komposition

Tonwerte

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Das Bild gefällt mir gut.

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