Fotografieren:
Porträtfotografie (1)

Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte dieses vierteiligen Tutorials …

 

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1. Einleitung

Porträt 'Verloren in Gedanken' (Quelle: Maike Frisch)

Porträt 'Verloren in Gedanken' (Quelle: Maike Frisch)

Wir hatten in letzter Zeit einige bemerkenswerte Porträtarbeiten unserer Leser (wie etwa die nebenstehende) in den Bildbesprechungen vorgestellt.

So möchte ich die in den Diskussionen aufgetauchten Fragen gerne zum Anlaß nehmen, Euch einen systematischen Überblick zu diesem spannenden fotografischen Genre zu geben.

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2. Geschichtliches

Im Grundsatz läßt sich ein Porträt zunächst als das Abbild eines ‘beseelten Gegenübers’ definieren. Dies sind zumeist Menschen, aber auch Tiere können porträtiert werden. Die detaillierte Darstellung von Pflanzen oder unbelebten Objekten wird demgegenüber als Stilleben charakterisiert.

Das Porträt kann als Gemälde bzw. Zeichnung, als Plastik oder eben als Fotografie ausgeführt werden. Letzteres ist unser eigentliches Thema, doch bietet sich ein Rekurs auf die anderen Kunstarten an, da diese der Fotografie vorausgingen und die Grundelemente von Komposition, Dramaturgie und Ausdruck dort entstanden und ausgefeilt wurden.

Uns Menschen scheint seit jeher eine starke Neigung zur Erfassung und Darstellung des Gegenübers innezuwohnen. So finden sich erste Porträtbeispiele bereits in den Anfangszeiten der bekannten Menschheitsgeschichte, wie etwa die stilisierten Tierzeichnungen der Cro-Magnon-Menschen.

Skulptur 'Venus von Willendorf' (Quelle: Wikipedia)

Skulptur 'Venus von Willendorf' (Quelle: Wikipedia)

Auffällig in diesen Artefakten der Steinzeit ist allerdings, daß keine individuelle, sondern symbolische Darstellungen vorherrschten. Der Einzelne wurde vorwiegend in seiner Stellung und Bedeutung in der Bedeutung dargestellt, etwa durch die Betonung von Gegenständen wie Waffen oder Standesabzeichen. Die Individualität trat demgegenüber in den Hintergrund, so daß Gesichter im Sinne eines Symbolporträts gar nicht oder nur schematisch wiedergegeben wurden.

So liegt der Schluß nahe, daß das Porträt von Beginn an nicht nur ‘Kunst um ihrer selbst willen’ bzw. fröhlicher Zeitvertreib war. Es diente vielmehr einem klar definierten Ziel, wie im Beispiel etwa der Aufzeigung und Betonung der Gruppenstrukturen.

Totenmaske des Agamemnon (Quelle: Wikipedia)

Totenmaske des Agamemnon (Quelle: Wikipedia)

Die aus der mykenischen und ägyptischen Kultur erhaltenen Porträts waren vorwiegend Totenmasken, also Grabmalkunst, so daß hier Bewahrungs- und Erinnerungsaspekte vorrangig waren. Die griechische Kultur verfeinerte die Menschendarstellung hingegen zum Idealporträt, so daß auch hier Stilisierung, Idealisierung und teils schlichte Phantasiedarstellungen vorherrschten. Erst allmählich, insbesondere in der römischen Kultur, gewann auch das Realporträt seinen Stellwert im Kunstgeschehen.

Selbstporträt von Albrecht Dürer (Quelle: Wikipedia)

Selbstporträt von Albrecht Dürer (Quelle: Wikipedia)

Porträt von Rudolf IV (Quelle: Wikipedia)

Porträt von Rudolf IV (Quelle: Wikipedia)

In unserer christlich-abendländischen Kultur blieb das Abbild des Menschen lange Zeit in einen Macht- und Religionskontext eingebunden. So herrschten im Mittelalter Herrscher- und Heiligenbilder oder Veranschaulichungen von Bibelszenen für die nicht des Lesens mächtige Bevölkerung vor. Die Loslösung von der Sakralkunst und die Betonung der Individualität des Dargestellten gelang mit der Renaissance etwa durch deren bedeutende Vertreter Leonardo da Vinci, Raffael, Albrecht Dürer oder später Rembrandt van Rijn.

Saronnys Universal-Kopfhalter

Saronnys Universal-Kopfhalter

So läßt sich sagen, daß die Porträtkunst seit dem 16. Jahrhundert bis weit in die Neuzeit hinein eine bedeutende Blüte erlebte. Die ersten Fotografien ab Mitte des 19. Jahrhunderts dienten oft als Entwurf und Malvorlage. Erst mit dem Fortschritt der fotografischen Technik, der verbesserten Lichtempfindlichkeit der Filme und der sich so verkürzenden Belichtungszeiten (aufgrund derer dann etwa auf “Saronnys Universal-Kopfhalter” verzichtet werden konnte) konnte sich das fotografische Porträt als eigenständiges Gestaltungsmittel behaupten und schließlich durchsetzen.

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Ein Kommentar

  1. Portraitfotografie ist ein Steckenpferd von mir.
    Deswegen habe ich mich auch sehr gefreut den ersten Beitrag der Serie über Portraitarbeiten zu lesen.
    Der Teil mit dem Kopfhalter hat mir sehr gut gefallen :)
    Gruß
    Stephan

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