Leserfoto:
Das etwas andere Blumenbild

Blumenbilder gibt es mehr als genug, neue Ansätze mögen insofern willkommen sein. Ob dies mit Blitz und HDR-Technik gelingen kann, wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser André Barts aus dem niedersächsischen Lilienthal hat uns das obige Bild unter dem Titel „The rose” in der Kategorie ‘Digitale Kunst’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hallo ‘Fokussiert’-Team … Anliegendes Foto entstand aus einer Belichtungsreihe von 6 Fotos (+-1; 3 geblitzt), vorbearbeitet in Photoshop (man. Objektivkorrektur, +Kontrast, +Dynamik, Weich/Scharfzeichnung) , zusammengeführt in Photomatix (4.2) und anschliessend nochmal beschnitten etc. in Photoshop … Da Photomatix die EXIF Daten entfernt hat: Canon EOS 700D, EF 24-85mm (3,5 – 4,5 USM), Speedlite 550ex, RAW, 1/160, f9, 200iso … Über Anregungen, Anmerkungen und Kritik würde ich mich freuen. :) … Viele Grüße, André”

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Meine ersten Eindrücke bei der Betrachtung des Bildes gingen – ich will dies nicht verhehlen – in Richtung von ‘Irritation, Beunruhigung, Spannung’. Ich wollte es schon wieder beiseite legen, doch rührte mich auch die Mühe, die sich André mit diesem Bilde gemacht hatte und sein ausdrücklicher Wunsch nach ‘Anregungen, Anmerkungen und Kritik’ … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Im Sinne der Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) lenken die Pflanzenanschnitte von beiden Bildränder her den Blick (gelbe Linien ebd.) auf die aus dem recht schartigen bzw. unruhigen Hintergrund bestehende Bildmitte (rote Linien ebd.).

In Hinblick auf die Problembereiche des Bildes (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) hatte ich das schartige bzw. unruhige Bokeh im Hintergrund schon erwähnt. Sofern dieses sich normalerweise weich und strukturarm zeigt und in solcher Weise das eigentliche Motiv im Vordergrund einrahmt, so drängt sich dieser hier in den Vordergrund, so daß hier eine richtiggehende ‘Rivalität um den Blickfang’ entsteht. Der Blick des Betrachter ‘irrlichtert’ zwischen Vorder- und Hintergrund und findet hier doch keine rechte Ordnung.

Weiter muß ich auf die an entscheidenden Stellen (den Kanten der dargestellten Pflanzen) ausgebrannten Lichter hinweisen. Weder der Blitz noch die Belichtungsreihe schien den enormen Dynamikumfang der Szene eindämmen zu können. Besagte HDR-Technik mit ihrer enormen Verstärkung des Mikrokontrasts erzeugte in diesem Bild schließlich eine aus meiner Sicht unangenehme Überkontrastierung der Pflanzenteile – gewiß sollen die bildentscheidenden Partien bei der Blumen- und Makrofotografie eine ausreichende Schärfe aufweisen, doch sollte diese anmutig und weich bleiben; hier ist es eindeutig des Guten zuviel …

Als Letztes wäre noch die Tonung des Bildes anzusprechen. Wenn ich es richtig sehe, kam hier eine sogenannte Splittonung zur Anwendung. Nun gibt es ja eine ‘Psychologie der Farben’ dahingehend, daß bestimmte Farben oftmals bestimmte Gefühle auslösen. Die hier verwendeten Rot- und Violettwerte jedenfalls scheinen kaum zu einer beseelten und ruhigen Betrachtung einzuladen …

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Zusammenfassung: Ich komme auf meine anfängliche Assoziation der ‘Irritation, Beunruhigung, Spannung’ zurück, die ich in der nachfolgenden Darstellung im Sinne der Konkurrenz um den Blickfang, des schartigen bzw. unruhigen Bokehs, der ausgebrannten Lichter, der Überkontrastierung der bildwichtigen Teile und schließlich der aufwühlenden Tonung festmachen zu können meinte. Wir sehen hier – man mag mir meine geflügelte Phantasie nachsehen – ‘weniger eine friedliche Naturszene wie eher eine blutige Bürgerkriegsszene’ …

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Komposition

Komposition

Problembereiche

Problembereiche

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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6 Kommentare

  1. Moin Moin… ich erlaube mir einen weiteren Gedanken zu formulieren…

    Nebst geschriebenen von Herrn Brotzler…
    was ich nachvollziehen kann…

    … fang dann mal so an: die Rosen ist seitlich angeschnitten zu betrachten und ihre “rundliche” Blütenform mit einem eigenen Goldenen Schnitt ist als Hauptmotiv nur noch Teil des ganzen Bildes …

    Die Rosenblüte schafft es nicht… in meinen Augen… ihre volle Wirkung zu präsentieren und somit keinen dominanten Punkt ins Bild zu setzten…

    … gehe ich auf die Formen in diesem Bild ein… so entdecke ich mein “geliebtes” Dreieck gleich mehrfach… mit seiner einzigartigen unterschwelligen Wirkung für Bild und Bildführung…

    meine damit… um die Blüte zeigen die “Spitzen” der gedachten Dreiecke durch Blätter gestaltet all samt von der Blüte weg und führen mein Auge in die von Herrn Brotzler beschriebenen Schauplätze am linken Bildrand…

    eine Führung in die Bildmitte erkenne ich nicht… nö… erkenne ich nicht… da die Blüte in ihrer Mitte einen “Sog” nach “Innen” bewirkt… wieder nach links ins Bild…

    und dann der Bruch in der Tiefe des Bildes rechts neben der Blüte…

    … Mitte bis rechte Bildseite … dort fehlen “Dreiecke” mit “Führungscharakter” und die beschriebenen hellen Bildstellen erreichen ihre Wirkung ohne weiteren Bezug zum …. ?

    Zusammenfassend: :-) das Formenspiel im Garten zum Hauptobjekt – Blüte – oder was auch immer … lebt von der Perspektivenwahl und kann sehr unterstützend werden… oder ablenken…

    … hier wirkt es auf mich… unterschwellig beim Betrachten… nachteilig, wenn die Rosenblüte ihre volle Pracht mit allen Naturgesetzten entfalten sollte…

    Meine Rosen im Garten sind mir über den Kopf gewachsen … :-) BGr Dirk

    .

  2. André hatte mir in einigen zwischenzeitlichen Mails noch manches über den Hintergrund des Bildes berichtet. Es stand dabei sehr unter dem Eindruck einiger Geschehnisse in seinem privaten Umfeld, die mit Gefühlen von Unwägbarkeit und fast auch Bedrohung einhergingen, die er aber hier – verständlicherweise, wie ich meine – nicht im Details ausführen möchte.

    Wir hatten auch besprochen, daß und wie ich diese Themen hier, für ihn quasi sprechend, erwähne. Und die Feststellung war ihm wichtig, daß jene Gefühle, die ihn bei der Bearbeitung so beschäftigt hatten, auch bei mir in der Besprechung – als Erstbetrachter quasi – im Sinne von ‘Irritation, Beunruhigung, Spannung’ angekommen waren.

  3. Danke für die begleitenden Worte…

    wenn mein Kommentar unpassend erscheint, löscht diesen bitte wieder… BGr Dirk

    • Oh nein, das wäre sicher nicht in Andrés Sinn. Auch ich war ja zunächst – ohne Wissen über die emotionalen Hintergründe – auf der Spur der klassischen Bildanalyse. Die Dinge sind einfach so, wie wir sie sehen …

  4. Nachdem bisher sehr analytisch und rational argumentiert wurde, möchte ich der Diskussion meinen ersten, persönlichen Eindruck hinzufügen.

    Das ‘Bild’ sind eigentlich zwei Bilder: das linke mit der Rose und ein schmales mit Blättern am rechten Rand. Sie stehen unverbunden nebeneinander und wirken wie ein Diptychon.

    Mir erscheint die Ausarbeitung weniger ein Foto, als ein expressives, geschaffenes Bild zu sein. Nicht nur die Tonwerte in Richtung Bleach-Bypass-Effekt, sondern auch die Farbgebung gehen konsequent in diese Richtung.

    Ich neige auch Thomas’ Interpretation zu, sehe eher eine Allegorie zu Stacheldraht und Bürgerkrieg mit der Rose als Symbol einer politischen oder religiösen Richtung. Die Assoziation zu einem Blumenbild will sich bei mir nicht einstellen.

    • Hallo Uwe,

      Ich darf Deine Ausführungen für unsere Leser doch etwas ergänzen? Der ‘Bleach-Bypass-Effekt’ oder zu deutsch die ‘Bleichauslassung’ ist ursprünglich eine Dunkelkammertechnik bei der Farbfilmentwicklung (Einzelheiten bei Wikipedia), die sich auch für die digitale Bildbearbeitung adaptieren läßt.

      Auch bei den hier eingereichten Arbeiten ist ‘Digital Art’ zunehmend ein Thema, und warum sollen wir diesen Trend (ohne unsere fotografische Basis völlig hinter uns zu lassen) hier nicht auch aufgreifen? In diesem Sinn habe ich für die nächste Zeit einige Bildbesprechungen vorbereitet …

      Thomas

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