Leserfoto:
Porträt in Perfektion

Ein makelloses Umgebungsporträt diskutieren wir in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Marko Müller aus Dresden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Yanni” zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Ich durfte Yanni in seinem Haus auf Ibiza während eines Gespräches über Ihn und seinem Sohn fotografieren”

Über die verwendete Ausrüstung und die Aufnahmedaten erfahren wir nichts. Das Bild wurde mit dem Epson Perfection V700 Photo Scanner digitalisiert, so daß wir von einer analogen Aufnahme (vermutlich Mittelformat) ausgehen dürfen. Marko betreibt auch eine eigene Website mit Blog und weiteren sehenswerten Aufnahmen.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Wir erkennen einen älteren Mann, durch das von rechts einfallende Streiflicht gezeichnet, auf einem Korbstuhl sitzend und vor dem Hintergrund seiner Küche. Sein Blick mustert den Fotografen und damit auch uns – es ist ein Blick voller Tiefe, Interesse und Freundlichkeit, in dem wir ruhen können. Wir mustern das Gesicht, in dessen Zügen sich ein ganzes Leben fröhlicher und beschwerlicher Momente widerzuspiegeln scheint. Unser Blick schweift weiter, wir betrachten die einfache Kleidung, das einfache Zimmer dahinter, wieder den Mann … ein Bild stiller Eintracht und Zufriedenheit mit dem Gegebenen, welches man nicht anders wie inneren Reichtum bezeichnen kann.

Auf interessante Weise kontrastieren die sich über den rechten Arm mit ihrer Fortsetzung in das überschlagene linke Bein, den Kragen und angedeutet auch über den linken Arm einstellenden geschwungenen Linien (rote Linien ebd.) mit den eher statischen und dem Bild Halt gebenden Vertikalen und Horizontalen des Hintergrundes (gelbe Linien ebd.). Das ausdrucksstarke Gesicht ist und bleibt das Motivzentrum (blauer Kreis ebd.), von dem aus wir die Person und den Raum erkunden und zu dem unser Blick immer wieder zurückkehrt (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Blickführung).

Raumtiefe entsteht durch den anmutigen Schärfeverlauf zwischen der akzentuiert gezeichneten Person und dem in weiche Unschärfe fallenden Hintergrund. Das schon erwähnte Element der geschwungenen Linien wird in der Tiefe des Raums nochmals abgeschwächt aufgegriffen, im Faltenwurf des Tischtuchs in der Bildmitte und vor allem in jenem Handtuch am rechten Bildrand, welches durch seine etwas helleren Tonwerte auch als Abschluß des Bildes und Kontrapunkt der Person fungiert.

Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich linksschief mit einem Mittelwert von etwa 65. Einige Bildpartien, insbesondere auf der Rückseite des Korbstuhls und am oberen und rechten Rand der Zimmerdarstellung fallen in die Zone 0 ohne Strukturzeichnung und Tonwertmodulation. Dies stört jedoch nicht den Gesamteindruck, da durch ein solches ‘Zurücktreten’ die Person im Sinne eines Chiaroscuro-Effekts noch herausgestellt und betont wird. Die Tonwerte im Bereich der Person umfassen die Zonen III bis VIII und sind bis auf einige Glanzlichter in der Zone X vollständig durchgezeichnet.

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Zusammenfassung: Ich kann Marko zu seiner gelungenen Arbeit nur gratulieren. Es ist ein mustergültiges Beispiel für ein atmosphärisches Umgebungsporträt, welches seine Wirkung durch das Zusammenspiel von Person und Hintergrund entfaltet.

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Komposition

Komposition

Blickführung

Blickführung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

 

6 Kommentare

  1. Hallo Thomas,

    Du hast eine sehr ausführliche Bildkritik geschrieben. Vielen Dank dafür. Daraus kann ich einiges mitnehmen.

    Ich möchte gern noch ein paar technische Details anbringen, da diese in meiner Beschreibung fehlten:
    Kamera: Hasselblad 500C/M mit 80mm Zeiss Planar
    Film: Kodak TriX 400
    Entwicklung: D76 1+1

    • Vielen Dank für die ergänzende Information. Wenn mich nicht alles täuscht, entspräche dies einer Brennweite von 40 mm im Kleinbildvollformat.

    • Ich meine mal gelesen zu haben, bei 6×6 Mittelformat zu Kleinbild ist der Faktor 80/50, demnach müsste es ein 50mm im Kleinbild sein.

    • Korrekterweise müssen wir uns über den Bildwinkel unterhalten. Die Frage lautet: Bei welcher Brennweite hat der Kleinbildfotograf den gleichen Bildwinkel?

      Üblich ist der Vergleich der Bildkreise, deren Durchmesser die Diagonalen des Negativs sind. Bei gleichen Bildwinkeln ist das Verhältnis der Bild-Diagonalen proportional zu den Brennweiten. Diese Umrechnung leitet sich aus dem Strahlensatz ab.

      Das vorliegende Bild ist quadratisch. Ein Kleinbildfotograf müsste sein Negativ auf 24 mm x 24 mm beschneiden, um auf die gleichen Proportionen zu kommen. Das verringert seinen Kleinbild-Bildkreis von 43,27 mm auf 33,94 mm. Der Bildkreis bei 6 x 6 Mittelformat (genauer 56 mm x 56 mm) beträgt 79,20 mm. Die Kleinbild-Brennweite berechnet sich zu 80mm * 33,94 / 79,20 = 34,28 mm.

      Fazit: Mit einem 35mm Objektiv erzielt ein Kleinbildfotograf den gleichen Bildwinkel.

  2. Hallo Marko und Thomas,

    eines der besten Bilder, das ich auf diesen Seiten in der letzten Zeit gesehen habe, vielleicht mein persönliches Bild des Monats, wenn ich das hier so offen sagen darf: perfekte Beleuchtung, ausgewogene Tonalität, sehr gut frei gestelltes Portrait in einem ländlichen Küchenambiente. In dieser „Erzählung“ passt einfach alles geradezu klassisch zusammen. Der „innere Reichtum“, von dem Thomas hier spricht, scheint sich mir im Blick von „Yanni“ unmittelbar mittzuteilen, aber auch eine Gewisse Vertrautheit mit dem Menschen vor der Kamera, ohne die dieses „magische Moment“, das jede gute Portaitfotografie für mich hat, nicht möglich wäre. Da bereitet es noch einmal ein besonderes Vergnügen, die sehr einfühlsame und erhellende Bildbesprechung zu lesen.

    Beste Grüße
    Marcus

    • “vielleicht mein persönliches Bild des Monats, wenn ich das hier so offen sagen darf”

      Am Freitag wollen wir die Jurierung der Junieinreichungen bekannt geben …

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