Leserfoto:
Die shampoonierte Statue

Fotografien entfalten ihre Wirkung nicht nur durch ‚brüllende Effektheischerei‘, sondern oftmals (und besser) auf stille Weise, wie das Beispiel unserer heutigen Bildbesprechung zeigt.

Ausgangsbild

Leser Gert-Jan Kollenhof aus Büren in Nordrhein-Westfalen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Schampoo” in der Kategorie ‚Porträt‘ zur Besprechung eingereicht. Zur Entstehung des Bildes schreibt er: „Ich habe dieses Bild von meine damals 10 Jährige Tochter während ein Urlaub in Frankreich aufgenommen. (Sie stand gerade unter der Dusche)”

Zur Aufnahme wurde eine Nikon D90 mit Zoomobjektiv Nikon 18-105mm f/3.5-5.6 VR verwendet. Die Brennweite betrug 34 mm (entsprechend 51 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/125 Sekunde bei Blende f/5.0 und ISO 400.

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Die Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) stellt sich dem Betrachter übersichtlich dar. Der Blick wird von links unten über die rechte Schulter- und Halspartie zum Gesicht und um das als umgekehrtes Dreieck imponierende Motivzentrum von Augen, Nase und Mund (rote Linien ebd.) geleitet; eine zweite, angedeutete Blickführung ergibt sich über die linke Schulter und die Hemdträger (gelbe Linien ebd.). Die Augen als zentraler Blickfang sind vertikal knapp, horizontal eindeutig in den Goldenen Schnitt gelegt. Die Tonwerte zwischen der Mädchen im Vordergrund und dem Rauputz im Hintergrund unterscheiden sich kaum, so daß hierdurch kein Eindruck räumlicher Tiefe vermittelt wird.

Hinsichtlich der Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigt sich das Histogramm deutlich rechtsschief bei einem Mittelwert von knapp 200. Das Hauptgewicht des Gesichts und der Halspartie ist in die Zonen VI bis IX gelegt, der Hintergrund in die Zonen IX bis X. Es zeigen sich minimale Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter, die den harmonischen Eindruck einer gut belichteten Aufnahme jedoch nicht trüben.

Farben im eigentlichen Sinn weist die Aufnahme nicht auf, doch liegt über dem Schwarzweißbild eine leichte, kühle Sepiatonung.

Die Struktur ist klar und prägnant gezeichnet, mit einem Schärfemaximum in den Augen und einer leichten Unschärfe in der Nacken- und Schulterlinie.

Zusammenfassung: Wir sehen das anmutige, als High-Key ausgeführte Porträt eines Mädchens, welches – wie mir scheint – seine subtile Wirkung erst mit der Zeit entfaltet. Die üblichen kompositorischen (groß vs. klein) bzw. tonalen (hell vs. dunkel) Spannungsbögen, die Bildern allgemein Dramatik und Wucht verleihen, finden sich hier nicht bzw. nur angedeutet.

Der ‚Bildwitz‘ entsteht eher durch die verwendete Symbolik, im Sinne von inhaltlichen Kontrasten bzw. ‚Spannungsbögen auf der Metaebene‘: der erste Gegensatz ist der zwischen dem jungen Mädchen und dem ernsten Gesichtsausdruck; der zweite zwischen der fast statuenhaften Darstellung und der shampooniert-verwuselten Haarpracht; der dritte schließlich der zwischen der ätherisch-zeitlosen Gesamtwirkung und dem sich im Hintergrund profan andeutenden Rauputz.

Komposition

Tonwerte

In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Antworten
  1. Marcus Leusch says:

    „Portrait in Perfektion“ – Das wäre auch meine Nr. 1 gewesen … Aber die zweite Aufnahme steht dem in Nichts nach, wie ich meine. Ein geradezu zeitlos schönes Bild. Beides sehr gute Anregungen für die eigene Arbeit an einem gelungenen Foto … Gratulation an die Gewinner

    Antworten

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