Leserfoto:
Über Bildwirkungen …

Neben den kompositorischen und technischen Aspekten widmen wir uns in der heutigen Bildbesprechung auch denjenigen der erhofften Bildwirkung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Tatjana Senz aus Berlin hat uns das obige Bild unter dem Titel „available light portrait” in der Kategorie ‘Porträt’ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Ich fotografiere erst sein einem Jahr und versuche mir all das benötigte Wissen selbst anzueignen. Es gibt bei mir mit Sicherheit nie die perfekt belichteten Bilder zu sehen, weil hierfür mein Wissen einfach noch nicht reicht. Viel mehr versuche ich Stimmungen/erlebtes/gefühltes einzufangen ohne diese Emotionen zerstören zu wollen. Dieses Bild ist eher ein Schnappschuß, ohne jegliche Hilfsmittel habe ich einfach situationsbedingt auf den Auslöser gedrückt. Das vorhandene Licht war auch nicht mehr so groß vorhanden, was man dann an den ISO Werten erkennen kann. Die Große Frage für mich, ist dieser Moment Bildkritisch betrachtet ‘wertvoll’ oder ist es für mich nur so wertvoll, weil ich den Ausschnitt, das kleine Wesen und die Situation so sehr liebe?”

Zur Aufnahme wurde die APS-C-Kamera Canon EOS 600D mit dem Festbrennweitenobjektiv Canon EF 50mm 1:1.8 II verwendet. Die kleinbildäquivalente Brennweite betrug 80 mm (bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/200 Sekunde und ISO 800. Über die verwendete Blende liegen keine Informationen vor, angesichts der sehr knapp bemessenen Schärfezone dürfte aber die maximale Offenblende (f/1.8) oder die Abblendung um eine Blendestufe (f/2.5) zur Anwendung gekommen sein.

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Sehr einfühlsam und anrührend schildert Tatjana ihre Begeisterung für das kleine Wesen und ihren Wunsch, einen Teil dieser starken Gefühle im Bild bewahren und dem Betrachter verfügar machen zu können. In diesem Zusammenhang wirft sie – dabei fast etwas bange wirkend – die Frage auf, ob und inwiefern dies im Bild gelingt. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild folgt der klassischen Darstellung eines Schulterstücks bzw. einer Büste im Viertelprofil. Wir sehen einen Jungen mit abgewandtem Blick, wie versunken in sein augenblickliches Tun.

Die beiden Augen und der Mund bilden ein zwischen Bilddrittel und Goldenem Schnitt liegendes, auf dem Kopf stehendes Dreieck und markieren so spannungsvoll den Motivschwerpunkt und Blickfang (rote Linien ebd.). Der Blick schweift nach links unten, er tritt somit der konventionellen Leserichtung des Bildes (von links unten nach rechts oben) gewissermaßen entgegen. Umrahmt wird dieses Bildzentrum durch die mäandernde Form des bis zum Haaransatz bzw. linken Ohr sichtbaren Gesichtsumrisses (gelbe Linien ebd.).

Weiter erkennbar sind einige quer verlaufende bzw. diagonal abfallende Linien im Bereich der Schultern und des Hintergrundes, welche die genannten Hauptstrukturen einrahmen und stützen (blaue Linien ebd.).

Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich rechtsschief im Sinne einer High-Key-Anmutung, der Mittelwert liegt etwa bei 165, Tonwertabbrüche im Bereich der Schatten und Lichter liegen nicht vor.

Farben (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Problembereiche’): Ab einer gewissen Farbdichte kann das Rot Probleme in der Fotografie bereiten, es beginnt ‘auszubluten’ – was sich im Anblick vor Ort gewiß als gesunde bzw. propere Rosatöne darstellte, wirkt im Bild übertrieben, fast ungesund; das Nebeneinander von roten und weißen Hautpartien erinnert den medizinisch Bewanderten an Vitiligo (Punkt 1 ebd.).

Weniger störend, aber doch erwähnenswert stellt sich der Bereich eines fast reinen Blaus im rechten oberen Bildeck. Im Vergleich zu den ansonsten gedämpften Tönen zieht er zu viel Aufmerksamkeit auf sich und lenkt somit vom Hauptmotiv ab (Punkt 2 ebd.).

Struktur (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Problembereiche’): Der Bereich maximaler Schärfe liegt nicht im Bereich der Augen bzw. Wimpern, wo er hingehörte, sondern auf den Augenbrauen (Punkt 3 ebd.)

In der Zeichnung des Bokehs offenbart sich eine markante Schwäche des verwendeten Objektivs (es kostet dafür auch nur gut ein Viertel des Canon EF 50mm 1:1.4 USM und weniger als ein Zehntel des Canon EF 50mm 1:1.2 L USM) – der Hintergrund fällt dabei durchaus in die gewünschte Unschärfe, die Schulterpartie wirkt jedoch schon etwas unruhig gezeichnet; richtiggehend schartig und damit störend ist aber die Zeichnung des Mundes, hier zeigen sich überzogene, an Posterisationsartefakte erinnernde Tonwerttrennungen und Kontrastkanten (Punkt 4 ebd.).

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Zusammenfassung: Die Bildanlage mit der Platzierung der einzelnen Elemente ist – dies sei vorangestellt – durchaus gelungen und erinnert an die professionelle Arbeit „Verloren in Gedanken” von Maike Frisch aus Oldenburg, die wir unlängst in einer Bildbesprechung gewürdigt und als Bild des Monats Mai ausgezeichnet haben.

Tatjana beweist somit ein Gespür für Komposition, ein Wissen um die Bedeutung des Spannungsbogens im Bild, was sicher auch mit ihrer Herkunft von der Malerei zu tun hat. Die derzeit noch bestehenden Schwierigkeiten bei der fotografischen Umsetzung habe ich obenstehend benannt.

Und der Aspekt der ‘erhofften Bildwirkung’?

Nun, dies ist ein weites Feld, und die Seherwartungen unterscheiden sich ja auch merklich: was dem Experten gefällt, mag den Laien unberührt lassen und andersherum. Wenn man sich bei der ‘Fotocommunity’ und anderen Onlinegalerien umschaut, wird man alsbald bemerken, daß dort ‘Kinder, Katzen, Blumen und Sonnenuntergänge’ immer wieder gerne in Bildern zitiert werden. Dies sind ‘sichere Motive’, die bei den meisten Betrachtern zuverlässig Emotionen schüren und entsprechende Jubelkommentare nach sich ziehen.

Sofern wir die Dinge aber kritisch betrachten wollten, wäre eben auch festzustellen, daß es den Betrachtern im Grunde genommen weniger um die dem Fotografen eigenen Sichtweisen und Empfindungen geht, sondern vielmehr um das Stereotyp der eigenen, durch das Bild aufgefrischten und auf dieses wieder projizierten Gefühle und Erinnerungen – dies wäre die psychologische Umschreibung dessen, was wir umgangssprachlich ‘Kitsch’ nennen …

Jenen sicheren Motiven (‘Kinder, Katzen, Blumen und Sonnenuntergänge’) haftet so auch etwas Zwiespältiges an – sie sind wohl gefällig und leichtgängig in der Betrachtung, der Zuspruch des breiten Publikums läßt nicht auf sich warten; aber sie sind auch ‘schon zu oft zitiert und wiederholt’, und es ist sehr schwierig, angesichts der Flut solcher Bilder noch etwas Eigenständiges und Originelles zu erschaffen, was auch anspruchsvolle Betrachter, Galeristen oder Juroren überzeugen kann.

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Komposition

Komposition

Problembereiche

Problembereiche

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Kommentare

  1. Wer auch immer die Kritik an meinem eingereichten Bild geübt hat, ich möchte DANKE sagen. Für mich persönlich ist die Kritik ein stück weit emotional, absolut konstruktiv, lehrreich und nicht vernichtend geschrieben worden. Davor hatte ich nämlich wirklich “bange”. (Respekt, dass das aus den paar wenigen Zeilen meinerseits so deutlich herausgelesen wurde) Und ich gebe zu, es hat mich eine Menge Mut gekostet überhaupt diesen Schritt zu gehen. Aber ein ganz großes Ziel von mir, ist das LERNEN und ich kann nicht lernen, wenn ich nur emotional mich berührende Bilder auf meinem Fotoblog veröffentliche und keine objektive Kritik zu lesen bekomme. Deshalb bin ich auch diesen Schritt hier gegangen. Und ich bereuen ihn, nachdem ich die Anmerkungen gelesen habe KEINESWEGS. Es sind viele Aspekte benannt worden, auf die ich bisher nie geachtet habe, weil ich mich bisher eben nur emotional habe treiben lassen und technisch somit die eigenen Ansprüche sich noch nie wirklich entwickelt haben. Ich hoffe, das wird sich zukünftig bei mir durch diesen Schritt ändern.
    Ich möchte mich auch hier jetzt gar nicht groß rechtfertigen, nur eine Erläuterung sei mir bezüglich der verwirrend aussehenden Hautpartien erlaubt…ich fotografiere in jpg Format und habe noch kein großes Gespür, für eine harmonische Bildbearbeitung. deshalb lasse ich auch noch die Finger von RAW. Bei diesem Bild habe ich im PS den “automatischen Kontrast” Befehl angewendet. Eine Anwendung, die ich inzwischen bereue, da auch gleich die Mutti die Äußerung getätigt hat, dass der kleine Zwerg irgendwie “krank” aussehe. Durch den, hier ebenfalls getätigten Hinweis, werde ich zukünftig somit auch viel sorgsamer mit der Bildbearbeitung umgehen. Nochmals vielen Dank, für die ausführliche Kritik!!! Ich werde vieles verinnerlichen und für vieles wurde mein Auge und der Kopf geöffnet.

  2. “Wer auch immer …”

    Das war ich :o) …

    Folge jenem Weg einer ‘subjektiven Fotografie’ unbedingt weiter, und suche dabei nach der Dir eigenen Ausdruckssprache. Ich möchte in diesem Zusammenhang gerne noch einige Vergleiche zur Malerei anstellen, weil auch ich ursprünglich von dort herkomme.

    Die ‘authentische Projektion der eigenen Befindlichkeit auf das Werk’, die den Gestaltungsprozeß ausmacht, scheint dort (in der Malerei) in gewisser Weise spontaner und leichter möglich. So kam es mir vor, als ich zur künstlerischen Fotografie wechselte und in die lästige Verlegenheit geriet, mir zuerst viel Technisches (in Sinne der Kamerabedienung, Aufnahmesteuerung und Bildausarbeitung) aneignen zu müssen.

    Es ist aber ein wenig wie bei einem Musikinstrument – erst eine gewisse Geläufigkeit und Vertrautheit öffnet die Perspektive, sich wirkungsvoll und individuell ausdrücken zu können. Eine Schöpfungshöhe erreichende ‘art brut’ gibt es in der Fotografie in diesem Sinne nicht …

    • Hier schreibt mir jemand aus der Seele:)

      Ich habe inzwischen auch den Autor;) somit dich entdecken können. Als ich deinen Background gesehen habe und lesen konnte, dass dein Ursprung auch in der Malerei lag, machten die Worte – die Verlinkung, noch mehr Sinn. Kann es schwer beschreiben, aber ich glaube ich brauche es auch gar nicht erklären, was ich mit Sinn meine:)

      Ich werde auf jeden Fall jenem Weg folgen, denn es ist genau der, der mich innerlich erfüllt. Es ist aber auch immer ein eigener Anspruch da, der von mir selbst abverlangt wird, nämlich nicht nur gefühltes/gesehenes zu zeigen sondern, all das auch in einer akzeptablen Qualität, damit ich eines Tages die Geschichten , die ich im Kopf habe gekonnt umsetzen kann.

      Ich versuche mir das Technische anzueignen und frage mich schon so manches Mal ob ich es durch diesen Wunsch nach Qualtität, nicht verlerne, so zu fotografieren, wie ich es bisher gemacht habe.

      Wenn ich merke, dass das passiert kommt immer die Stimme in meinem Kopf, die sagt…”fühle es” ,”mach langsam”.

      Also nochmals Danke auch für die zuletzt verfassten Worte.
      Es sollte so sein, ich habe den richtigen kritiker für mein eingereichtes Bild gehabt….der der mich auf einer Ebene weiterbringt, die alles umschließt, Kopf und Geist, Technik/Ausführung aber auch oder eben, das Emotionale.

      Eine Bereicherung für mich:)

    • “Wenn ich merke, dass das passiert kommt immer die Stimme in meinem Kopf, die sagt…’fühle es’ ,’mach langsam’ …”

      So scheint es mir richtig … für mich selbst ist Fotografie im besten Fall eine Art von innerer Fokussierung bzw. Meditation, die es mir erlaubt, den ‘Blick zugleich nach außen und nach innen zu richten’. Über die technischen Aspekte muß ich mittlerweile nicht mehr groß nachdenken, auch die kompositorischen Überlegungen treten hinzu, so wie man beim Autofahren automatisch den Blinker setzt.

      Mir fällt in diesem Zusammenhang auch das Buch ‘Fotografie als Meditation’ meines Freundes und Fotografenkollegen Torsten Andreas Hoffmann ein, welches ich im Juni hier vorgestellt hatte …

  3. Moin Moin … das geführte Bild in eine emotionale Bildaussage für den/die BetrachterIn braucht aufmerksames Beobachten und den Mut sich Zeit zu nehmen … vielleicht eine Sekunde warten können oder länger … welches sich dann in der Handschrift des der BildergestalterIn wiederspiegen kann..

    … der “ausdrucksstarke” Satz: Das bearbeite ich noch hin und weg… nimmt für mich diesen Ansatz fast weg… ein Bild als Grundlage zu erkennen und zu gestalten…

    … und dann …wenn nötig …etwas zu bearbeiten …

    das spürt dann auch … so glaub … dein Gegenüber um eine Natürlichkeit im Augenblick zu behalten …

    BGr Dirk

  4. Hallo Tatjana,

    Ein tolles Bild, es gefällt mir. Besonders gut ist der Blickwinkel, man sieht regelrecht die Faszination Deines Kindes bei der seiner Tätigkeit. Am meisten stört mich, Thomas hat es bereits angemerkt, die falsch eingestellte Schärfe. Ich stimme Dir zu: aus eigener Erfahrung weiss ich, wie seltsam es ist, ein Bild zur Kritik zu stellen. Aber gerade Bilder mit kleinen Fehlen sind besonders lehrreich, nicht nur für Dich!

    „angesichts der Flut solcher Bilder noch etwas Eigenständiges und Originelles zu erschaffen“ Das, Thomas, ist für mich ein künstlicher Zwang. Und oft, zum Beispiel bei der Interpretation von Musikwerken, führt es zu scheusslichen Resultaten. „Kitsch“, ok, aber man könnte es ja auch einfach „Schönheit“ nennen :->. Danke für Deine sehr gute Kritik!

    Mit freundlichen Grüßen,
    Tilman

  5. @ Dirk … ganz sicher bin ich mir nicht, ob ich Dich richtig verstanden habe – Du ergänzt und korrigierst mich sonst bitte gerne. Der Fotograf müßte demnach gleichzeitig empathisch (beim Abgebildeten) und distanziert (in Beobachterrolle, mit dem Blick des späteren Betrachters) sein, um jene Brücke vom Abgebildeten zum Betrachter zu erschaffen. Die Ausarbeitung entspräche dann der nötigen und zulässigen Interpretation des Gesehenen.

    @ Tilman … Du warst eine Weile weg, jetzt bist Du wieder da – schön. Nein, kein Zwang, denn ich sehe mich nicht als ‘alttestamentarischen Richter’. Ich verarge auch niemandem ein schönes Erinnerungsbild, gerne auch unter Reproduktion eines schon oft gesehenen Klischees. In meinem Essai hatte ich vielmehr die Ebene der Kunstentscheider im Blick, die eben Neues und Eigenständiges sehen wollen.

  6. Moin… erlaube mir Thomas zu schreiben ok?

    … bei dieser Art von Bildern find ja…

    hier geht es ja nicht um Posen für ein Bild …

    das Bild ist eine Momentaufnahme…
    gefühlt durch den/die KnipserIn…
    den gewünschten… richtigen Moment “festhalten” …
    … die emotionale Botschaft im Moment der Aufnahme für den/die BetrachterIn herausarbeiten … wenn gewollt…
    unterstützt durch Einstellungsgröße und Perspektivenwahl…

    … anders geschrieben… im Bewegbild Film baue ich in einer Einstellung einen Spannungsbogen auf, welcher durch Einstellungsgröße und Perspektive , Lichtsituation und Farben einen Mensch abbilden kann… hier habe ich die Möglichkeit, den Emotionalen Moment entstehen zu lassen über den Faktor Zeit…

    beim Foto habe ich das nicht… die Zeit habe ich nur vor dem Knips in dem ich beobachte, mich auf den Moment einlasse und eine Entscheidung treffe, wann das Bild meine Botschaft für den/die BetrachterIn zeigt…

    hebe ich die Distanz auf, mische mich ein und beeinflusse… entsteht für mich ein neuer Ansatz für ein PortraitFoto…

    Zusammengefasst: da sein, beobachten, den Moment spüren und knips… wenn dann noch Einstellungsgröße, Perspektive, Licht und Farbe den Moment unterstützen kann… supi…

    Jo, Thomas, so meine ich es… der Krabbenkutter fährt ja auch nicht auf die Seehundbank… der ankert nen paar Wellen entfernt… :-)

    BGr Dirk

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