Fotografieren:
Porträtfotografie (2)

Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte dieses vierteiligen Tutorials …

 

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3. Arten des Porträts

Wer sich mit der Porträtfotografie ernsthaft beschäftigen möchte, ist gewiß nicht schlecht beraten, die Systematik einigermaßen zu kennen, um eine gute Wahl für das anstehende Motiv zu treffen – insofern möchte ich Euch in diesem Abschnitt gerne einen Überblick der Porträtarten vermitteln.

3a. Unterteilung nach dem Format

Bereits der Wahl des Aufnahmeformats kommt eine große Bedeutung zu.

So macht es einen beträchtlichen Unterschied, ob wir den aus größerer Entfernung im Sinne eines ‘long shots’ bzw. Umgebungsporträts Aufgenommen ins Querformat setzen und insofern auch die Umgebung zitieren, oder ob wir andersherum den aus geringer Distanz im Sinne eines ‘close ups’ bzw. Nahporträts Abgebildeten in das Hochformat setzen, seine Umgebung in Unschärfe fallen lassen und ihn so isolieren.

Es lohnt sich also, bei den Überlegungen zur Bildgestaltung auch diesen Aspekt mit einzubeziehen.

3b. Unterteilung nach Darstellungsgröße

Extreme long shot

Extreme long shot

‘Extreme long shot’ (ELS), auch Supertotale oder weites Umgebungsporträt): In dieser Einstellung erscheint der Abgebildete gegenüber der Umgebung verschwindend klein, und es wird weniger auf seine Individualität wie auf sein ‘Gestelltsein in der Szenerie’ hingewiesen. Einsamkeit, Fremdheit und Gefahr, aber auch Freiheit und Unendlichkeit können solchermaßen zitiert werden.

 

 
Long shot

Long shot

‘Long shot’ (LS), auch Totale oder nahes Umgebungsporträt: Es handelt sich um eine mildere, nicht so extreme Darstellungsform wie ELS. Der Abgebildete bekommt individuellere Züge, wenngleich er weiterhin hinter den Details und der Atmosphäre der Umgebung zurücktritt. ELS und LS werden in Filmen oft als ‘Establishing shots’ zur Einführung in eine Szene verwendet.

 
Medium long shot

Medium long shot

‘Medium long shot’ (MLS), auch Halbtotale oder weite Ganzkörperansicht: Der Abgebildete wird von Kopf bis Fuß gezeigt, wobei zugleich auch die Umgebung Details erkennen läßt. Diese Einstellung läßt sich im Querformat gut für Menschengruppen einsetzen.

 
Full shot

Full shot

‘Full shot’ (FS), auch nahe Ganzkörperansicht: Es handelt sich um eine Variation des MLS, mit einer weiteren Konzentration auf den Abgebildeten und einem Zurücktreten der Umgebung.

 

 

 
American shot

American shot

‘American shot’ (AS), auch Knieporträt: Der Abgebildete wird vom Kopf bis zum Knie gezeigt. Diese Einstellungsgröße wurde oft im Western verwendet, um die Cowboys mitsamt ihrer Waffe zu zeigen.

 

 

 
Medium shot

Medium shot

‘Medium shot’ (MS), auch Hüftporträt: Der Abgebildete wird vom Kopf bis zur Hüfte gezeigt; man nimmt hier die breiteste Stelle der Hüfte als Anhaltspunkt, um die Person anzuschneiden; die unmittelbare Umgebung ist im Hintergrund erkennbar.

 

 

 
Medium close-up

Medium close-up

‘Medium close-up’ (MCU), auch Brustporträt: Die Figur wird vom Kopf bis zur Mitte des Oberkörpers gezeigt. Diese Einstellung entspricht der natürlichen Sehsituation und wirkt dadurch familiär.

 

 

 
Shoulder close-up

Shoulder close-up

‘Shoulder close-up’ (SCU), auch Büsten- bzw. Schulterporträt: Der Abgebildete wird vom Kopf bis einschließlich der Schulter gezeigt.

 

 

 

 
Close-up

Close-up

‘Close-up’ (CU), auch Großaufnahme: Der Kopf des Abgebildeten, öfters auch mit Anschnitten nach oben, sowie ein Teil der Schultern werden dargestellt. Mimik und Gestik stehen hier deutlich im Vordergrund und lassen auf Gefühle, Stimmungen und Strebungen des Aufgenommenen schließen.

Extreme close-up

Extreme close-up

‘Extreme close-up’ (ECU), auch ‘Cut-in’ oder Detailaufnahme: Es wird nur ein Ausschnitt des Gesamtbildes gezeigt, beispielsweise Augen, Mund oder Hände des Abgebildeten. Der Aspekt der Blickführung bzw. Hinlenkung der Aufmerksamkeit des Betrachters ist bei dieser Porträtart sehr ausgeprägt.

 

 
Italian shot

Italian shot

‘Italian shot’ (IS), auch Italienische Einstellung: Hierbei handelt es sich um eine besondere Art der Detailaufnahme, bei der nur die Augen des Protagonisten gezeigt werden. Bekannt geworden sind etwa die Duellszenen zwischen Henry Fonda und Charles Bronson in Sergio Leones Western ‘Spiel mir das Lied vom Tod’.

3c. Unterteilung nach der Kopfhaltung

Bild des Al Capone (Quelle: Wikipedia)

Bild des Al Capone (Quelle: Wikipedia)

Bild der Erika Mustermann (Quelle: Wikipedia)

Bild der Erika Mustermann (Quelle: Wikipedia)

Frontalansicht (en face):
Das Gesicht des Abgebildeten und sein Blick sind direkt auf den Betrachter gerichtet. Diese Porträtart herrscht vor bei den allermeisten Amateurporträts, aber auch bei mittelalterlichen ‘Schandbildern’, Fandungsfotos und biometrischen Paßbildern – seltsam ähnlich, nicht wahr? Vor dem Hintergrund größtmöglicher Wiedererkennbarkeit mag diese steife, plakative und ‘anzeigende’ Art Sinn machen, für künstlerische Porträts – mithin also solche, die Wesenmerkmale und Atmosphärisches vermitteln wollen – eher selten.

Viertelprofil

Viertelprofil

Viertelprofil: Das Gesicht des Abgebildeten ist leicht aus der Frontalansicht gedreht, der zumeist zum Betrachter gehenden Blick vermittelt Tiefgründigkeit. Diese Porträtart ist lebendiger und ausdrucksstärker wie die Frontalansicht und wird in der Porträtfotografie oft bevorzugt.

 

 

 
Halbprofil

Halbprofil

Halbprofil: Das Gesicht des Abgebildeten wird so von der Seite dargestellt, daß das zweite Auge noch deutlich zu erkennen ist. Der Blick kann noch tiefgründig zum Betrachter gehen, schweift ansonsten zur Seite.

 

 

 
Dreiviertelprofil

Dreiviertelprofil

Dreiviertelprofil: Das Gesicht des Abgebildeten nähert sich der Profilansicht, die Nase überragt oft die Kontur, das zweite Auge ist halb verdeckt bis nur angedeutet. Der Blick wird zumeist in die Ferne schweifen.

 

 

 
Profilansicht

Profilansicht

Profilansicht (en profil): Das Gesicht des Abgebildeten wird von der Seite abgebildet. Diese Porträtart findet sich im Schattenriß des 15. Jahrhundert angewandt oder im modernen Fahndungsfoto (siehe oben). In der heutigen Porträtfotografie spielt diese keine große Rolle.

 

 

 
Verlorenes Profil

Verlorenes Profil

Verlorenes Profil (profil perdu): Diese Porträtart ist auch als ‘Dreiviertelansicht von hinten’ bekannt. Wir schauen dem Abgebildeten quasi über den Schultern. Es sind zumeist nur die Konturen der Wangenknochen erkennbar. Dieses Wechselspiel von Sichtbarem und Verstecktem (wie wenn der Abgebildete zwar anwesend ist, aber doch für sich bleibt) wirkt oft reizvoll und geheimnisvoll zugleich, mithin also kokett.

 
3d. Unterteilung nach der Perspektive:

Normalsicht

Normalsicht

Normalsicht: Der Abgebildete wird ‘auf Augenhöhe’ aufgenommen, was der vertrauten Seherwartung entspricht und insofern Nähe zur bzw. Einvernehmen mit der Person symbolisiert.

 

 

 
Untersicht

Untersicht

Untersicht: Der Abgebildete wird von schräg unten aufgenommen, wodurch körperliche Größe, bedeutungsmäßige Überhöhung, angestrebte Machtstellung oder schlichtweg auch Distanziertheit der Person symbolisiert werden. Eine extreme Untersicht wird auch als ‘Froschperspektive’ bezeichnet, wobei hier weniger die Individualität der Person als vielmehr die Bedrohlichkeit oder Skurrilität einer Szene betont wird.

 
Aufsicht

Aufsicht

Aufsicht: Der Abgebildete wird von schräg oben aufgenommen. Dies kann (in Umkehrung der Untersicht) ein Herunterschauen bzw. Machtgefälle symbolisieren, zugleich aber auch Beziehungsaspekte wie Fürsorge (seitens des Betrachters) oder Unterwürfigkeit (seitens des Abgebildeten, besonders in Verbindung mit gesenktem Blick) symbolisieren. Eine extreme Form der Aufsicht stellt die ‘Vogelperspektive’ dar, auch hier geht es weniger um realistische bzw. individuelle Darstellung wie vielmehr um eine Verzerrung und Entfremdung der natürlichen Perspektive.

3e. Unterteilung nach der Blickrichtung:

Auch die Blickrichtung des Abgebildeten spielt eine große Rolle für die Bildwirkung auf den Betrachter.

Porträt 'Schampoo' (Quelle: Gert-Jan Kollenhof)

Porträt 'Schampoo' (Quelle: Gert-Jan Kollenhof)

Abgewandter Blick: Der Abgebildete ist ‘ganz bei sich’, entweder in Gedanken oder in einer eigenen Betrachtung versunken. Er nimmt keinen direkten Kontakt mit uns Betrachtern auf, ohne daß er uns deswegen fremd oder abweisend erscheinen muß. Wir Betrachter sind in einer Beobachterrolle, wir können den Abgebildeten ruhig und eingehend mustern. Im Vordergrund steht hier also die Betrachtung.

 

 
Porträt 'Der Schmied' (Quelle: Stefan Wieder)

Porträt 'Der Schmied' (Quelle: Stefan Wieder)

Zugewandter Blick: Ganz im Gegensatz zum abgewandten Blick steht hier den Kontakt bzw. der stille Dialog zwischen dem Abgebildeten und uns Betrachtern im Vordergrund. Es geht somit nicht in erster Linie um unsere Überlegungen und Empfindungen, wie der andere sei, somit eher darum, was dieser in uns auslöst.

 

 

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