Leserfoto:
Die Zurschaustellung von Triumph und Niederlage

Kompositorische und technische Probleme der Eventfotografie diskutieren wir in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Anne Jablonowski aus Bergdietikon im Kanton Aargau hat uns das obige Bild unter dem Titel „Gladiator” in der Kategorie ‘Event’ zur Besprechung eingereicht. Sie schreibt dazu: „Bei der Eröffnung der Saison im Römerlager Windisch AG wurde uA ein Gladiatorenshowkampf geboten. In der Mitte des Kampfes musste sich einer der beiden Gladiatoren neu organisieren (im Hintergrund) und der andere drehte sich um. In diesem Moment gelang mir das Bild. Schon beim Knipsen war mir klar, dass es s/w werden würde. Mir gefällt der Helm des Gladiators sehr, die Augenlöcher (man ahnt das Auge links) und die Energie, die der Mann ausstrahlt.”

Zur Aufnahme wurde eine Panasonic DMC-FZ200 als Bridgekamera mit eingebautem Zoomobjektiv verwendet. Die Brennweite betrug 73.0 mm (entsprechend 406.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von etwa 5.6), die Belichtungsdaten waren 1/400 Sekunde bei Blende f/4.0 und ISO 100.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Etwas verwirrend mag sich das Bild auf den ersten Blick darstellen, weil sehr viele Personen und Strukturen die Szenerie beleben.

Im Sinne des Schärfefokus’ schält sich dann jene in den rechten Bildteil und den Vordergrund gelegte, behelmte Person (rote Tonung ebd.) als Hauptmotiv heraus. Hinzu tritt jene etwa in die Bildmitte und in leichte Unschärfe fallende Person (blaue Tonung ebd.) im Hintergrund, die das Motiv im Sinne eines ‘stillen Dialogs’ ergänzt – nach vorne tretend, triumphierend und Beifall erheischend der eine; hinten verbleibend, geschlagen und von den Umstehenden entweder gestützt oder verachtet der andere

In der weiteren Erkundung fällt der Blick auf den sehr unruhigen Hintergrund mit vielen Strukturen und hohen Kontrasten (gelbe Linien ebd.), welcher vom eigentlichen Motiv der beiden Personen ablenkt.

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Das Histogramm zeigt sich U-förmig mit vergleichsweise schwach belegten Mitten. Im Sinne einer Fehlbelichtung bzw. eines die Abbildungsmöglichkeiten der Kamera übersteigenden Dynamikumfangs der aufgenommenen Szene fallen die zahlreichen Tonwertabbrüche im Bereich der Lichter (weiß) und der Schatten (schwarz) auf.

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Zusammenfassung: Eine interessante Bildgeschichte im Sinne eines ‘stillen Dialogs zweier Personen’ zeigt Annes Bild durchaus – unbenommen davon, ob und wie sehr man jene Zurschaustellung von Triumph und Niederlage bzw. menschlichem Elend gutheißen mag (was uns heute als lustiges und unblutiges Spektakel präsentiert wird, forderte in antiker Zeit immerhin hunderttausende unschuldiger Leben).

Auf die technischen Mängel durch Fehlbelichtung bzw. überbordernden Dynamikumfang hatte ich hingewiesen, ebenso auf die kompositorischen Schwächen im Sinne der durch den unruhigen Hintergrund beeinträchtigten Bildwirkung. Lohnend wäre es, auf günstigere Lichtbedingungen zu warten (ein bedeckter Himmel ist optimal hierfür) und eine bessere Trennung von ‘Figur und Hintergrund’ zu versuchen (mehr Abstand zwischen Protagonisten und Publikum).

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Komposition: Zusammenspiel von voerder (rot) und hinterer (blau) Person

Komposition: Zusammenspiel von voerder (rot) und hinterer (blau) Person

Komposition: Unruhiger Hintergrund (gelb)

Komposition: Unruhiger Hintergrund (gelb)

Tonwerte: Abbrüche im Lichterbereich (weiß)

Tonwerte: Abbrüche im Lichterbereich (weiß)

Tonwerte: Abbrüche im Schattenbereich (schwarz)

Tonwerte: Abbrüche im Schattenbereich (schwarz)

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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2 Kommentare

  1. Meiner Meinung nach dominiert im Vordergrund zu sehr der Helm, der so auch in einem Museum hätte aufgenommen werden können. Von der Person bleibt da nicht viel.
    Auch das Motiv im Hintergrund kann mich nicht überzeugen. Zieht sich der Mann gerade einen Wurm aus dem Körper?

  2. Ich finde das hier keine “kompositorische Schwäche im Sinne der durch den unruhigen Hintergrund ” vorliegt!

    Der unruhige Hintergrund macht das Foto gerade erst interessant.
    In der Eventfotografie ist es schwer bis unmöglich sich 100 % um eine perfekte Komposition zu kümmern und den Charakter des Events einzufangen.

    Mich überzeugt das Foto!
    Ein sehr gut gelungenes Beispiel für Event & Reportagefotografie.
    Gerade weil der Hintergrund unruhig ist und auch noch eine Geschichte erzählt spricht mich das Foto an!

    Wenn man mit 0815 Regeln der Portaitfotografie an so ein Bild herangeht (Hintergrund muß ruhig sein und darf nicht vom Hauptmotiv ablenken ect.) wird man diesem Foto und auch dem Genre nicht gerecht. (zugegeben, das Foto wird wahrscheinlich nicht für den World Press Photo Award nominiert werden aber was sagt das schon aus?)

    Genausogut könnte man afu die Art und weise Fotos von Miroslav Tichy auseinander nehmen und würde ihnen nicht gerecht werden.

    Die technischen Mängel der Fehlbelichtung sehe ich zwar auch, aber die finde ich insgesammt nicht schlimm. (Abzüge in der B-Note).

    Eure Tipps sind schwer umsetzbar. “auf bewölkten Himmel warten” ist bei einer Kampf in einer Gladiatorenshow sicherlich schwer möglich (ausser man hat Glück).
    Eine Lösung die ich als Eventfotograf empfehlen kann ist Blitzen (das hat wieder andere Nachteile und ist nicht überall möglich, aber man hat es in der Hand und braucht nicht auf Lichtverhältnisse zu warten)

    Sehr gutes Foto! Wäre noch schön wenn ihr die Internetpräsenz der Fotografin angeben könntet (ich z.B. würde gerne mehr Fotos der Fotografin sehen).

    lg
    Stephan

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