Leserfoto:
Eine ‘HDRisierte Alltagsszene’ …

Die HDR-Fotografie ist ‘en vogue’. Wir besprechen heute einige technische Probleme, aber auch Aspekte der Motivfindung.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Martin Neumann aus Dresden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Kakteen am Fenster” in der Kategorie ‘Stilleben’ zur Besprechung eingereicht.

Zu seinen Überlegungen und Beweggründen schreibt er ergänzend: „Das Bild war mein erstes Experiment mit HDR. Ich habe einfach als erstes mein Fensterbrett direkt neben mir fotografiert. Im Hintergrund sieht man die Häuser gegenüber in der Dresdner Altstadt. Verwendet wurde eine Canon EOS 600D … Das Motiv sah auf den Ausgangsbildern nicht gerade besonders aus, aber nach der Bearbeitung wirkte es erstaunlich gut. Besonders einige Details, wie die Wasserflecken an der Fensterscheibe, die verschiedenen Wolkenfarben und die Reflexionen der Vase gefallen mir sehr gut … Was könnte man noch verbessern?”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 600D mit Kitobjektiv Canon EF-S 18-55 mm f/3.5-5.6 IS II verwendet. Die Brennweite betrug 36.0 mm (entsprechend 57.6 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/640 Sekunde bei Blende f/10 und ISO 400.

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Mir ist jene ‘anfängliche Begeisterung bei neuer Ausrüstung oder Bearbeitungstechnik, die sich auf alles stürzt, was nicht bei drei auf dem Baum ist’ bestens bekannt. Sie erscheint mir nicht nur zulässig, sondern auch notwendig, um sich eine neue Materie in spielerischer Weise anzueignen – die Freude bestimmt das Tun, Weltbewegendes muß dabei nicht von vornherein herauskommen.

Martin stellt sich und uns aber auch einige wichtige Fragen, die auf Aspekte der Bearbeitungstechnik („Was könnte man noch verbessern?”) ebenso wie der Motivfindung („Das Motiv sah auf den Ausgangsbildern nicht gerade besonders aus, aber nach der Bearbeitung wirkte es erstaunlich gut …”) abzielen. Auf diese will ich in der Folge eingehen, doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Hinsichtlich der Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) gibt sich jene Batterie von Kakteen und Kerze auf der Fensterbank (rote Linien ebd.) als Vordergrundmotiv zu erkennen, während der Hintergrund durch einige Vertikalen, Horizontalen und Diagonalen der Häuserflucht (gelbe Linien ebd.) belebt wird.

Die Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zeigen im Histogramm eine linksschiefe Verteilung bei einem Mittelwert von etwa 104. Einige Tonwertabbrüche im Lichterbereich fallen ins Auge.

Bei den Farben überwiegen Rot-, Braun- und Blautöne, wobei jene ‘HDR-typische Mischung aus farblicher Übersättigung und zugleich einem Grauschleieraspekt’ unverkennbar ist.

In Hinblick auf die Struktur (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder) ist die wiederum HDR-typisch enorme Verstärkung des Mikrokontrasts zu benennen, die den abgebildeten Objekten ‘etwas so Prägnantes und zugleich Unwirkliches’ verleiht. In vergrößerter Abbildung fallen als HDR-Artefakte die unnatürlichen Randsäume und das verstärkte Bildrauschen vornehmlich in den dunkleren Bildpartien auf.

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Zusammenfassung:

„Was könnte man noch verbessern?”

Vom technischen Aspekt sollte ein verstärktes Augenmerk auf jene HDR-typischen Problemzonen gelegt werden – es kann hilfreich sein, die Farbsättigung etwas zurückzunehmen, um den natürlichen Eindruck der Farben zu erhalten; Randsäume und Bildrauschen können durch eine ‘partielle Hereinnahme der einfachen Aufnahme’ an den betroffenen Stellen vermindert werden: oft hilfreich ist es auch, mit RAW- bzw. 16-Bit-TIF-Bildern bei niedriger Empfindlichkeit zu arbeiten.

Die Feinheiten der HDR-Bearbeitung kann ich an dieser Stelle kaum erschöpfend abhandeln. Ich werde das Thema nächstens aber sicher noch einmal in einem eigenen Tutorial aufgreifen.

„Das Motiv sah auf den Ausgangsbildern nicht gerade besonders aus, aber nach der Bearbeitung wirkte es erstaunlich gut …”

Wichtiger vielleicht noch wie die technischen Aspekte erscheinen mir die hier anklingenden Fragen der Motivfindung. Nun bin ich generell nicht der Überzeugung, daß man jedes profane Motiv durch den ‘geeigneten Look’ in ein aufsehenerregendes und betrachtungswürdiges Bild verwandeln kann. Dies wäre im Extremfall ein ‘leeres technisches Tun ohne jede Inspiration’.

Die Erfahrung lehrte mich, und Gespräche mit anderen Fotografen verstärkten mich in der Überzeugung, daß dazu mehr gehört – ‘eine Idee, eine innere Überzeugung, ein starkes Empfinden’, was man gerade durch jenes Motiv ausdrücken und dem Betrachter vermitteln möchte. Anders ausgedrückt: wie sollte ein Betrachter von einer Szenerie ergriffen sein, die uns selbst nicht ergriff?

Auch dieses Thema der ‘inneren Einstellung, Motiverarbeitung, Bildfindung’ ist komplex, so daß ich hier nur manches andeuten kann und ansonsten auf ein kommendes Tutorial verweisen möchte.

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Komposition

Komposition

Struktur: Randsäume

Struktur: Randsäume

Struktur: Verstärktes Bildrauschen

Struktur: Verstärktes Bildrauschen

Tonwerte: Ausbrennende Lichter

Tonwerte: Ausbrennende Lichter

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