Philip-Lorca diCorcia:
Mögliche Wirklichkeit

Philip-Lorca diCorcias Arbeit bewegt sich zwischen Komposition und Schnappschuss, zwischen aufwändiger Bildregie und zufälliger Gegebenheit. Möglichst wirklich soll das Bild sein, auch wenn es arrangiert wurde.

DiCorcia4

DiCorcia4

So fragt Philip-Lorca diCorcia nach der Möglichkeit der Abbildung von Wirklichkeit. Dafür inszeniert er einerseits sehr sorgfältig und fotografiert andererseits Unvorhergesehenes auf der Straße.

Der amerikanische Fotokünstler Philip-Lorca diCorcia wird erstmals in Deutschland ausgestellt. Max Hollein, Direktor der Schirn-Kunsthalle Frankfurt am Main sagt:

„Philip-Lorca diCorcia gehört zu den absoluten Stars der amerikanischen Fotoszene. DiCorcias Arbeiten zeichnen sich durch eine ikonografische Bildqualität aus, die dem Medium Fotografie eine ganz eigene Bedeutung verleiht.“

Katharina Dohm, die Kuratorin der Frankfurter Ausstellung:

„Philip-Lorca diCorcias Fotografien bewegen sich zwischen Schnappschüssen und Kompositionen mit nahezu barocker Theatralik. Er zeigt die Figur des Menschen auf eine fundamentale Art und Weise, die für den Betrachter zu einem unmittelbaren Erlebnis wird. Die Zusammenstellung in der Schirn bietet die einzigartige Chance, in die geheimnisvollen Welten dieses wichtigen Künstlers der Gegenwart einzutauchen und seinen Blick auf gesellschaftliche Realitäten kennenzulernen.“

Beginnend mit aktuellen Werken aus der noch nicht abgeschlossenen Serie East of Eden führt die insgesamt 124 Arbeiten umfassende Schau durch sechs Werkgruppen zurück zum Anfang diCorcias: zu A Storybook Life (1975 bis 1999). Das teitl die Schirn zur Ausstellung mit. Diese Sammlung von Porträts, Landschaften, Interieurs, Stillleben, Schnappschüssen und Reisefotografien umreißt einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren.

Für die Serie Hustlers (1990–1992) fotografierte diCorcia männliche Prostituierte rund um den Santa Monica Boulevard in Hollywood. Sowohl Position und Setting als auch die begleitenden Lichtverhältnisse der Protagonisten sind vom Künstler sorgsam inszeniert. Die Titel der jeweiligen Werke verweisen auf Name, Alter und Herkunft der Prostituierten sowie die Summe, mit der sie von diCorcia für das Posieren entlohnt wurden. In der Traumfabrik Hollywoods in Szene gesetzt, werden die Männer berührende Darsteller ihrer eigenen verlorenen Träume.

Philip-Lorca diCorcia: Hong Kong, 1996, Ektacolor print 25 x 37 1/2 inches (63.50 x 95.25 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/LondonPhilip-Lorca diCorcia: Eddie Anderson, 21 years old, Houston, Texas, $ 20, 1990-92
Fujicolor Crystal Archive print 30 x 40 inches (76.2 x 101.6 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/LondonPhilip-Lorca diCorcia: Ike Cole, 38 years old, Los Angeles, California, $ 25, 1990-92 Fujicolor Crystal Archive print 30 x 40 inch (111.8 x 167.6 cm) © Courtesy of the artist und David Zwirner, New York und Sprüth Magers, London/BerlinPhilip-Lorca diCorcia: The Hamptons, 2008, Inkjet print 40 x 60 inches (101.6 x 152.4 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London
Philip-Lorca diCorcia: Head #11, 2001, Fujicolor Crystal Archive print 48 x 60 inches (121.9 x 152.4 cm) Courtesy the artist und David Zwirner, New York/London

Die Straßen von New York, Tokio, Paris, London, Mexiko City oder Los Angeles sind Schauplatz für diCorcias Serie Streetwork. In den zwischen 1993 und 1999 entstandenen Werken gehen Passanten auf dem Weg nach Hause, zur Arbeit, zum Sport oder zum Einkaufen in die Fotofalle des Künstlers: Nichtsahnend durchschreiten sie das von diCorcia arrangierte Blitzlichtsystem. An einem bestimmten Punkt löst der Fotograf aus. DiCorcia lässt im Getümmel der Großstadt die Zeit stillstehen und rückt Individuen und Menschengruppen ins Zentrum des Geschehens. Ähnlich wie in seiner Serie Hustlers zählt hier nicht der dokumentarische Charakter des Werkes, diCorica wirft die Frage auf, was Realität ist.

In der Serie Heads (2000–2001) fokussiert sich Philip-Lorca diCorcia auf den Einzelnen. Aus dreitausend Fotos traf eine Auswahl von insgesamt 17 Köpfen. Der Blick des Betrachters wird auf das Gesicht des Passanten fokussiert, das durch die Beleuchtung und den Bildausschnitt ins Zentrum des Bildes rückt. Der Rest bleibt im schemenhaften Dunkel. Die Menschen – eine junge Frau, ein Tourist, ein Mann mit Anzug und Krawatte – erscheinen sonderbar isoliert. DiCorcia enthebt sie für einen kurzen Moment der Masse. Der Künstler erfindet den scheinbar zufälligen Augenblick damit neu.

In der Serie Serie East of Eden findet sich neben dem religiösen Ansatzpunkt der literarische in Verbindung zum gleichnamigen Roman von John Steinbeck herstellen. Der erzählt in Anlehnung an den biblischen Bruderkrieg zwischen Kain und Abel eine amerikanische Familiensaga von den Jahren des Bürgerkriegs bis zum Ersten Weltkrieg. DiCorcia bedient sich seiner Motive.

Philip-Lorca diCorcia wurde 1951 in Hartford, Connecticut, geboren. Von 1972 bis 1975 studierte er an der School of the Museum of Fine Arts in Boston, bevor er 1979 an der Yale University den Master of Fine Arts in Fotografie erwarb. Der Fotograf gilt als einer der wichtigsten amerikanischen Künstler seiner Generation. Bereits 1993 richtete das Museum of Modern Art in New York eine erste Einzelausstellung zu diCorcia aus. Bei Wikipedia erfahren wir noch mehr über diCoricia. Zur Frankfurter Ausstellung erschien ein Katalog im Kerber-Verlag, Bielefeld 2013: Philip-Lorca diCorcia (Affiliate-Link).

Philip-Lorca diCorcia: Photographs 1975 – 2012
Bis 8. September
Schirn Kunsthalle, Römerberg, D-60311 Frankfurt
+49 (0)69-29 98 82-0, welcome@schirn.de
Geöffnet Dienstag, Freitag bis Sonntag 10 – 19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10 – 22 Uhr

Philip-Lorca diCorcia bei Wikipedia
Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

 

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen.

* Pflichtfelder