Leserfoto:
Eine geheimnisvolle Szene

In der heutigen Bildbesprechung wollen wir diskutieren, wie sich kompositorische, tonwert- und farbbezogene Elemente zu einer geheimnisvollen Bildaussage verdichten lassen.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Markus Burckhardt aus Hohenschäftlarn in Oberbayern hat uns das obige Bild unter dem Titel „Marrakesh” in der Kategorie ‘Schnappschuss’ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Das Bild zeigt meine Frau auf einer Terrasse in Marrakesch, Marokko beim Lesen in der Nachmittagssonne. Ich kam zufällig die Treppe hoch und sah die Spiegelung in einem farbigen Fenster. Die Häuser zusammen mit den runden Formen , die sich teils auch auf der Terrasse wiederfinden fand ich sehr reizvoll. Ich würde mich freuen, wenn ihr mir sagt, was ihr davon haltet. Ganz lieben Dank!”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 60D mit Zoomobjektiv Canon EF-S 18-135mm 1:3,5-5,6 IS verwendet. Die Brennweite betrug 26.0 mm (entsprechend 41.6 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/50 Sekunde bei Blende f/4.0 und ISO 100.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Übersichtlich in Hinblick auf das Motivzentrum und doch auch geheimnisvoll hinsichtlich der umgebenden Elemente präsentiert sich die Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild). Der etwa im Goldenen Schnitt rechts oben liegende Torso der lesenden Frau gibt sich klar als Motivzentrum zu erkennen (rote Linien ebd.).

Drumherum wird es nun spannend – zum einen führen die Verlängerungen der Hausdächer als gerade Linien auf das Motivzentrum zu (gelbe Linien ebd.); zum anderen teilen sich die in Unschärfe fallenden Biegungen des Geländers in solche auf, die auf das Zentrum hinzielen (nochmals gelbe Linien ebd.) und solche, die daran vorbeiführen bzw. dieses einrahmen (grüne Linien ebd.).

Hinsichtlich der Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) hebt sich die Person durch den verstärkten Kontrast von Zone I bis VIII vom vergleichsweise flaueren Hirntergrund von Zone II bis VII ab. Diese Kontrastdifferenz hebt das Motiv hervor.

Bei den Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) überwiegen blaue und violette Töne. Wir hören wohl, daß durch ein farbiges Fenster fotografiert wurde und assoziieren doch eine Dämmerungs- bzw. eine etwas geheimnisvolle Lichtstimmung (’1001 Nacht’).

Wie wichtig die Farben hier in atmosphärischer Hinsicht sind, zeigt die Graustufenumwandlung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild), die gegenüber dem Original vergleichsweise blaß und unwirksam bleibt.

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In der Zusammenfassung möchte ich Markus’ atmosphärische Arbeit würdigen. Gerade das scheinbar im Bild schwebende Motivzentrum, die Unschärfen und die besonderen Farben machen dieses Bild sehr wirksam – jenes ‘geheimnisvoll-orientalische Element’ hat Markus somit auf einer überlagernden Ebene visualisiert.

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Komposition

Komposition

Tonwerte

Tonwerte

Graustufenumwandlung

Graustufenumwandlung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Kommentare

  1. Hallo Markus,
    Ein interessantes Bild. Aber ich muss gestehen, dass ich nicht verstehe wie eine solche Spiegelung zustande kommen kann. So sehe ich 2 Bilder. Eines stark farblich getönt: da weiß ich nicht so recht wo ich hingucken soll, der Vordergrund ist unscharf, und die Häuser undeutlich zu erkennen und auch nicht so sonderlich interessant. Und einen kleinen Ausschnitt mit Deiner Frau, der so recht nicht hinein passen will.
    Viele Grüße, Tilman

  2. Ich finde das Bild äusserst interessant und gelungen. Beim ersten betrachten dachte ich, es sei eine Morgenstimmung eingefangen worden. Das der violette/rosa Farbton Resultat der Fentertönung ist, habe ich erst später gelesen.
    Was ich schön finde sind die Farben (wie gesagt, ich assoziiere damit eine Morgenstimmung) sowie den hellen Bereich (die Oberkante) der Spiegelung die perspektivisch in den Hintergrund (in die Stadt) hineinragt und quasi rechtwinklig auf der Fensterscheibe liegt. Jedenfalls wirkt es so auf mich. Die gespegelte Szenerie und die “Morgenstimmung” strahlen eine gewisse Ruhe aus, die ich sehr mag!
    Zu meinem Vorredner: Ob die Spiegelung so möglich ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich muss gestehen, ich hoffe, dass das Bild so wie es ist authentisch ist (so wie es mit normaler Bildbearbeitung halt sein kann), denn wenn ich wüsste, dass hier zwei Bilder kombiniert wurden, würde das meine gedanklich aufgebaute Szenerie zerstören.
    Das gilt aber wohl nur für mich :-)

    • Ganz herzlichen Dank für die Besprechung meines Fotos. Ich habe mich wirklich sehr gefreut, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ich (fast) blutiger Anfänger bin und bislang eher weniger technisch an Aufnahmen herangehe als eben über die Atmosphäre und Stimmung. Thomas’ Anmerkungen sind sehr hilfreich, um zu verstehen durch welche Elemente die Stimmung erzeugt wird und wie man dies technisch umsetzen kann.

      Zu der aufgekommenen Frage der Spiegelung kann ich nur sagen, dass das Bild nicht bearbeitet ist. Ich habe durch eine blau/lila Scheibe fotografiert und die unterschiedlichen Farben der Spiegelung waren gerade der Grund für die Aufnahme und das was es für mich interessant gemacht hat. Soweit ich mich erinnere habe ich die Aufnahme von schräg links gemacht und die Terrasse befand sich eine halbe Treppe weiter oben rechts. Es war später Nachmittag. Vielleich kann ein Leser weiterhelfen, wie eine derartige Spiegelung entstehen kann.

      Besten Dank nochmal für die Besprechung und viele Grüße
      Markus

  3. Aus Euren Kommentaren meine ich schon, einige Unsicherheit hinsichtlich der Spiegelung herauslesen zu können. Vielleicht liegt das daran, daß es ungewohnte Motive sind.

    Technisch ist das hingegen kein Hexenwerk – in der Regel muß man schräg auf die Scheibe fotografieren, wobei dann je nach Helligkeitsgrad und Farbintensität des durchscheinenden und des reflektierten Motivs ganz unterschiedliche Bilder resultieren. Einen kleinen Tip möchte ich an dieser Stelle noch verraten: mit einem Polarisationsfilter kann man den Grad von Transparenz und Reflektion phantastisch steuern.

    Ich selber mag diese Spiegelungsmotive, durch welche sich solch irrealen Effekte erzeugen lassen, sehr und setze diese immer wieder auch in der Streetfotografie ein – siehe dazu das verlinkte Bildbeispiel unter … http://brotzler-fineart.d…s/ha03_ua02_vb01.jpg

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