Fotografieren:
Porträtfotografie (4)

Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte dieses vierteiligen Tutorials …

 

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5. Psychologische Aspekte

Im geschichtlichen Rückblick hatte ich bereits darauf hingewiesen, daß Porträts mit zu den ersten bildnerischen Schöpfungen des Menschen gehörten – wenn auch in stilisierter Form, was die Funktion des Abgebildeten gegenüber seiner Individualität betonte.

Zugleich klangen in den vorangehenden Abschnitten – etwa bei der Vorstellung der verschiedenen Porträtarten – schon die vom Bild bzw. dem Abgebildeten ausgehenden Wirkungsaspekte (im Sinne von ‘Einzelbuchstaben eines psychologischen Alphabets’) an. In diesem Abschnitt möchte ich mich noch mit der allgemeinen Frage beschäftigen, was Porträts ‘eigentlich mit uns Betrachtern machen’ …

Wie erklärt sich also dieses quer durch die Menschheitsgeschichte und die verschiedenen Kunstarten bestehende, offensichtlich also ‘uns Menschen ganz eigene Interesse’? Nun, in psychologischer Hinsicht geht es hier um den Versuch, das ‘schmerzliche Getrenntsein vom Gegenüber’ zu überwinden. Im Augenblick der Betrachtung ist der Abgebildete auch ein Stück unseres Selbst – wir wollen uns also im Gegenüber wiedererkennen, den ‘Menschen im Menschen erkennen’; und wir wissen alle um den bisweilen enormen ‘Sog der Identifikation’, wenn wir etwa ‘mit dem Helden eines Buches oder Films hoffen oder zittern’.

Die Entsprechung auf neuroanatomischer Ebene sind die seit 1992 bei Primaten entdeckten und beschriebenen ‘Spiegelneurone‘ – Nervenzellen also, die uns beim Betrachten eines anderen unwillkürlich ähnlich empfinden (Freude, Trauer, …) oder handeln (Lachen, Gähnen, …) lassen. Die sich daraus ergebenden neuronalen Schaltkreise sind – so die gängige These – von enormer Bedeutung für die Ausbildung sozialer Phänomene wie Empathie oder Imitation – Einzelaspekte, aus denen sich dann ein Gemeinschafts- bzw. Zusammengehörigkeitsgefühl zusammensetzt.

Im Gegensatz zum Buch oder Film weist ein Porträt nun keine direkte Handlung auf, es erscheint vielmehr wie ein Standbild. Und trotzdem ist darin auch eine subtile Geschichte verborgen. Eine solche entsteht in unserem Kopf, wenn wir ‘das Bild mit unseren Wahrnehmungen, Überlegungen und Empfindungen durchschreiten’.

6. Fazit

Wir sind nun am Ende dieses Tutorials angelangt, und ich danke Euch für die Lesegeduld.

Es mag deutlich geworden sein, daß die Porträtfotografie eine durchaus vielschichtige und anspruchsvolle Angelegenheit ist, die eine eingehende Beschäftigung auf der kompositorischen, technischen und psychologischen Ebene verdient. Zu diesem oder jenem wäre noch manches zu sagen gewesen, doch hoffe ich, eine verdauliche Mischung aus Komplexität und Verdichtung gefunden zu haben.

Sofern sich der eine oder andere ermuntert fühlt, bei seinen eigenen Porträtaufnahmen das ‘Schema der totgeblitzten Frontalansicht’ zu überwinden und den Reichtum der gegebenen Möglichkeiten auszuschöpfen, hätte dieses Tutorial seinen Zweck erreicht.

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