Leserfoto:
Kampf der Titanen

Wie das Bild einer alltäglichen Szene sich vom rein Dokumentarischen befreien und eine eigenständige Wirkung entfalten kann, soll die heutige Bildbesprechung aufzeigen.

Ausgangsbild

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Unser Leser Wolfram Pesla aus dem württembergischen Bad Waldsee hat uns das obige Bild unter dem Titel „Neuem Platz schaffen” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Abriss eines alten Fabrikgebäudes”

Zur Aufnahme wurde eine Sigma SD14 mit dem Zoomobjektiv Sigma 18-200 mm F3,5-6,3 II DC OS HSM verwendet. Die Brennweite betrug 18.0 mm (entsprechend 31.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.72), die Belichtungsdaten waren 1/200 Sekunde bei Blende f/8.0 und ISO 100. Da das Bild mit 1949 mal 1713 Pixel zu groß für gewöhnliche Monitore war, habe ich es auf 1000 mal 844 Pixel verkleinert und den weißen Rahmen entfernt.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Eine dramatische Szene empfängt den Betrachter. Wie zwei zum Kampf gerüstete Titanen stehen sich auf der linken Seite der Bagger und und auf der rechten Seite jener Zweischalengreifer (das Teil heißt wirklich so), der durch die Streben in Hintergrund noch einen Ausleger zu bekommen scheint, gegenüber (rote Linien ebd.).

Dramatisch steigen Staubwolken zwischen den Konkurrenten auf. Ganz windschief – wie vom Kampf der Titanen mitgenommen und selbst schon der Zerstörung preisgegeben – zeigt sich das Gebäude im Hintergrund. Der Blick folgt den Strukturen im Hintergrund (gelbe Linien ebd.) und meint darin eine stürzende Bewegung – beginnend beim Dach und endend im Kieshaufen – zu gewahren (blaue Linie ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich deutlich rechtsschief bei einem Mittelwert von knapp 170. Alle Partien sind gut durchgezeichnet, Tonwertabbrüche treten nicht auf. Kontrastvoll in die Zonen I bis VII gelegt zeigen sich die Protagonisten, demgegenüber tritt das Gebäude durch geringeren Kontrastumfang mit den Zonen V bis VIII in den Hintergrund. Der Himmel liegt schließlich in den Zonen VII bis IX.

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Zusammenfassung: Gewiß zeigt Wolframs Bild einerseits eine ganz normale, um nicht zu sagen profane Abrißszene, wie sie täglich wohl vielfach zu beobachten ist.

Aber sein Bild zeigt andererseits auf einer zweiten Ebene noch mehr, was ich obenstehend so eidetisch als ‚Kampf der Titanen‘ beschrieben habe. Es ist jene Symbolisierung der unbändigen Kraft und des zerstörerischen Effekts, der die Szene so lebendig werden läßt und vom rein dokumentarischen Anspruch befreit.

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Komposition

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Abriss eines alten Fabrikgebäudes

Marke: SIGMA

Modell: SIGMA SD14

Belichtungszeit: 1/200

ISO: 100

Blende: 8/1

Brennweite: 18/1

Formulardaten:

Vorname: wolfram
Nachname: pesla
Strasse: fliederstraße 8
PLZ / Ort: 88339 bad waldsee
E-Mail-Adresse: wolframpesla@gmx.de
Webseite: www.fotowolfram.de
Bilddatei:
Bildtitel: neuem Platz schaffen
Kategorie: Architektur
Kommentar: Abriss eines alten Fabrikgebäudes
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10 Antworten
  1. Peter Bundrück says:

    Ich finde die Diskussion etwas …na ja …Akademisch…?…aber es ist Klasse das hier diskutiert wird ohne sich die Köpfe einzuschlagen wie ich es leider schon auf vielen Fotoseiten erlebt habe!
    Danke dafür ;-)

    Antworten
  2. Thomas Brotzler says:

    Danke für die bisherigen Diskussionsbeiträge.

    Könnte es sein (ohne die unterschiedlichen Sichtweisen werten oder gegeneinander aufrechnen zu müssen), daß Eure Erwartungen eher in Richtung einer linearen Geschichte und Anordnung (‚ein Bagger, ein Dach, ein Zusammenbruch‘, also eher statisch) gehen, während ich Genuß aus dem Kontrapunkt, der Gegenüberstellung der Elemente (also eher dynamisch) ziehe?

    Die Matrix der eigenen Erfahrungen und die daraus resultierende, oftmals unterschwellige Seherwartung bestimmt ‚das, was man sieht, wie man es sieht und wie man es aufnimmt‘. Wir könnten auch solche Aspekte hier gerne diskutieren – und dies würde Wolfram (der uns ja sein Bild anvertraute) womöglich besser voranbringen wie nur Auskunft über vermeintliche Kreuze geben zu müssen.

    Das dem jetzigen Tutorial („Das Werkzeug ‚Tiefen/Lichter'“) nachfolgende (voraussichtlich im Oktober) befaßt sich übrigens mit der Gestaltpsychologie, und da geht es weithin um unseren ‚Wahrnehmungsapparat‘ und die Art, ‚wie wir Bilder geistig vespern‘ …

    Thomas

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    • Tilman says:

      Hallo Thomas,
      Den Begriff Kontrapunkt kenne ich eigentlich nur aus der Musik. Bei Wiktionary kann man lesen, dass damit in gehobener Sprache wohl ein “deutlich erkennbarer Gegensatz” gemeint ist. Was daran dann allerdings “dynamisch” ist, und was das mit dem Bild von Wolfram zu tun hat, verstehe ich nicht. Wäre vielleicht mal einen Idee für ein ausführliche Behandlung in einem Tutorial.
      Ich habe mich auch über Deinen Kommentar über „vermeintliche Kreuze“ gewundert. Rudi hat zunächst beschrieben, wie das Bild auf Ihn wirkt, und darauf aufbauend einen Verbesserungsvorschlag gemacht. Finde ich fast konstruktiver als über die Matrix eigener Erfahrungen nachzudenken.
      Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Tilman,

      ich fände es sehr schade, wenn wir diesmal – und im Gegensatz zu vielen früheren Diskussionen – keine gemeinsame Sprache finden könnten.

      Die Begriff ‚Kontrapunkt‘ bzw. ‚Matrix der eigenen Erfahrungen‘ hatte ich ja als Doppelung bzw. Umschreibung von ‚Gegenüberstellung der Elemente‘ bzw. ‚unterschwellige Seherwartung‘ verwendet, die Übersetzung also gleich mitgeliefert.

      Insofern verstehe ich leider nicht, was es darin nicht zu verstehen gibt. Wie sollte ich denn noch verdeutlichen, daß meine Argumentation in Richtung der durch die Gegenüberstellung entstehenden, aus meiner Sicht reizvollen Bildspannung geht?

      Thomas

    • Tilman says:

      Hallo Thomas,

      zweiter Anlauf :->

      „Genuß aus dem Kontrapunkt, der Gegenüberstellung der Elemente (also eher dynamisch) ziehe“

      Ich habe, so glaube ich, noch immer nicht verstanden, welche Elemente gegenübergestellt sind. Ist es Bagger + Schaufel auf der einen Seite, Hintergrund auf der anderen? Kontrapunkt, das ist doch die Lehre von „Note gegen Note“, also das Zusammenspiel zweier eigenständigen Melodien . Oder meinst Du etwa, dass der Bagger und die Schaufel die zwei gegensätzlichen Akteure sind? Dann würden wir das Bild in der Tat grundsätzlich anders empfinden. Die Schaufel ist für mich statisch, es ist ein abgelegtes Werkzeug ohne Leben, es lenkt vom eigentlichen Geschehen ab. Ich verstehe auch nicht, was Du in diesem Zusammenhang mit dynamisch meinst.

      „Matrix der eigenen Erfahrungen“

      Deinen Gedanken, inwieweit es eine unterschwellige Seherwartung gibt, ist interessant. Und ich freue mich auch schon auf Deinen Beitrag über die Gestaltpsychologie in der Fotografie. Es war Deine Abwertung von Rudis Beitrag, die mich gewundert hat.

      Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • Thomas Brotzler says:

      „Oder meinst Du etwa, dass der Bagger und die Schaufel die zwei gegensätzlichen Akteure sind?

      Aber ja, genau das! Die roten Linien in der Kompositionsskizze umranden diese beiden Kontrahenten bzw. Titanen, wobei sich die rechte Schaufel und die Strebe dahinter ja noch zu einem Trompe-l’œil verbinden.

  3. Erica di Motta says:

    Guten Tag, ich habe mich an ein eigenes beim Betrachten dieses Bildes erinnert: habe es hervorgeholt und festgestellt, daß es ohne das Datum – Dokumentation – nicht so ganz den Ausdruck hat wie das hier: nochmals Gratulation. Jedoch ist meines stärker fokusiert.
    Hier: Herzlichen Glückwunsch zur Bildbe-sprechung und zum Bild.
    Beim Betrachten des Bildes, das für mich interessant ist, kam mir der gleiche Gedanke wie vom Vorredner: zu dominant der Bagger re. Dann las ich, dass hier ein Zoomobjektiv verwendet wurde und ich könnte mir vorstellen, daß mit einem Weitwinkel auch mehr sichtbar ist und wirklich die beiden Geräte in Konkurrenz gehen; müßte man ausprobieren.
    Mit kollgialen Grüßen

    Antworten
  4. Tilman says:

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch Wolfram zu diesem tollen Foto. Es gefällt mir sehr gut! Wie mein Vorredner denke ich, dass der Greifer zu sehr vom eigentlichen Geschehen ablenkt. Und der eigentliche Titan, der Bagger, ist vielleicht zu sehr an den Rand gerückt. Du scheinst einen Augenblick abgewartet zu haben, wo ein großer Teil vom Dach einstürzt. Diese Dramatik kommt nicht so richtig raus. Vielleicht wäre eine etwas länger Belichtungszeit interessant gewesen, um die Dynamik einzufangen? Oder liegt es daran, dass die Staubwolke in schwarzweiß eigentlich nicht so anders aussieht wie der Himmel?
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

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  5. Rudi says:

    Mein erster Blick ging auf den rechten Greifer, dann wurde mir klar, dass der nicht an einem Arm hängt sondern dass darüber das Gebäudeteil nur so aussieht als ob.

    Dann habe ich über die Bedeutung des kleinen Kreuzes oben nachgedacht – ist das ein christliches Kreuz, Kirche …?

    Kurz und gut, die eigentliche Dramatik, und die ist ja wirklich sehr gut eingefangen, kommt leider zu kurz.

    Aus meiner Sicht stört der Greifer als Vordergrundelement mehr als er kompositorisch bringt. Er lenkt von der eigentlichen Bildaussage zu sehr ab.

    Antworten
    • Wolfram says:

      Dann habe ich über die Bedeutung des kleinen Kreuzes oben nachgedacht – ist das ein christliches Kreuz, Kirche …?

      kein Kreuz, keine Kirche,
      ein altes Fabrickgebäude macht platz für ein neues
      hat also keine Bedeutung

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