Leserfoto:
Vom Idyll zum Abgründigen

Verschiedene, miteinander in Bezug tretende bzw. kontrastierende Bedeutungsebenen machen eine Fotografie interessant, wie die heutige Bildbesprechung aufzeigen möchte.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Kevin Kaiser aus Rodgau hat uns das obige Bild unter dem Titel „Flaschenpost” in der Kategorie ‘Schnappschuß’ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild habe ich gesten (02.07.2013) um 05:31 am Naksan Strand in Südkorea gemacht. Ich bin extra für den Sonnenaufgang über dem Meer von Seoul aus dorthin gefahren. Da das Wetter hier recht diesig ist und generell eine hohe Luftfeuchte herrscht, konnte man die Sonne nicht sehen. Deswegen habe ich diese beiden Flaschen aufgenommen, die ich am Strand gefunden hatte. Die im Vordergrund steckte schon so im Boden, die andere versuchte ich einfach nur näher zu platzieren … Kamera war eine EOS 700D mit 18-55 mm f/2,8-5,6 IS STM Objektiv bei Brennweite 23 mm. Die Blende war auf f/4,5 eingestellt, die Verschlusszeit auf 1/30 sec und ISO 100 … Entwickelt habe ich in Lightroom 5 und anschließend in Photoshop CS6 nur beschnitten (bessere Rasterüberlagerung) und verkleinert … Danke für die Kritik im Voraus!”

Über seine Ideen zur Bildgestaltung, die verwendete Ausrüstung sowie die Aufnahmedaten hatte Kevin bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von knapp 37 mm bei einem Formatfaktor von 1.6.

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Am 02.07.2013 in Südkorea aufgenommen, zwischenzeitlich bearbeitet (auf dem Rückflug?) und am 03.07.2013 schon als Bildbesprechung eingestellt – oh Segen der Globalisierung, „schöne neue Welt”! Hier muß ich doch grübeln, weil meine Rohaufnahmen nach Reisen gerne einmal einige Wochen bis Monate auf der Festplatte ‘reifen’ … nun ja, betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Eine zerbrochene, kopfüber in den Sand gesteckte, mit dem Etikett horizontal etwa im Goldenen Schnitt von rechts gelegte und mit ihrem Boden bis zur Horizonthöhe reichende Flasche empfängt den Betrachter sehr prominent und bildet den Blickeinstieg. Danach wandert der Blick weiter zur links dahinter liegenden Falsche, danach zu jener vertikalen, knapp über Horizonthöhe in Unschärfe liegenden Struktur, welche vermutlich ein Leuchtturm ist. Dort endet der Bilddruchgang, der Blick schweift in den darüberliegenden Himmel und die Ferne.

Die Blickführung entspricht somit einer nach links ansteigenden Diagonale und kehrt auf solche Weise die übliche ‘Leserichtung von links unten nach rechts oben’ um. Zum Vergleich habe ich noch eine Spiegelung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) eingestellt, die zwar konventioneller, aber auch fader wirkt – ich will diesen Aspekt weiter unten noch diskutieren.

Die Tonwerte mit ihrer Zonenspreizung der verschiedenen Elemente tragen erheblich zur Raumtiefe der Aufnahme bei – im Vordergrund sind die Flaschen kontrastreich in die Zonen I bis VI gelegt, während der umgebende Sand sich in die Zonen I bis IV zurückhält; der Himmel schließlich liegt in den Zonen V bis VII und erreicht nur rechts oben im angedeuteten Sonnenanschnitt die Zone VIII. Das Histogramm zeigt sich hinsichtlich der Schatten, Mitten und Lichter gut verteilt, doch etwas linksschief bei einem Mittelwert von 104.

Schön kontrastieren die Farben in diesem Bild mit den blaugrünen Tönen des Vordergrundmotivs und den Rot-, Gelb- und Ockertönen des Hintergrundes. Ohne Farben, wie in der entsättigten Version zur Komposition anklingend, würde das Bild kaum jene sich hier abzeichnende Wirkung entfalten.

Hinsichtlich der Struktur ist schließlich anzumerken, daß der Schärfefokus genau dort liegt, wo er hingehört – auf dem als Blickfang dienenden Vordergrundmotiv.

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Zusammenfassung: Man möchte ja Kevin geradezu beglückwünschen, daß die Sonne durch die Diesigkeit so verhangen war. So entstand hier keines jener ‘drei Billionen Sonnenuntergangsbilder, die wir doch immer wieder gerne mit schönes Bild quittieren’. Stattdessen machte sich Kevin auf die ‘Suche nach dem etwas anderen Motiv’, und er ist nach meinem Dafürhalten fündig geworden …

Den träumerischen Aspekt einer Flaschenpost spricht Kevin in seinem Bildtitel und in seinen Erläuterungen zur Bildgestaltung an. Gewiß, dies ist nachvollziehbar – die Farben und der in unscharfe Ferne schweifende Blick lassen an ein Idyll denken und symbolisieren diesen Aspekt wirksam.

Doch sehe ich in diesem Bild noch eine zweite Bedeutungsebene – Flaschen gehören weder intakt noch zerbrochen an den Strand, sie können als Symbole des rücksichtslosen Vandalismus’ gedeutet werden und stellen für Spaziergänge und spielende Kinder immerhin auch eine beträchtliche Unfallgefahr dar. Die unkonventionelle und etwas sperrige Blickführung von rechts nach links hilft hier, diesen Aspekt zu betonen und das Bild nicht zu gefällig werden zu lassen.

Jenes ‘Wechselspiel der Bedeutungsebenen vom Idyll zum Abgründigen’ macht das Bild für mich interessant. Ein wenig fühlte ich mich gar an die Serie ‘Janusblicke’ von Torsten Andreas Hoffmann, den ich hier unlängst vorgestellt habe.

Es bliebe nun aus meiner Sicht nur noch zu ergänzen, daß das Bild mit der Anhebung des Mitteltonkontrastes im Instrument ‘Tiefen/Lichter’ noch eine Auffrischung und verstärkte Prägnanz erfahren könnte, ohne die grundsätzliche Bildstimmung zu beeinträchtigen (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Überarbeitung’).

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Komposition

Komposition

Spiegelung

Spiegelung

Überarbeitung

Überarbeitung

Torsten Andreas Hoffmann: Janusblicke

Torsten Andreas Hoffmann: Janusblicke

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Ein Kommentar

  1. Ein schönes Motiv und mit der Überarbeitung noch besser.

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