Leserfoto:
Hochformatige und dramatische Landschaft

Das Hochformat verdient verstärkte Beachtung in der Landschaftsfotografie, da dieses Höhe und Erhabenheit oftmals besser wie das klischeehafte Querformat zu visualisieren vermag. Gerade in Verbindung mit ‘mächtigen Wetterstimmungen’ besteht so das Potential für beeindruckende Bilder. Was dabei noch zu beachten ist, wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Sebastian Helber aus München hat uns das obige Bild unter dem Titel „Wetterstimmung am Chiemsee” in der Kategorie ‘Landschaft’ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Das Bild entstand auf einer Wanderung in der Nähe des Chiemsee. Spannend war die fast schon graphische, von geometrischen Linien durchzogene geordnete Landschaft im Gegensatz zum bedrohlich aufziehenden Unwetter. Geringe Farbkorrekturen in Lightroom sowie Beschnitt.”

Zur Aufnahme wurde eine Sony DSLR-A380 (oder einfach Alpha 380) mit Kitobjektiv DT 18-55 mm F3.5-5.6 SAM verwendet. Die Brennweite betrug 55.0 mm (entsprechend 82.0 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von etwa 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/2000 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 400.

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Die Begeisterung für die Stimmung vor Ort sowie Ansätze der Bildgestaltung zeichnen sich in Sebastians Kommentar deutlich ab. Wir wollen schauen, ob und inwieweit sich ‘dieser Schwung ins Bild bringen ließ’ … doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Komposition: Strukturen’): Die Landschaftsaufnahme ist – vom gängigen Klischee ‘Landschaft gleich Querformat’ löblich abweichend – als Hochformat ausgeführt.

Der rechts unten in den Goldenen Schnitt gelegte Baumsolitär im Vordergrund und der im Drittel von unten positionierte Wald im Mittelgrund bilden den Blickeinstieg und das motivische Zentrum des Bildes (rote Linien ebd.). Der Feldrand, die Bergkette und der Absatz der Wolkenstruktur führen als Diagonalen den Blick dorthin, unterstützt von zwei Waagrechten an der Basis des Waldes (gelbe Linien ebd.).

In der Verteilung der Elemente im Bild (siehe dazu untenstehendes Bild ‘Komposition: Gewichtung’) fällt ein in den Goldenen Schnitt von unten gelegtes, sich quer durch das Bild ziehendes und recht enges Band der Verdichtung durch Baumsolitär, Wald und Bergkette auf. Vergleichsweise leer wirken demgegenüber die darüber und darunter befindlichen Bereiche.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das zuvor beschriebene ‘Verdichtungsband’ umspielt die Zonen I bis VII, der darüber gelegene Himmel die Zonen IV bis VIII, das darunter gelegene Feld die Zonen IV bis VII.

Zusammenfassung: Zunächst möchte ich Sebastians Ansatz würdigen, die Szene ‘mit dem Auge und dem Herzen gesehen’ zu haben. Er ließ sich, so stelle ich es mir vor – vom Anblick ergreifen, wollte gleichsam die Lieblichkeit von Baumsoliär und Feldstrukturen im Vordergrund, die Mächtigkeit der Bergkette im Hintergrund sowie die Bedrohlichkeit des Himmels darüber visualisieren und wählte dafür in Abweichung der klischeehaft-landschaftlichen Bildanlage das Hochformat.

Dies ist zunächst richtig und vielversprechend, denn tatsächlich lassen sich Höhe und Erhabenheit im ‘hochgezogenen Format’ oftmals überzeugender darstellen. Doch muß dieses Format auch entsprechend ‘mit Elementen gut verteilt gefüllt’ werden, und hier hapert es aus meiner Sicht, wie ich im Sinne der schmalen Verdichtungszone und den weitläufigen Leerzonen oben schon ausführte.

Auch das dramatische Potential wurde hier meines Erachtens nicht ausgeschöpft – zu eng gesetzt ist der Kontrastumfang, zu nahe beinander die Tonwertverteilung des gegenübergestellten Bildbereiche; das Bild bleibt insofern ‘zu brav’ …

Die nachstehende Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) muß notgedrungen eine Skizze bleiben, da wir bei der Bearbeitung von 8-Bit-JPGs im Gegensatz zu 16-Bit-TIFs rasch an Grenzen stoßen.

Doch mag diese im Ansatz aufzeigen, wie sich im Rahmen einer Schwarzweißkonvertierung und Tonwertmodulation das bildwirksame ‘Prinzip des fröhlich-leuchtenden Vordergrund unter bedrohlich-dunklem Himmel’ visualisieren ließe.

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Komposition: Strukturen

Komposition: Strukturen

Komposition: Gewichtung

Komposition: Gewichtung

Tonwerte

Tonwerte

Überarbeitung

Überarbeitung

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