Leserfoto:
Geheimnisvolles am Wegesrand

Ein schönes Beispiel für die Eindringlichkeit stiller Bilder zeigt die heutige Besprechung.

Ausgangsbild

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Unser Leser Marcus Leusch aus Mainz hat uns das obige Bild unter dem Titel „Auf der Rennstrecke” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Wasserkuppe/Rhön, nicht nur für Segelflieger ein beliebter Treffpunkt: Regelmäßig finden hier Rennveranstaltungen statt, bei denen besonders Motoradfreaks auf ihre Kosten kommen. An einem nebligen Herbsttag im vergangenen Jahr sind mir diese drei Biker über den Weg gelaufen, die sich rasch im Nebelgrau verloren haben. Gewiss kein Aufregerfoto und auch keines, auf dem wirklich viel zu sehen wäre, schon eher eine Momentaufnahme der Entschleunigung, die den hier sonst üblichen Geschwindigkeitsrausch bloß noch durch die Bremsspuren auf dem Pflaster und die drei sich entfernenden Gestalten mit ihren Helmen erahnen lässt … Aufnahmedaten: Nikon D700, 17-35 mm-Objektiv (bei 35 mm), ISO 800, Belichtungszeit 1/250, Blende 5.6, Belichtungskorrektur +0,3 LW, Kontraste in Photoshop angehoben, die Bildränder sind leicht beschnitten. ”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten berichtete Marcus schon. Die angegebenen 35 mm Brennweite sind kleinbildäquivalent wegen der verwendeten Vollformatkamera.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Etwa in den Goldenen Schnitt von rechts oben gelegt zieht jene Gruppe dreier Männer (rote Linien ebd.) unseren Blick an. Sie sind nur schemenhaft erkennbar, ohne Marcus‘ Text wüßten wir nicht einmal, ob diese kommen oder gehen. Alle drei tragen als Symbol der Verbundenheit bzw. Interessengemeinschaft einen Helm in der rechten Hand.

Sehr gut ist diese Gruppe im Bild integriert, einige Diagonalen von allen Seiten wirken wie blickführende Pfeile (gelbe Linien ebd.). Geradezu kontrapunktisch zu dieser strengen Ordnung und insofern Bildspannung erzeugend zeigt der Vordergrund der Straße ein ganz wildes, fast chaotisches Muster von Lenk- und Bremsspuren (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Sehr schön unterstützt auch die Verteilung der Tonwerte den wohlgeordneten Bildaufbau – im Vordergrund die Zonen I bis IV, seitlich angrenzend die Zonen IV bis VI, während der Hintergrund mit den Zonen VII bis IX schier ins Unendliche reicht.

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Zusammenfassung: Sehr bescheiden wirkt Marcus in der Selbsteinschätzung dieser Arbeit. Doch sind es oft die stillen Bilder, die ihre Geschichte erst nach und nach preisgeben, welche eine größere und nachhaltigere Wirkung erzielen wie jene lauten, plakativen Bilder, die schnell betrachtet und wieder weggelegt werden. In diesem Sinn fügen sich hier nach meinem Dafürhalten Komposition und Tonwerte sehr gut zusammen und unterstreichen gemeinsam mit der nebligen Atmosphäre die geheimnisvolle Bildgeschichte.

Ich finde es immer spannend, wenn zum Bild auch eine Erzählung vorliegt, denn dies ermöglicht interessante Quervergleiche mit der im eigenen Kopf entstehenden Geschichte. Marcus sah und spürte wohl eine Art zufriedener Erschöpfung bei den Protagonisten nach getaner Arbeit und wußte dies durch die ‚verbundenen Männer‘ sowie die ‚verspurte Straße‘ zu visualisieren.

Bevor ich selbst den Text las, studierte ich zunächst das Bild eine Weile – so halte ich es stets, denn sonst ‚tönt mir die Erzählung schon zu sehr im Kopf‘ und verstellt meinen eigenen Blick auf das Bild. In dieser Phase hatte ich Assoziationen in Richtung der ‚Unheimlichen Begegnung der dritten Art‚, jenem bekannten Spielberg-Film als Vertreter eines optimistischen Science-Fiction-Genres. Meine Phantasie schien etwas zu galoppieren, als ich plötzlich die Vision einer Neuverfilmung hatte, in der die außerirdischen Steuermänner vor dem Landeanflug ‚einige Viertele zu viel getankt‘ hatten … wieder in der Realität angekommen, fragte ich mich natürlich, ob ich Marcus‘ Bild solch ironische Interpretation ‚antun‘ könne – nun, die Diskussion wird es zeigen …

Ich bin mir relativ sicher, daß meine Assoziation auf der ursprünglichen Vorstellung einer Ankunft (im Gegensatz zum beschriebenen Weggang der Protagonisten) beruhte. Wie auch immer, sofern ein Bild ein wohldosiertes Maß an Unbestimmtheit und Geheimnis aufweist (nicht zu viel und nicht zu wenig), regt dies die Phantasie an, erlaubt verschiedene Interpretationen und beschäftigt den Betrachter – was kann man einem Bild Besseres wünschen?

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Komposition

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Wasserkuppe/Rhön, nicht nur für Segelflieger ein beliebter Treffpunkt: Regelmäßig finden hier Rennveranstaltungen statt, bei denen besonders Motoradfreaks auf ihre Kosten kommen. An einem nebligen Herbsttag im vergangenen Jahr sind mir diese drei Biker über den Weg gelaufen, die sich rasch im Nebelgrau verloren haben. Gewiss kein Aufregerfoto und auch keines, auf dem wirklich viel zu sehen wäre, schon eher eine Momentaufnahme der Entschleunigung, die den hier sonst üblichen Geschwindigkeitsrausch bloß noch durch die Bremsspuren auf dem Pflaster und die drei sich entfernenden Gestalten mit ihren Helmen erahnen lässt.

Aufnahmedaten: Nikon D700, 17-35 mm-Objektiv (bei 35 mm), ISO 800, Belichtungszeit 1/250, Blende 5.6, Belichtungskorrektur +0,3 LW, Kontraste in Photoshop angehoben, die Bildränder sind leicht beschnitten.

Marke:

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Brennweite:

Formulardaten:

5 Antworten
  1. Peter Bundrück says:

    Witzig ..ich dachte auch zuerst an einen SiFi Film.
    Mir gefällt gerade das hier viel offen gelassen wird. Ein Motorrad oä. fände ich schon zuviel an „Hilfe“. Ich finde es gut ein wenig zu spekulieren. Tolles Bild!

    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Mit Verlaub, hier fehlt nichts. Und das ist möglicherweise auch ein gewisser Mangel, den der Betrachter empfinden mag. Denn tatsächlich scheinen die drei Gestalten in eine Leere zu laufen, die wir im ersten Moment nicht füllen können. Noch nicht einmal die Reifenspuren auf dem Pflaster führen wirklich auf ein Ziel hin, sondern verrätseln sich.

    Hat das Geheimnisvolle nicht immer auch etwas Beunruhigendes (wie in einem guten Hitchcock-Fim all das, was nicht gezeigt wird und das wir nicht sehen können)? Wenn wir also versuchen, den Vorhang etwas zur Seite zu ziehen, blicken wir vielleicht etwas tiefer in uns selbst – und denken an Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung…“ oder einen Abgrund oder schönere Dinge, die uns bewegen mögen …??
    Vielleicht hätte ein Motorrad als Blickfang (im Vordergrund) einen Haltepunkt abgegeben, was die Szenerie etwas enträtselt hätte? Aber ich empfinde gerade diese lakonische Zeichensprache des Bildes mit seiner Nebelmystik so interessant.

    Antworten
  3. laderio says:

    Also ich bin hin und her gerissen.
    Einerseits hat das Bild schon eine gewisse Wirkung, andererseits „fehlt“ aber auch irgendwie etwas…

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Laderio,

      erzähle uns doch ruhig noch etwas mehr: inwiefern wirkt das Bild für Dich, was fehlt noch aus Deiner Sicht?

      Wir treffen uns ja hier und diskutieren, um gemeinsam zu lernen, wie Bilder ‚funktionieren‘.

      Thomas

  4. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,

    es freut mich, wenn mein Foto das Kino im Kopf mobilisiert, gerade wenn‘s so schön um die Ecke denken/fühlen lässt und die eigenen Erfahrungen Platz finden … Spielberg wäre mir auf der Wasserkuppe nun nicht in den Sinn gekommen, aber vielleicht gibt‘s ja hinter der großen Nebelsoftbox ein Wiedersehen mit alten Bekannten … ? Die haben bei mir natürlich keinen Trollinger oder Lemberger im Tank sondern besten Rheinriesling für‘s Elysium …

    

Nachdem das Bild schon längere Zeit auf meiner Festplatte vor sich hingedämmert hatte, kamen mir übrigens beim ersten Betrachten ganz ähnliche „Ankunfts“-Empfindungen; erst bei der Bildbearbeitung klarte sich die Laufrichtung der Protagonisten für mich wieder auf,
 auch wenn ich nicht verhehlen kann, dass es mir anders herum noch besser gefallen hätte – aber das wäre wieder etwas für den Zauberkünstler Spielberg … und schließlich passt eine Rückenansicht wahrscheinlich auch viel besser zum Geheimnisvollen der Szenerie !?

    „Sehr bescheiden wirkt Marcus in der Selbsteinschätzung dieser Arbeit. Doch sind es oft die stillen Bilder, die ihre Geschichte erst nach und nach preisgeben …“
    Ja, die stillen Bilder sind auch mir die Nächsten, da sie dem Betrachter oftmals mehr Freiräume bieten, sich selbst einzubringen, mit Eigensinn und Sinnlichkeit. Dafür gibt es natürlich auch Vorbilder, die heute wahrscheinlich nur noch den interessierteren Fotofreunden ein Begriff sind – wie etwa Roger Melis, dessen unaufgeregter Blick mir immer sehr viel bedeutet hat. Das Bescheidene an meiner Einschätzung ist hier also eher eine gewisse Zurückhaltung im Netz, wo man doch allzu häufig ein geschmacksprägendes plakatives Einerlei findet. Um so erfreulicher diese Seiten und eine einmal mehr sehr einfühlsame Besprechung, die den „Wegesrand“ zu schätzen weiß, was gewiss nicht jedermanns Sache ist.

    Mit einem herzlichen Dank
    und außerirdischen Grüßen

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Bildtitel: Auf der Rennstrecke
Kategorie: Street/Strasse