Leserfoto:
Eine Allegorie des Menschlichen

Auch naturnahe Stilleben können – eine geschickte Bildkomposition und -dramaturgie vorausgesetzt – als psychologisches Kammerspiel erscheinen, wie das heutige Bildbeispiel zeigt.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unser Leser Dash Izairi aus dem münsterländischen Bocholt hat uns das obige Bild unter dem Titel „Aufrecht” in der Kategorie ‘Landschaft’ zur Besprechung eingereicht. Er schreibt dazu: „Mir gefiel die Lichtstimmung, der “aufrechte” Gang des Weizenhalmes, welches im Lichte des späten Nachmittags brillierte. Im Original war der Ausschnitt grösser. Habe bei der Komposition versucht, die Bildaussage zu komprimieren und hoffe insgesamt, dass es mir gelungen ist. Anschliessend wurde es noch digital bearbeitet … Ich würde mich sehr über ihre Kritik freuen … Das Bild wurde auf einer Canon eos20d mit 60mm Brennweite, F8, 1/250 Verschlusszeit bei 100 Iso geschossen.”

Über die verwendete Ausrüstung und die Aufnahmedaten berichtete Dash bereits. Als Objektiv vermute ich, daß das Canon EF-S 60 mm f/2.8 USM Macro zur Anwendung kam. Zu ergänzen wäre noch, daß die Brennweite bei einem Formatfaktor von 1.6 kleinbildäquivalente 96 mm betrug.

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Mir gefällt, wie Dash versucht, eine bereits vorbestehende Idee bzw. etwas beim Anblick des Szene Gespürtes in ein Bild zu übersetzen – hier mag es entsprechend um den ‘aufrechten versus gebückten Gang’ bzw. um einen ‘Platz im Licht bzw. im Dunkel’ gegangen sein. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Wir Betrachter müssen uns – so scheint mir – in diesem Bild doch erst etwas zurechtfinden. Es ist nicht plakativ und sofort überschaubar, sondern wirkt eher komplex, durch die Vielzahl der Elemente und Strukturen fast etwas verwirrend.

Mit der Zeit erkennen wir Getreide mit Fruchtständen, konkret einige Ähren als Träger des Korns und viele Grannen als borstenartigen Fortsätze – es handelt sich hierbei also um Gerste und nicht um Weizen, wie Dash vermutete.

Ein Halm mit einem kaum ausgebildeten Fruchtstand findet sich im Goldenen Schnitt von links her (rote Linien ebd.) als Motivzentrum. Mit seiner aufrechten Haltung überragt er die anderen, durch schwere Fruchstände gebeugten Halme und sticht in solcher Weise hervor. Die gebeugten Halme und zahlreiche, waagrecht und diagonal verlaufende Grannen (gelbe Linien ebd.) stellen somit einen Kontrapunkt zum Motivzentrum dar.

Wir erkennen ferner einen ‘Lichtpol’ am oberen Ende mit vielen Einzelelementen sowie einen ‘Schattenpol’ am unteren Ende, der kaum Strukturen erkennen läßt und insofern etwas leer wirkt (blaues Fragezeichen ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich deutlich linksschief mit einem Mittlwert von knapp 80 und einigen Tonwertabbrüchen im Schattenbereich. Der bereits oben erwähnte ‘Lichtpol’ umspielt die Zonen V bis X, der ‘Schattenpol’ beschränkt sich auf die Zonen 0 bis I.

Farben (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Es handelt sich um eine Schwarzweißkonvertierung mit einer leichten Abschlußtonung im kühlen Sepia.

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Zusammenfassung: Mir gefällt diese Arbeit in ihrem allegorischen Gehalt von ‘aufrecht und gebeugt, beschienen und beschattet’ recht gut. Es sind solche Metaebenen, die der alltäglichen bzw. profanen Szene eine zusätzliche Bedeutung verleihen und das Bild einer längeren Betrachtung würdig machen.

Ich könnte mir vorstellen, daß nicht wenige Betrachter hier ebenfalls Assoziationen und Quervergleiche zum menschlichen Zusammenleben entwickeln – hier ‘der Aufrechte’, der sich nach dem Licht streckt, dort ‘die Beladenen’, die sich beugen müssen …

Freilich gibt es hier noch eine zweite, versteckte Metaebene – der Aufrechte ist durch einen unreifen Fruchtstand ohne Korn symbolisiert. In der übertragenen Bedeutung wäre er somit eher ein Kind und insofern nicht dazu prädestiniert, die Unterdrückten aufzurichten und zu befreien …

Von ästhetischer Seite her möchte ich noch anmerken, daß mir der untere, dunkle Bildpol ‘etwas zu weitläufig leer’ ist – die dadurch resultierende Düsternis ‘zieht das Bild herunter’. Eine aus meiner Sicht ausgewogenere Verteilung der Kompositionselemente und Tonwerte zeigt das untenstehende Bild ‘Beschnitt’.

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Komposition

Komposition

Tonwerte

Tonwerte

Beschnitt

Beschnitt

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