Leserfoto:
Über Vorder- und Hintergründiges …

In unserer heutigen Bildbesprechung suchen wir nach allegorischen Bedeutungen in einer alltäglichen Szene.

Ausgangsbild

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Marina Schoofs aus Duisburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Stairways to heaven” in der Kategorie ‘Schnappschuß’ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Diese Aufnahme entstand am 14.10.2012 um 12:41 Uhr in Bottrop (Tetraeder). Als ich die drei Personen im Gegenlicht auf dem Tetraeder sah, habe ich spontan an einen “Scherenschnitt” denken müssen. Dieser Schnappschuss ist das Ergebnis davon. Bearbeitet habe ich es mit Photoscape (Kontraste leicht erhöht, nachgeschärft und verkleinert) … Kamera: Pentax K 10 D, Objektiv: Sigma 70-200 2.8, Brennweite: 70mm, BelZeit: 1/2000 , Blende: 9.5, WA: manuell, Lichtverhältnisse: Gegenlicht”

Über die verwendete Ausrüstung hatte Marina schon berichtet, und als Sensorempfindlichkeit dürfen wir aufgrund der enormen Belichtungsreserven wohl ISO 100 vermuten. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von etwa 107 mm bei einem Formatfaktor von 1.53.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Es ist kein kleiner Eingriff, den ich mir mit der horizontalen Spiegelung bzw. mit der Seitenvertauschung herausgenommen habe – aber der Titel ‘Stairways to heaven’ als eine Metapher der Aufwärtsbewegung verträgt sich nach meinem Dafürhalten kaum mit einer fallenden Diagonale (in der konventionellen ‘Leserichtung’ eines Bildes von links nach rechts), welche eine Abwärtsbewegung symbolisiert.

Auf jener bildbestimmenden Diagonalen (rote Linie ebd.), die ich wie gesagt von einer fallenden zu einer aufsteigenden gemacht habe, entfaltet sich das eigentliche Bildgeschehen – zwei ältere Herrschaften steigen die Treppe herauf, sie scheinen sich durchaus zu mühen und haben die Bildmitte doch noch nicht ganz erreicht, während in der Gegenbewegung ein jüngerer, kamerabewehrter Mann leichtfüßig herabsteigt und seinem Ziel bereits näher zu sein scheint.

Umrahmt wird das Geschehen von einer verwirrenden Vielzahl von Streben unterschiedlicher Ausrichtung und Stärke (gelbe Linien ebd.), aus denen sich nach einiger Betrachtung drei Dreiecke bzw. Vektoren (nach rechts oben, nahc links unten und nach rechts unten) herauskristallisieren. Auffällig ist die Vielzahl der Verbindungen, die in gedachter Verlängerung knapp außerhalb des Bildfeldes positioniert sind (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich zweigipflig. Die Streben und die Personen finden sich im Sinne eines Scherenschnitts in Zone 0, der Himmel ist in die Zonen V bis X gelegt. Ein Gradient zunehmender Helligkeit zieht sich von unten nach oben, bis im oberen Himmelsbereich keine Zeichnung und Tonwertmodulation mehr vorhanden ist. Jene Zone ausgebrannter Lichter ist hier aber wenig störend, verweist vielmehr auf ein ‘sich dramatisch über den Köpfen der Protagonisten zusammenbrauendes Himmelsgeschehen’.

Farben: Das Bild wirkt insgesamt fast monochrom, gedämpfte Rot- und Gelbtöne bestimmen das Geschehen und lassen uns an eine Dämmerungssituation denken.

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Zusammenfassung: Der Bildtitel „Stairways to heaven” läßt uns über das profane Geschehen treppensteigender Menschen hinaus nach allegorischen Bedeutungen suchen: zwei ältere Herrschaften mühen sich die Treppe hinauf, wie wenn sie ihren Himmelsplatz und dort eine letzte Ruhe suchten. Wäre der junge, so leichtfüßig herabsteigende Mann dann eine Reinkarnation von Michael oder Raphael, nach neuen Kandidaten Ausschau haltend, um diese zu geleiten? Und für welches transzendente Bildarchiv machte er dann Aufnahmen?

In der Grundkomposition fällt die Ausschnitthaftigkeit und Unverbundenheit der Szene auf. Die Streben treffen sich erst außerhalb des Bildfeldes; nichts wirkt in solcher Weise abgeschlossen, sondern alles offen bzw. im Umbruch befindlich – eine Allegorie des Lebens?

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Komposition: Horizontale Spiegelung

Komposition: Horizontale Spiegelung

Komposition: Grundgerüst

Komposition: Grundgerüst

Komposition: Ergänzungen

Komposition: Ergänzungen

Tonwerte

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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3 Kommentare

  1. Dein Bild gefällt mir unheimlich gut, Marina! Zum einen sind da die Streben. Ich habe zunächst gar nicht verstanden, welche im Vordergrund und welche im Hintergrund sind… die Form dieses Aussichtsplattform ist ja auch sehr ungewöhnlich. Ein toller Ausschnitt, schon so wäre Dein Bild interessant. Aber dann kommen noch die Personen dazu, nur als Umrisse zu erkennen. Sie ergeben einen fantastisch Kontrast! Einzige Kritik: ich finde, Du hast etwas zu sehr nachgeschärft hast (weiße Streifen zu offensichtlich).

    Danke für Deine wieder sehr fantasiereiche Besprechung, Thomas. Besonders interessant finde ich den Aspekt Spiegelung. Gibt es wirklich eine konventionelle Leserichtung? Ich habe mal das Bild gespiegelt, und dann die Bilder nacheinander betrachtet. Und auch ich entdecke mit Staunen, dass die beiden Varianten anders auf mich wirken. Allerdings ist für mich das Original viel besser, bei der Spiegelung verlieren für mich die Streben rechts (in der Spiegelung) an Wichtigkeit.

    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    • “Gibt es wirklich eine konventionelle Leserichtung?”

      Lieber Tilman, dieser Frage möchte ich in den beiden kommenden Tutorials “Gestaltpsychologie” und “Blickwege bei der Bildbetrachtung” auf den Grund gehen. Eine Kurzantwort an dieser Stelle wäre: “im Prinzip schon” …

      Thomas

  2. Moin Moin… In den Himmel …

    Ein Bild ist eben nicht nur ein technisches Wunderwerk …
    Bildsprache durch gestalterische Elemente ohne vorgreifen zu wollen … auf das angekündigte Tutorial … bewirkt bei BetrachterIn so viel… Und wenn kulturelle Gegebenheiten keinen Platz in einer Ablichtung haben sollen … Nicht zu erkunden sich lohnen … Der die BetrachterIn seine kulturellen “Prägung” nicht einbezieht um das gesehene Bild zu entschlüsseln … Wirkung und Grund und Verstehen …

    Anders gefragt Tilman… Warum schaut der “Bösewicht” im Bild und Film zumeist von rechts nach links und wieso fangen die Buchstaben beim Schreiben am Rechner links oben an … Es gibt spannende Antworten und ich schaue weiter die gelben und blauen und roten Linien von Thomas …
    Zu diesem Bild zurück … Statisch und Bewegung …Richtung und Gegenbewegung …

    Klasse find vom Krabbenkutter Glückwunsch
    sehe die Sterne am Himmel Moin Moin

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