Leserfoto:
Einladung in eine Traumwelt

Wie sich formale und inhaltliche Spannungsbögen zu einem wirkungsvollen Bild verknüpfen lassen, wollen wir am heutigen Beispiel diskutieren.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Claire Sieverts aus dem baden-württembergischen Donaueschingen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Das Paar in den Wolken” in der Kategorie ‚Schnappschuß‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Dieses Bild ist in Oban, Schottland aufgenommen worden an einem etwas windigen, aber schönen Sommertag. Die große Pfütze die nach einem heftigen Regenfall stammt spiegelt die grauen Wolken wie die Silhouetten eines Paares und des Geländers der Promenade. Es ist etwas verträumt, gerade weil das Paar nicht direkt im Mittelpunkt liegt. Sie so etwas wie eine Privatsphäre, eine eigene Welt, vielleicht in den Wolken? … Aufgenommen ist dieses Foto mit einer Sony Cyber-shot 10.1 mp; ISO 200, f 4,5; verschlusszeit: 1/100, S/W”

Über die Aufnahmedaten hatte uns Claire schon berichtet. Die Sony Cyber-shot DSC-N2 ist eine bereits 2006 eingeführte Kompaktkamera mit einer für damalige Zeit recht ansehnlichen Abbildungsleistung. Da mir der Formatfaktor nicht bekannt ist, kann ich die faktische Brennweite von knapp 18 mm nicht zum Kleinbildäquivalent umrechnen. Das eingereichte Bild war mit 2378 mal 3319 Pixel zu groß für konventionelle Monitore, so daß ich es für unsere Zwecke auf 645 mal 900 Pixel verkleinert und leicht nachgeschärft habe.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Sehr exzentrisch positioniert zeigt sich das Motivzentrum mit dem gespiegelten Paar am oberen Bildrand (rote Linien ebd.), doch ist es zugleich über die hinführenden Linien des Geländers links oben und der rechts unten in der Pfütze erscheinenden Strukturen (gelbe Linien ebd.) kompositorisch gut eingebunden. Die Spiegelung des dramatischen Himmels im Bildzentrum erscheint in diesem Gefüge wiederum als verbindendes und ausgleichendes Element (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Scherenschnittartig sind die Protagonisten und das Geländer in die Zonen 0 bis I gelegt. Der Rest des Bildes gliedert sich in einem reizvollen Wechsel dunklerer und helleren Zonen.

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Zusammenfassung: Die exzentrische Positionierung des Hauptmotivs, die Hilfslinien zur Blickführung sowie der reizvolle Wechsel dunklerer und helleren Zonen schaffen auf der formalen Ebene zunächst jene Bildspannung, welche die Aufmerksamkeit des Betrachters beanspruchen und binden kann. Auf der inhaltlichen Ebene begegnen wir durchaus vertrauten Elementen wie Menschen, Zaun und Himmel, deren alltagsunübliche Anordnung uns jedoch tatsächlich wie eine Traumwelt erscheinen mag.

Claires Arbeit ist durch besagte Bildspannung auf der formalen und inhaltlichen Ebene, durch das Nebeneinander vertrauter und befremdender Bildteile, durch die Voraugenführung einer Traumwelt zweifelsohne gelungen. Der Betrachter wird so eingeladen, sich im übertragenen Sinn in diese Welt zu begeben, dort seinen Wahrnehmungen und Empfindungen zu folgen und somit eine eigene Geschichte zu erfinden.

Es erscheint mir sehr bemerkenswert, mit welch einfacher Ausrüstung (aus heutiger Sicht) dieses Bild entstanden ist. Die modernste und teuerste Ausrüstung wird also kaum fruchten können, wenn der Blick für Komposition und Dramatik fehlt.

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Komposition

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. Gue says:

    Hallo laderio,

    würde mich interessieren was für dich dann zu einem guten Foto dazugehört bzw. was dir an diesem Foto nicht gefällt. Ein gutes Foto zeigt etwas nicht „Alltägliches“ und die Perspektive mit der diese Foto gemacht wurde ist ganz sicher nicht alltäglich.
    Was mich ein bisschen „stört“ ist das rechte ober Eck, da wäre es schöner gewesen wenn sich da auch noch der Himmel in der Lacke spiegeln würde, war aber wahrscheinlich so nicht möglich.

    Antworten
    • glittertinden says:

      Ich bin zwar nicht angesprochen, aber ich beantworte die Frage trotzdem mal teilweise (ich hoffe, das ist nicht unhöflich): ich kann erst näher erläutern, was ein gutes Foto ausmacht, wenn ich es vor mir liegen habe. Was an diesem Foto fehlt weiss ich nicht genau. Aber es ist mir nicht spannend genug, die ungewöhnliche Perspektive finde ich gar nicht so ungewöhnlich. Fotos mit Reflektionen als Motiv finde ich häufiger (hier war kürzlich ein sehr schönes zu sehen). Vielleicht muss im Bereich des reflektierten Himmels mehr passieren. Die Wolken alleine üben auf mich keinen Reiz aus. Vielleicht fehlt ein Vogel, ein Flugzeug oder irgendeine eher unerwartete Reflektion – so ist das einfach nur leer.
      Ich gebe aber zu, dass ich auch ab und zu recht eifrig Reflektionen ablichte, weil ich mir einbilde, das sei spannend, aber heraus kommt dann „auch“ nur ein eher langweiliges Bild. Nur, das das klar ist: das ist nicht böse gemeint.

      Ach so, bei längerem Betrachten gibt es aber einen Aspekt, den ich mag: die Reflektionen des Gekänders und bseonders der Personen sind ja gewissermassen im Gegenlicht, und kommen insofern als eine Art Schattenriss daher – das gefällt mir.

  2. laderio says:

    Ich habe zwar nicht den Künstler Blick, aber ich finde es gehört schon ein wenig mehr zu einem guten Fotos als eine Pfütze mit Geländer, Wolken und 2 Schatten.

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    • Igor says:

      >laderio
      Manchmal reicht bereits ein Geländer oder eine Wolke für ein tolles Foto. Stichwort Qualität und nicht Quantität ;)

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