Leserfoto:
Ein Charakterporträt

Der Zustrom ansehnlicher Porträtaufnahmen unserer Leser reißt nicht ab, wie wir am Beispiel des heutigen Bildes mit großer Freude feststellen.

Ausgangsbild

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Ein weiteres Bild hat unser Leser Dirk Wenzel aus dem sachsen-anhaltinischen Mansfeld unter dem Titel „am Zuge” in der Kategorie ‚Porträt‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „von Anderen lernen … Candy Shop … zum Kommentar … mein Versuch der Umsetzung eines natürlichen Portraits … und um meine Konstanz zu behalten… die GradNeigung im Bild … ich sende dieses Bild Herr Brotzler um zu zeigen, was ich im Kommentar beschrieben habe … Bildbeschreibung … auf diesen einen Moment warten können, in dem sich trotz Anwesenheit der Kamera ein „natürlicher“ Moment ergibt der die gezeigte Persönlichkeit versucht zu erfassen …”

Zur Aufnahme wurde die 2009 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D300S verwendet. Zum Objektiv liegen keine Informationen vor. Die Brennweite betrug 75 mm (entsprechend etwa 113 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 0.3 Sekunden bei Blende f/5.6 und ISO 200.

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Dirks Erläuterung mag zunächst etwas rätselhaft wirken, sie hat aber einen konkreten Bezug. Es knüpft an die Besprechung und Diskussion seines Bildes Es fehlt der Beistelltisch …, insbesondere an eine Wiederbegegnung mit Reinhard Witt an. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Der grundsätzliche Aufbau des Bildes besteht aus einem umgekehrten, etwas im Uhrzeigersinn verdrehten Dreieck mit den Augen, dem linken Ohr und dem Kinn als Ecken (rote Linien ebd.), einem aufrechten Dreieck mit Stuhllehne, Haar und linkem Oberarm als Ecken (blaue Linien ebd.) und einigen raumschaffenden bzw. strukturgebenden Waagrechten und Senkrechten im Hintergrund (linke Linien ebd.).

Sowohl die beiden gegenläufigen Dreiecke wie auch das Wechselspiel von Diagonalen, Waagrechten und Senkrechten erzeugen Bildspannung, die den Betrachter ins Bild führt und dort verweilen läßt.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Deutlich linksschief, mit einem Mittelwert von etwa 40, jedoch ohne Tonwertabbrüche im Schattenbereich zeigt sich das Histogramm. Der maximale Kontrast ergibt sich in jenem kleinen Bereich der Augen. Die helleren Hautpartien sind in die Zonen V bis VII, die dunkleren Bereich in die Zonen II bis V gelegt, wodurch Gesicht und Hände plastisch gezeichnet werden. Der Pulli liegt in den Zonen I bis II und hebt sich somit vom Hintergrund in den Zonen I bis IV deutlich ab.

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Zusammenfassung: Die spannungsvolle Komposition und feine Tonwertabstufung bieten die solide Grundlage dieses sehr atmosphärischen Bildes, welches zwischen Brust- und Umgebungsporträt einzuordnen ist – der Abgebildetete erscheint uns nahe, seine Weltsicht und Empfindungen scheinen uns einfühlbar, soweit uns Menschen dies im Augenschein des anderen gelingen mag. Dirk hat hier, wie er es beabsichtigte, tatsächlich ein Charakterporträt erschaffen.

Durch den Verzicht auf Farbe ergibt sich für die Schwarzweißfotografie ein nicht unwesentlicher Vorteil: die Minderung der realistischen Abbildungspflicht. Formen und Strukturen bleiben natürlich auch hier erhalten, wir haben aber große Freiheiten in der Variation der Tonwerte. In diesem Sinn habe ich noch eine Neuinterpretation (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) versucht mir einer mäßigen Aufhellung und einer Verstärkung des Mitteltonkontrastes vorwiegend im Bereich der Hautstrukturen, um den Abgebildeten noch etwas prägnanter aus dem Hintergrund heraustreten zu lassen und das Bild zum Leuchten zu bringen.

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Komposition

Tonwerte

Neuinterpretation

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.



13 Antworten
  1. Jörg Oertel says:

    Hallo Dirk,
    freut mich, wenn’s Dir gefällt.
    Das es dich sogar überzeugt, ist mehr, als ich erwartet habe :)

    Viele Grüße, Jörg

    Antworten
  2. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin… Jörg … Dank…

    aus dem von Thomas beschriebenen „Brust- Umgebungsporträt“ ist ein deutliches Brustporträt entstanden … find…

    der neue Schnitt überzeugt und bringt mich näher an die Person…

    vielen Dank dafür…

    BGr vom Krabbenkutter

    Antworten
  3. Jörg Oertel says:

    Hallo Dirk,
    ich habe mir die Freiheit genommen und mit dem Bild von Dir etwas herumgespielt und den Schnitt verändert. Ich habe das Bild oben und rechts etwas beschnitten (festes Format 3:2 und von unten links bis ein Stück über die Haare aufgezogen, den Rest oben und rechts verworfen). Dadurch gerät das Gesicht vertikal aus der Mitte und das Bild wirkt – für mich – ausbalancierter. Probier’s mal aus. Wenn Du willst, lade ich das Bild irgendwo hoch und schicke Dir den Link.

    Viele Grüße,
    Jörg

    Antworten
  4. Dirk Wenzel says:

    … Moin Moin Jörg Oertel…

    Adlerauge sei wachsam :-)

    ja… eine „helle“ angeschnittene Milchpackung auf dem Tisch… musste sich ins PixelUniversum verabschieden… BGr Dirk

    Antworten
  5. Jakob says:

    Ein tolles Porträt. Häufig zeigen sich Ambitionen sowohl beim Fotografen wie auch beim Fotografierten (gut und sympathisch auszusehen!) die das Porträt dann stören.
    Dabei erzeugt Natürlichkeit Nähe und Sympathie. Glückwunsch an den Fotografen.
    (Bearbeitung finde ich auch gut)

    Antworten
  6. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin…

    lieben Dank für die Worte laderio und Tilman…

    auch an Thomas Dank …

    und Candy…

    das Bild sollte die zuvor geschriebenen Worte von mir „bildhaft“ verstärken… es schließt sich nun der Kreis durch die Besprechung von Thomas und die Anmerkungen…

    Beste Grüße vom Krabbenkutter Dirk

    Antworten
  7. Tilman says:

    Ein tolles Bild, Dirk! Und genau der richtige Moment! Ich mag die Reflexion in den Augen, die den Blick des Mannes sehr lebhaft erscheinen lassen. Eine interessante Besprechung, Thomas! Auch ich finde die Überarbeitung etwas hell, wahrscheinlich weil mir gerade dieser düstere, graue Aspekt des Bildes gefällt.
    Mit freundlichen Grüßen, Tilman

    Antworten

Trackbacks & Pingbacks

  1. […] Bild von Dirk Wenzel, welches wir im September 2013 hier besprochen hatten (siehe dazu auch Abbildung 7) erscheint die Sache relativ klar. Wir sehen ein klassisches […]

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