Leserfoto:
Die Überwindung der Gegensätze

Ein wunderschönes Paarporträt zeigt das heutige Bildbeispiel.

Ausgangsbild

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Unsere Leserin Linda Bestwalter aus dem baden-württembergischen Ravensburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Black & White” in der Kategorie ‚Porträt‘ zur Besprechung eingereicht.

Sie schreibt dazu: „Das Thema eines regionalen Wettbewerbs war ‚Schwarz/Weiss‘ und dazu fiel mir die Idee ein, das Thema 2-fach umzusetzen. Ich bat deshalb meine Tochter und ihren Partner, für mich Modell zu stehen. Es war das erste Mal, dass ich versucht habe, ein Portrait dieser Art zu gestalten und habe es im heimischen Wohnzimmer ohne große technische Ausrüstung aufgenommen. Mit der grundsätzlichen Gestaltung bin ich zufrieden aber ich möchte noch einen Versuch unter besseren Bedingungen starten und wollte fragen, was ich das nächste Mal besser machen könnte.”

Zur Aufnahme wurde die 2009 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D5000 verwendet. Über das verwendete Objektiv liegen keine Informationen vor (ein Nikon Nikkor AF 75-240mm f/4.5-5.6D möglicherweise?). Die Brennweite betrug 240 mm (entsprechend 360 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 0.6 Sekunde bei Blende f/5.3 und ISO 200.

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Für ein Brustporträt mit kleinbildäquivalenten 360 mm Brennweite mag das Wohnzimmer ‚wohl nicht übermäßig beengt, eher turnhallenartig groß‘ gewesen sein, merkte jene innere Schelmenstimme in mir an, die sich von Zeit zu Zeit meldet. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Zwei Motivschwerpunkte sind im Bild auszumachen und treten in einen Dialog – zum einen die in ein Drittel von oben gelegten, als umgekehrte Dreiecke auslesbaren Gesichter der beiden jungen Leute, deren Blicke bzw. Ausdruck von Innigkeit bis Verschmitztheit reichen und insofern stilles Glück symbolisieren (rote Linien ebd.); zum anderen die verschränkten Hände, rechts unten positioniert und Verbundenheit aufzeigend (nochmals rote Linien ebd.). Zwischen diesen beiden Polen pendelt der Blick und entsteht bildwirksame Spannung.

Des weiteren wichtig für den Bildaufbau ist jene sich über den rechten Oberarm, die rechte Schulter, das Halbprofil und den Haaransatz der jungen Frau von links unten bis rechts oben erstreckende, aufsteigende Diagonale (gelbe Linien ebd.). Hier läuft die Zone maximalen Kontrasts, wie wenn der Unterschied zwischen hell und dunkel auf das Trennende und zugleich Verbindende hinweisen wollte. Die Dopplungen durch die rechte Schulterpartie des jungen Mannes und die Oberarminnenseite der jungen Frau sind noch erwähnenswert, gemeinsam mit den Horizontalen geben sie der Komposition Halt (nochmals gelbe Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Zweigipflig zeigt sich das Histogramm in diesem Bild, der Abbildung einer dunkel- und einer hellhäutigen Person entsprechend. Der Mittelwert liegt bei ausgewogenen 124, Tonwertabbrüche liegen nicht vor. Unbenommen der Glanzlichter ist der junge Mann in die Zonen I bis IV, die junge Frau hingegen in die Zonen VI bis VIII gelegt, wodurch sich ein dramatischer und ansehnlicher Kontrast ergibt.

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Zusammenfassung: Ich kann Linda zu dieser stimmungsvollen und reifen Arbeit nur beglückwünschen. Das Bild erlaubt dem Betrachter tiefe Einblicke in die innige und auch sinnliche Verbundenheit zweier junger Menschen, ohne deren Würde herabzusetzen oder einem Voyeurismus Vorschub zu leisten.

Um auf Lindas Frage nach ‚besseren Bedingungen‘ zurückzukommen: mit einem weichen, etwas diffusen und offensichtlich seitlich von vorne rechts wie auch von hinten links hereinscheinenden Licht stellte sich die Beleuchtung in der konkreten Situation meines Erachtens schon ziemlich gut, fast perfekt dar.

Es ist wohl wahr, daß die gleichzeitige Abbildung eines dunkel- und eines hellhäutigen Menschen eine belichtungsmäßige Herausforderung ist, bei der man sich in der Arbeit mit natürlichem Licht womöglich entscheiden muß, welche Person ‚korrekter‘ belichtet werden soll.

Linda entschied sich hier für die volle, plastische Durchzeichnung des jungen Mannes, während die Wiedergabe der jungen Frau solche Qualitäten in der recht hellen, detailarmen Anmutung eher vermissen läßt. Aber einen entscheidenden Mangel vermag ich darin nicht zu erkennen – es ist ja gerade die Konzeption dieses Bildes, den dunklen, erdigen Tonwerten des jungen Mannes jene hellen, etwas ätherischen bzw. ‚elfenhaften‘ Tonwerte der jungen Frau gegenüberzustellen.

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Komposition

Tonwerte

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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4 Antworten
  1. DWL says:

    Auch von mir einen Glückwunsch zu dem gelungenen Doppelportrait.

    Ich halte die Aktfotografie für das schwierigste Genre in der Fotografie, weil die Falltiefe ins voyeuristische und/ oder platte Niveau sehr groß ist.

    Hier ist ein wundervolles Portrait als sanfter Akt gelungen, der eine sehr respektvolle und intensive Dokumentation gegenseitiger Zuneigung und Intimität zeigt.

    Ein echtes Highlight, diese Arbeit !

    Da bei solchen Arbeiten alles von dem Vertrauen der Fotografierten in den/die Fotografierenden abhängt, kommt die aus dem Foto ersichtliche Zuneigung der Mutter zum Paar sicherlich erleichternd hinzu.

    Ohne das bemerkenswerte Talent der Fotografin wäre es dennoch nicht möglich gewesen, ein so schönes Portrait zu verwirklichen.

    Meinen Respekt !

    Gruß
    Dirk

    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Hallo Linda

    

Eine sehr schönes Doppelportrait zum Thema „Black & White“. Ich möchte hier den instruktiven Ausführungen von Thomas nur noch einige kleinere Ergänzungen hinzufügen, die vielleicht zu noch besseren Ergebnissen führen:

    

1. Für eine Schwarz-Weiß-Aufnahme wirkt mir das Foto noch etwas zu flau. Die Kontraste könnten also nach meinem persönlichen Empfinden durchaus etwas kräftiger ausfallen, was dem Thema ja auch angemessen wäre. 



    2. Bei genauer Betrachtung des Bildes fallen die (für mich) unschön wirkenden Schatten im Gesicht des männlichen Models auf. Nichts gegen Schatten im Bild, aber hier wirken sie nicht unbedingt vorteilhaft. Das könnte mit einer entsprechenden (Studio-) Beleuchtung vermieden werden, ließe sich aber auch mit Photoshop einigermaßen ausgleichen. Letztere Variante ist natürlich eher ein unbefriedigender Notbehelf. 


    3. Ich würde eine deutlich kürzere Brennweite einsetzen (etwa 85 mm bei Vollformat) – siehe Thomas scherzhafte Anspielung auf die Turnhallengröße des Wohnzimmers –, 
außerdem ist eine deutlich kürzere Belichtungszeit ratsam, um Bewegungsunschärfen (wie hier im Bild) zu vermeiden. Ein Stativ könnte ebenso nicht schaden!



    Beste Grüße
    Marcus


    Vorschlag von Marcus

    Antworten
    • Linda Bestwalter says:

      Lieber Markus,
      vielen lieben Dank für die Anmerkungen. Ich werde Mitte Oktober wieder ein paar Versuche machen und werde darauf achten.
      Herzliche Grüße
      Linda

  3. Linda Bestwalter says:

    Vielen Dank für die Analyse meines Bildes und das positive Feedback :) Zur Vervollständigung – das Objektiv war ein Sigma 70-300mm F4,0-5,6 DG Makro. Ich war halb in der Gardrobe in der Diele und meine Tochter und ihr Partner waren am anderen Ende unseres Wohnzimmers, wir mussten sogar den Esstisch komplett aus dem Weg räumen, damit ich die beiden ins Bild kriegen konnte!

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