Tutorial:
Gestaltpsychologie (1)

Das nachstehende Tutorial soll Grundlagen der Gestaltpsychologie vermitteln. Hierbei geht es um Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung und Musterkennung, deren Kenntnis uns helfen kann, die Wirkung unserer Bilder zu planen bzw. zu verbessern.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Herkunft und Verbreitung des Begriffs
3. Theoretische Herleitung mit Beispielen
4. Praktische Bedeutung in der Fotografie
5. Schlußbemerkung
Weiterführende Literatur
Bisherige Tutorials des Autors

 

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1. Einführung in das Thema

Trockene Kost‚Etwas trockene Kost‘ ist sie schon, die Gestaltpsychologie, zugegebenermaßen …

Wir Fotografen sind ja verwöhnt durch die Fülle der vor Ort vorhandenen Motive, Farben und Tonwerte. Anders wie etwa unsere malenden Kollegen ereilt uns nicht der Fluch, eine leere Leinwand mit unserer Vorstellung (konstruktiv) füllen zu müssen. Stattdessen reicht es, das Bild durch geeignete Auswahl aus der gegebenen Fülle (reduktionistisch) zu erschaffen.

Warum sollten wir uns dann also mit einer so abstrakten Materie wie der Gestaltpsychologie beschäftigen?

Die Antwort führt in den Bereich der ‚Bildwirkung‘. Die Gestaltpsychologie beschreibt die Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung, also die Art und Weise, wie wir gemeinhin ‚Bilder lesen und deren Einzelteile zusammensetzen‘.

Zum grundsätzlichen Verständnis hierzu gereicht das geflügelte Wort „das Ganze ist mehr als seine Teile”.

AristotelesEs handelt sich hierbei um das Prinzip der ‚Emergenz‘ bzw. ‚Übersummativität‘, auf welches schon Aristoteles hingewiesen hatte: „Das, was aus Bestandteilen so zusammengesetzt ist, daß es ein einheitliches Ganzes bildet, nicht nach Art eines Haufens, sondern wie eine Silbe, das ist offenbar mehr als bloß die Summe seiner Bestandteile. Eine Silbe ist nicht die Summe ihrer Laute: ‚ba‘ ist nicht dasselbe wie ‚b‘ plus ‚a‘, und Fleisch ist nicht dasselbe wie Feuer plus Erde.”. In unserer modernen Elemente-Lehre würden wir ‚Fleisch‘ wahrscheinlich aus ‚Wasser‘ und ‚Chemie‘ zusammensetzen, aber dies nur am Rande …

Zurück zum Thema: jetzt wird es für uns Fotografen schon spannender. Sofern wir Bescheid wüßten über die ‚Gesetze menschlicher Wahrnehmung‘ und die sich daraus ableitbaren ‚Grundlagen gefälliger Gestaltung‘, könnten wir unseren Bildern offensichtlich eine ‚größere Betrachtungschance‘ mitgeben.

Mit ‚Gefälligkeit‘ ist hier übrigens keineswegs die ‚Niedlichkeit der Darstellung‘ gemeint. Die Gestaltungspsychologie kümmert sich nicht um die konkrete Bedeutung des Dargestellten, sondern um dessen Abstraktion im Sinne (eigenständiger und zugleich aufeinander bezogener) geometrischer Strukturen.

Der ‚ganze Ritterschlag‘ der Kompositionslehre läßt sich damit freilich noch nicht erteilen. Was sich mit den Gestaltgesetzen aus meiner Sicht nicht so überzeugend darstellen läßt, ist (1) die Bedeutung der ‚bildwichtigen Spannungsbögen‘, die sich etwa aus den Polaritäten von zentral vs. exzentrisch, groß vs. klein, hell vs. dunkel, scharf vs. unscharf oder reinfarbig vs. gedämpft ergeben; (2) die Anmutung der einzelnen geometrischen Strukturen; (3) der Aspekt der Farbpsychologie – doch dazu noch mehr in einem folgenden Tutorial zur Kompositionslehre.

Hier endet mein Prolog – es geht also darum, die Grundlagen der Gestaltpsychologie zu kennen und zu nutzen, um eine abstrakte Sichtweise einzuüben, die Elemente in unseren Bildern in guter Weise anzuordnen und damit die Voraussetzungen einer in sich geschlossenen und überzeugenden Komposition zu schaffen.

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Soweit für heute zum ersten Teil. Der zweite Teil erscheint nächste Woche und befaßt sich mit der Herkunft und Verbreitung des Begriffs.

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6 Antworten

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  2. […] vorliegende Tutorial knüpft an dasjenige zur Gestaltpsychologie an. Ging es dort vornehmlich um die Mustererkennung und innere Verarbeitung des Gesehenen, so […]

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