Leserfoto:
Gelungene Dreieckskomposition

Die enorme Bedeutung kompositorischer Dreiecke wollen wir in der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Jens Müller aus Dresden hat uns das obige Bild unter dem Titel „Papstpalast in Avignon” in der Kategorie ‚Architektur‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Im Papstpalast von Avignon war ich von dem beeindruckenden Kreuzgewölbe fasziniert. In der Kapelle wartete ich auf Personen auf der Treppe, um der Szenerie mehr Leben einzuhauchen. Nachträglich überlege ich jedoch, ob die hintere Person und die Tasche im rechten Bildteil in der Komposition störend ist.”

Zur Aufnahme wurde die Vollformatkamera Nikon D700 mit Festbrennweitenobjektiv (vermutlich das wertige Nikon AF Nikkor 35 mm f/2,0 D) verwendet. Faktische und kleinbildäquivalente Brennweite waren identisch, die Belichtungsdaten waren 1/125 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 900.

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Jnes hatte Fragen hinsichtlich der Dramaturgie seines Bildes aufgeworfen. Ich werde darauf noch zurückkommen, doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Der erste Augenmerk gilt dem etwa im Drittel von unten und etwas aus der Mitte nach rechts platzierten Sprossenfenster. Hier sind Tonwertumfang und Kontrastkanten am ausgeprägtesten. Eingerahmt wird das Fenster von einigen Vertikalen durch die Säulen und Schattengrenzen auf beiden Seiten (grüne Linien ebd.).

In der weiteren Erkundung des Bildes fallen die gestaffelten Bögen ins Auge, die als Halbovale oder (wie hier von mir) als aufrechte Dreiecke beschrieben werden können (gelbe Linien ebd.). Schließlich treten rechts unten im Bild im Sinne der Treppe (orange Linien ebd.) und in der gedachten Verbindung der beiden Frauen und der Tasche (rote Linien ebd.) zwei weitere aufrechte Dreiecke zutage.

Die Blickführung läßt sich sukzessive beschreiben als Einstieg links unten, Verlängerung nach rechts oben über die Säulenbasen, Emporstreben über die Säulen, Rundgang über die Bögen, Abfall und Rückkehr zum Fenster und schließlich einem Schweifen zur Treppe und den dortigen Protagonisten (blaue Linie ebd.).

Tonwerte: Das Histogramm zeigt sich deutlich linksversetzt bei einem Mittelwert von etwa 55. Der Schwerpunkt der Tonwert liegt damit, einer Low-Key-Aufnahme entsprechend, auf den offenen Schatten und dunklen Mitten.

Deutlich abgesetzt davon, aber nur in geringem Umfang ausbrennend, zeigen sich die Lichter auf wenige Bereiche, inbesondere des Fensterhintergrundes und des von links hereinbrechenden Streiflichts, beschränkt.

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Zusammenfassung: Das quadratische Format gilt als anspruchsvoll. Jens hat es sich also nicht leicht gemacht, aber die Gesamtkomposition mit der schönen Blickführung ist rundweg gelungen. Man kann in diesem Bild lange ‚mit den Augen spazierengehen‘ und die getragene Stimmung vor Ort erspüren …

Sehr gut gelang ihm auch die Bewältigung der nicht einfachen Lichtsituation vor Ort. Die Schatten sind ausreichend geöffnet, und nur vereinzelt und nicht störend zeigen sich ausbrennende Lichter. Wer sich schon einmal an Innenraumaufnahmen mit taghell erleuchteten Fenstern versucht hat, wird die Widrigkeiten kennen und deren Meisterung schätzen.

Jens hat selbstkritisch noch eine mögliche kompositorische Überladung seines Bildes angesprochen. Ich möchte hier seinen Zweifeln entgegentreten insofern, daß gerade jenes doppelte Dreieck am Ende der Blickführung den Reiz des Bildes ausmacht. Ja, es ist dadurch ein ‚gebrochenes Idyll‘, aber es wirkt dadurch lebendig …

Ich habe noch einige Variationen (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder) durchgespielt: Nr. 1 entspräche Jens‘ Vorstellung ohne die hintere Person und die Tasche. Ich meine, das Bild verlöre dadurch an Dynamik. Wenn überhaupt, würde ich die Szenerie auf die hintere Person wie in Nr. 2 beschränken. Diese steht still, sie ist in einer Lektüre versunken, so daß hierdurch (im Gegensatz zur schreitenden vorderen Person) der ätherische Aspekt der Gesamtszene etwas betont würde.

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Komposition

Variation 1

Variation 2

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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