Leserfoto:
Perfekte Bildanlage

Ein weiteres Beispiel guter Komposition und ’surrealistischer Bildanmutung‘ diskutieren wir in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

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Unser Leser Sergej Medvedev aus Norderstedt hat uns das obige Bild unter dem Titel „Lebensabend” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Bei einem Spaziergang durch Landungsbrücken in Hamburg habe ich unter diesen Mann an der Pontonanlage gesehen. Obwohl viele Touristen unterwegs waren, saß dieser Mann unbemerkt vor seinem Bier. Ich empfand diese Situation als traurig, da sie für mich Einsamkeit verkörpert; dieser Eindruck wird durch die leeren Stühle weiter verdeutlicht. Ich habe blind von oben fotografiert und die Kamera mit ausgestreckten Armen über dem Geländer gehalten.”

Zur Aufnahme wurde die 2008 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D90 mit Zoomobjektiv 17.0-50.0 mm f/2.8 (entweder Sigma oder Tamron) verwendet. Die Brennweite betrug 29.0 mm (entsprechend 43.5 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/320 Sekunde bei Blende f/5.6 und ISO 200.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Sehr prominent stellt sich auf den ersten Blick jener Tisch dar, welcher etwas aus der Mitte nach rechts versetzt ist und dessen linken und obere Begrenzung perfekt mit den Linien des Goldenenen Schnitts zusammenfällt (blaue Linien ebd.).

An diesem Tisch ’sitzt die Bildgeschichte‘, sind also die weiteren Bildelemente gruppiert. Hier fällt unser Blick von oben auf einen älteren Mann, auf seinen nach links geneigten und in die linke Hand gestützten Kopf und schließlich noch auf die im Greifbereich des rechten Arms befindliche Flasche. Diese am linken Bildrand befindlichen, wiederum in den Goldenen Schnitt eingepaßten Elemente fungieren als motivisches Zentrum (grüne Linien ebd.).

Als nachrangige Bildelemente sind noch ein (von uns aus) rechts oberhalb des Mannes befindlicher Rucksack und weitere, leere Stühle zu nennen (gelbe Linien ebd.). Es sind jeweils vier Elemente zu beiden Seiten des Tisches, wodurch die Komposition insgesamt gut ausbalanciert erscheint.

In der Blickführung ergibt sich von der Person links oben ausgehend, über die Flasche weiterziehend und bei den leeren Stühlen rechts unten endend eine fallende Diagonale (orange Linien ebd.), welche die beschriebene Traurigkeit und Einsamkeit aufgreift und visualisiert.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich mittig und ausgewogen bei einem Mittelwert von etwa 125. Einige Tonwertabbrüche zeigen sich im Bereich der Stuhllehnen im Sinne metallisch reflektierender Glanzlichter, die jedoch den Eindruck einer insgesamt guten Belichtung nicht nachhaltig trüben.

Schön abgestuft und damit die dramatische Bildwirkung unterstützend zeigt sich der Tisch in den Zonen V bis VIII gegenüber dem Boden in den Zonen IV bis VI, gleichsam der Kopf des Protagonisten in den Zonen VI bis IX gegenüber seiner Lederjacke in den Zonen I bis IV.

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Zusammenfassung: Es wäre schon ein erstaunlicher Glücksgriff, wenn eine solche, „blind von oben” angefertigte Aufnahme bereits aus der Kamera heraus perfekt ausgerichtet wäre. Insofern dürfen wir vermuten, daß Sergej das Bild noch drehte bzw. beschnitt und dabei auch die harmonischen Proportionen vor Augen hatte.

Das Bild lebt, wie schon oben anklingend, von der Gegenüberstellung gerader und bogiger Elemente bzw. dunkler und heller Tonwerte sowie von der Gruppierung um jenen zentral gelegenen Tisch. Ein surrealistisch anmutender Verfremdungseffekt haftet diesem Bild durch das ‚Platzieren eines Menschenschicksals am Lebenstisch‘ an, unterstützt von der ungewöhnlichen Vogelperspektive.

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Komposition

Tonwerte

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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9 Antworten
  1. Glittertinden says:

    Hmm ich weiss nicht, wie weit ich mich hierzu noch öffentlich einlassen soll, das grenzt ja schon an Wichtigtuerei (also von mir jetzt :-).
    Ich belasse es dabei. Und sage: Danke, Thomas für die Diskussion (stimme deinen Einlassungen zu), und Danke Sergej für das Zeigen des Bildes.
    Schönes Wochenende!

    Antworten
  2. Glittertinden says:

    Da Sie, Herr Brotzler, den Begriff „schwülstig“ ansprechen, den ich mal weiter oben benutzt habe, möchte ich dazu folgendes sagen: es bezog sich lediglich auf eine einzige Formulierung, nämlich die mit dem „Lebenstisch“. Es wird also, so liest es sich für mich, diese eine einzige Situation, im Leben deses Menschen, den wir alle nicht im entferntesten kennen, auf sein ganzes Leben übertragen (jedenfalls impliziert die die von ihnen so gewählte Formuliereng).
    Es ist ja auch nicht schlimm, es ist ja nur ein Bild und eine mögliche Interpretation. Ich habe mich dran gestossen und das ist alles.

    Und ja, surreal ist etwas mehr als ein einsamer oder versonnener Mensch an einem Tisch mit lauter leeren Stühlen. Das ist doch eher alltäglich. Und selbst wenn ich noch mehr hereininterpretiere…. irgendwie fusst doch alles auf diesem Bild, mit lediglich dem von mir aus einsamen Menschen in seiner Umgebung als Motiv. Mehr kenne ich von der Szenerie doch gar nicht. Der Fotograf, der den Menschen vorher und nacher länger beobachtet hat, der weiss da sicher mehr. Aber für mich, als simpler Betrachter dessen was der Fotograf uns auf seiner Abbildung liefert, erschliesst sich da nix surreales oder irgendwas was über etwas hinausgeht, was man mit wenig Phantasie erkennen kann: einen Mann, der einsam da sitzt, oder auch versonnen, den Blick ins… ja wohin eigentlich?. Mehr ist da nicht als Geschichte.

    Aber wir müssen uns nicht streiten, es fehlt mir vermutlich auch an Phantasie.

    Einem Tutorial, das sich der surrealen Fotografie widmet würde ich gespannt entgegen sehen :-)

    Ansonsten: entspannte Grüsse!

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    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Es fehlt mir vermutlich auch an Phantasie …“

      Ich würde es anders ausdrücken, positiver und nicht so auf das Fehlen von etwas abzielend: es ist vielleicht eine andere Art, Bilder zu lesen. Die Bildelemente sind ja im übertragenen Sinn wie Buchstaben, die wir in Kenntnis einer bestimmten Sprache auslesen. Im unserem Beispiel gäbe es mehr wie eine Sprache, in denen besagte Buchstaben Sinn machen – etwa eine eher prosaische und eine eher poetische Lesart. Damit sind wir eigentlich schon tief im Gebiet des aktuellen Tutorials über Gestaltpsychologie.

      Zitat: „Aber wir müssen uns nicht streiten …“

      Wir fallen doch nicht übereinander her, sondern ringen konstruktiv in der Sache – das ist auch unser Anspruch bei Fokussiert, mit dem wir uns durchaus von den Lobhudeleien mancher Fotogemeinschaften abgrenzen wollen. Und Sergej wird mit solchen Kontroversen womöglich mehr anfangen können wie mit einem kommentarlosen ‚Beloben und Durchwinken‘ seines Bildes.

      Zitat: „Sie, Herr Brotzler“

      Ich bin zwar nun auch schon etwas ältereres Semester, habe mich aber soweit auf die Gepflogenheiten des Internets einlassen können. Meist verwenden wir hier ja die vertraute Anrede in Verbindung mit dem Vornamen. Insofern biete ich gerne ‚Du, Thomas‘ an …

  3. Thomas Brotzler says:

    Bin dann mal wieder da :o) …

    Mit meiner Bildkritik scheine ich Euch diesmal ‚etwas Schwerverdauliches vorgesetzt‘ zu haben – merkwürdig, gar schwülstig erscheint sie teilweise, und der von mir verwendete Begriff des Surrealismus‘ erzeugt Befremden …

    Wir könnten diesen letztgenannten Aspekt gerne noch etwas vertiefen. Surrealismus ist für mich eindeutig mehr wie ‚Magritte, Dali und zerfließende Uhren‘ – ich verwende diesen Begriff gerne niederschwellig und im Wortsinn eines ‚Hinausreichens über die schlichte Realität des Abgebildeten‘.

    Die lebhafte Diskussion beweist ja, daß das Bild mit seinen Elementen (Mann, Tisch, leere Stühle, …) ganz verschiedene Geschichten erzählt und insofern auch tiefere Bedeutungsebenen anbietet.

    Noch eine Frage bei dieser Gelegenheit: wäre beizeiten einmal ein Tutorial über ‚Surrealismus bzw. surrealistische Anmutung in der Fotografie‘ gewünscht?

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  4. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin… durch die Ortsangabe… Sergej… kamen mir folgende Gedanken zum Bild:

    Landungsbrücken – Kontinente – Tor zur Welt -Abreise – Ankunft – Anleger – HVV Taxis – Touristen – keine Zeit – schnelles Fischbrötchen und nen Pott Kaffee – Stühle rücken – weiter – weiter – und dann sitzt da der Herr und strahlt Ruhe aus – hat noch Zeit für ein Getränk – klassisch ohne Glas – die Tasche griffbereit – die Ankunft und Abreise an den Landungsbrücken findet sich wieder – vielleicht nicht auf große Reise- vielleicht mit dem HVV Schiff angekommen oder Abfahrtbereit zur Arbeit – dann könnte die Zeit für ein Getränk eine Zwangspause sein … ach ne wat is dat schön … vielen Dank für die Erinnerung an besondere Momente an den Landungsbrücken… beim Beobachten und der Abspeicherung besonderer Momente klick klick …

    BGr vom Krabbenkutter

    Antworten
  5. Sergej Medvedev says:

    Hallo Glittertinden, es war nicht despektierlich oder lächerlich ausgefasst; alles gut ;)

    Die Diagonale entsteht durch den Blick. Bei Porträts halte ich die Blickrichtung für sehr wichtig. Wo das Motiv hinschaut, schaut auch der Bildbetrachter hin. Ich finde nicht, dass der Herr geradeaus nach rechts schaut, aber jeder sieht eben was anderes in einem Bild :)

    PS: Der Mann ist später aufgestanden und alleine weggegangen. Seine Einsamkeit habe ich im nicht unterstellt, sondern es persönlich so empfunden. Natürlich hoffe ich für ihn, dass er in Wirklichkeit nicht einsam ist. :)

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  6. Sergej Medvedev says:

    Danke Dir Thomas für die Kritik,
    es freut mich sehr, dass die fallende Diagonale Dir aufgefallen ist, welche in der Malerei und Fotografie gerne Trauer verbunden wird. Mit der Vogelperspektive wollte ich aber nicht einen surrealistischen Eindruck schaffen. Ich hätte die Treppe auch heruntersteigen können und den Mann auf Augenhöhe ablichten. Durch den Blick von Oben herab versuchte ich auf die Bedeutungslosigkeit eines Einzelnen bezüglich des Betrachters hinzuweisen; der Betrachter sieht den Mann von Oben und schwebt sprichwörtlich oberhalb seiner Sorgen.

    Dir auch ein Danke Glittertinden,
    bei Straßenfotografie kann man sich die Umgebung nicht aussuchen oder beeinflussen. Auch ich hätte gerne nur vier Stühle gesehen. Bei dieser Art der Fotografie muss der Fotograf versuchen das Beste aus der Situation herauszuholen. Zu mehr war ich hier nicht fähig. Trotzdem sehe ich das nicht als Schnappschuss; ich hatte bei dieser Aufnahme Bedenkzeit und probierte aus bevor ich zufrieden war.
    Es freut mich sehr, dass die fallende Diagonale Dir aufgefallen ist, welche in der Malerei und Fotografie gerne Trauer verbunden wird. Mit der Vogelperspektive wolte ich aber nicht ein surrealistischen Eindruck schaffen.

    Antworten
    • Glittertinden says:

      Das mit dem „Schnappschuss“ war auch nicht despektierlich oder gar lächerlich gemeint sondern mehr im Sinne:(a) Situation erkannt, Bild komponiert und Auslöser gedrückt. Sicherlich konntest du nicht 2 Stunden warten (es hätte ja die Möglichkeit bestanden, dass er überglücklich aufsteht um seine Freunde in Empfang zu nehmen – war ein Witz :-) . Und (b) im Sinne einer Momentaufnahme, wo die Interpretation mit dem „Menschenschiksal am Lebenstisch“ doch ein wenig hergeholt auf mich wirkt…
      Naja, war jedenfalls nicht böse gemeint von mir.

      Zu der Diagonale habe ich auch noch eine Anmerkung: mir fällt eine Diagonale, erzeugt aus den Armrlehnen der Stühle, auf. Der Blick des Herrn (Lage des Kopfes) geht mehr geradeaus nach rechts. ich hätte den Ausgangspunkt der Diagonale also nicht vom Kopf des Mannes aus gezogen.
      Darüber hinaus, jetzt nach längerem anschauen, finde ich die waagerechte Line durch die angrenzenden Bodenplatten viel dominierender im Sinne eines Blickfanges.
      Die runden Rückenlehnen und die erwähnte Diagonale sind zwar vorhanden, aber sie ergeben für mich halt nicht diesen kontrastierenden Sinn. Also insgesamt etwas zu viele Elemente, die letzich zu etwas zu viel Unruhe führen.

  7. Glittertinden says:

    Hmmm, diese Rezension finde ich teilweise ein wenig, nun ja, merkwürdig.
    Ich sehe in dieser Aufnahme wenig „surreales“. Und einen Kontrast (im Sinnen von Gegensatz) aus geraden Linien versus gebogenen sehe ich nicht. Bzw. Erkenne ich nicht, dass diese Gengensätze das Bild spannend machen. Dazu stehen sie Stühle (also die gebogenen Elemente) doch viel zu kreuz und quer, also zu beliebig herum.
    Einsamkeit hingegen kann ich hingegen schon ganz gut in das Bild hineininterpretieren, weswegen ich das Bild auch ganz ansprechend finde. Aber das in der Rezension beschriebene „‚Platzieren eines Menschenschiksals am Lebenstisch'“ finde ich ein wenig schwülstig beschrieben. Es ist doch bloss ein Schnappschuss zu einem Zeitpunkt als der Herr alleine da saß. Aber vielleicht war er ja dennoch glücklich (weil er zum Beispiel die Ankunft seiner fünf besten Freunde ewartet hat :-)

    Antworten

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