Tutorial:
Gestaltpsychologie (2)

Das nachstehende Tutorial soll Grundlagen der Gestaltpsychologie vermitteln. Hierbei geht es um Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung und Musterkennung, deren Kenntnis uns helfen kann, die Wirkung unserer Bilder zu planen bzw. zu verbessern.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Herkunft und Verbreitung des Begriffs
3. Theoretische Herleitung mit Beispielen
4. Praktische Bedeutung in der Fotografie
5. Schlußbemerkung
Weiterführende Literatur
Bisherige Tutorials des Autors

 

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2. Herkunft und Verbreitung des Begriffs

Christian von EhrenfelsEine bedeutende Rolle bei der Konzeption der Gestaltpsychologie spielte der österreichische Philosoph Christian Freiherr von Ehrenfels (1859 – 1932).

Bahnbrechend war dabei seine 1890 erschienene Arbeit ‚Über Gestaltqualitäten‚. Die Grundannahme lautete dabei, daß die menschliche Wahrnehmung die Objekte der Umgebung nicht so abbildet, wie sie objektiv zu betrachten wären, sondern bereits strukturiert, bevor sie dem Gehirn zur Begutachtung vorgelegt werden.

Im Sinne der ‚Transponierbarkeit‘ als Variation des ‚Emergenzprinzips‘ verwendete er das Beispiel der ‚Melodie und ihrer Übertragung in eine andere Tonart‘: eine Melodie bestünde zwar aus einzelnen Tönen, sei jedoch mehr als nur die Summe dieser Töne. Einzelne Töne könnten sich zu völlig verschiedenen Melodien zusammenfügen, während die Melodie auch nach Versetzung in eine andere Tonart die gleiche bliebe.

Max WertheimerWeitere Forscher griffen diesen Ansatz auf. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die ‚Gestaltpsychologie‘ als eine neue psychologische Richtung definiert.

Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und im weiteren Sinn auch Kurt Lewin gehörten zur ‚Berliner Schule der Gestaltpsychologie‘, die auch internationale Beachtung fand und deren Ideen (im Gegensatz zu denen der Grazer, Würzburger und Leipziger Schulen) die Zeit des Nationalsozialismus‘ überdauerten.

Das Forschungsgebiet der ‚Gestaltpsychologie‘ erweiterte sich im Laufe der Zeit und beschränkte sich nicht mehr nur auf Wahrnehmungsphänomene. Der ursprüngliche Begriff wurde in diesem Zuge zunehmend durch jenen der ‚Gestalttheorie‘ ersetzt. Man wollte damit darauf hinweisen, dass die dazugehörigen Grundlagen über die Psychologie hinaus auch als Metatheorie für andere Wissenschaftszweige von Bedeutung sei (für unsere, auf die Wahrnehmung abzielende Diskussion belassen wir es allerdings beim ursprünglichen Begriff der ‚Gestaltpsychologie‘).

Die ‚Essenz der Gestalttheorie‘ faßte Max Wertheimer in jener (in heutigen Zeiten von Internet und marktgerechten Dreiwortsätzen etwas erschwert lesbarer) ‚Formel‘ zusammen: „Es gibt Zusammenhänge, bei denen nicht, was im Ganzen geschieht, sich daraus herleitet, wie die einzelnen Stücke sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, wo – im prägnanten Fall – sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen … Gestalttheorie ist dieses, nichts mehr und nichts weniger.” Alles klar? Ich habe es auch dreimal lesen müssen :o) …

Nach dem Exodus der wichtigsten Vertreter der Gestalttheorie während des Nationalsozialismus‘ ins amerikanische Exil konnte sich der Ansatz dort verbreiten und weiterentwickeln, um später auch im Nachkriegsdeutschland wieder erfolgreich Fuß zu fassen. So kümmert sich die 1978 in Deutschland gegründete internationale ‚Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen / Society for Gestalt Theory and its Applications (GTA)‘ (man beachte das ins Englische eingeflossene Lehnwort) um die Vernetzung der einschlägig tätigen Forscher über die Grenzen hinaus. In Hirnforschung, Musik- und Sprachwissenschaft, Medizin und sogar in der Wirtschaftswissenschaft finden sich gestaltheoretische Ansätze verankert.

Fritz PerlsWichtige Einflüsse (im Sinne einer Synthese mit der psychoanalytischen Theorie bzw. einer Weiterentwicklung derselben) ergaben sich auch im Bereich der Psychotherapie, wie in der auf Erkenntnissen der obengenannten Berliner Schule basierenden ‚Gestalttheoretischen Psychotherapie‘ oder – in der heutigen ‚psychotherapeutischen Versorgungslandschaft‘ wesentlich bekannter und einflußreicher – in der von Fritz Perls begründeten ‚Gestaltherapie‘.

 

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Soweit für heute zum zweiten Teil. Der dritte Teil erscheint nächste Woche und befaßt sich mit der theoretischen Herleitung einschließlich Beispielen.

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