Leserfoto:
Eintauchen in eine fremde Welt

Gegenstand unserer heutigen Besprechung ist nicht nur die klassische Bildanalyse, sondern auch eine psychologische Betrachtung zur ‚Ambivalenz der Exotik‘.

Ausgangsbild

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Unser Leser Nicolas Schröter aus Darmstadt hat uns das obige Bild unter dem Titel „Lost in medina” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Ende Februar 2013, Marrakesch – Marokko. Auf meiner Suche nach der ‚wahren‘ Medina, fern der Touristenströme, versuchte ich die rauen und ungehübschten Gassen der Altstadt festzuhalten. Abbilden wollte ich die Kontraste zwischen Sonne (Hitze) und Schatten (Kühle), Gelassenheit und Hektik sowie das Gefühl der Hin und Hergerissenheit zwischen Schönheit und Schmutz. Wichtiges Element sind die von der Sonne in Szene gesetzen Abgase der Motoroller. Unsicher bin ich mir über den gewählten Ausschnitt. Auch hätte ich mir gewünscht, die Bewegung (Geschwindigkeit) des Motorollers im Vergleich zum langsam schreitenden Mann besser abbilden zu können … Kamera: Lumix DMC-GF1. Objektiv: Lumix G 20mm F1.7 ASPH. Foto: F/2.8, 1/100Sec, ISO 100.”

Zur verwendeten Ausrüstung und zum Aufnahmesetup hatte Nicolas ja bereits etwas gesagt. Die Lumix DMC-GF1 ist eine 2009 eingeführte, sehr kompakte Systemkamera zur Verwendung an Wechselobjektiven. Das verwendete Lumix G 20mm F1.7 ASPH ist eines jener erstaunlich flachen Pancake-Objektive. Bei einem Formatfaktor von 2.0 entspricht die abgelesene einer kleinbildäquivalenten Brennweite von 40 mm.

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Sehr differenziert berichtet Nicolas über seine Überlegungen zum Bild, ohne dabei die aus seiner Sicht nicht ganz optimalen Aspekte auszuklammern. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild tritt zunächst als ein etwas gestrecktes Hochformat in Erscheinung, das Seitenverhältnis geht in Richtung von 16:9. Nicolas mag hier also einen Beschnitt gesetzt haben, da seine Kamera üblicherweise in 4:3 aufnimmt.

Der erste Bildeindruck ist der eines schroffen Nebeneinanders tiefer Schatten und heller Lichter. Erst allmählich gewöhnt sich auch das Auge des Betrachters an die Szene, Einzelheiten beginnen sich zu verdeutlichen – es sind dies in erster Linie die beiden Personen im Vordergrund, also der ältere, langsam schreitende Mann links und der junge, mopedfahrende Mann rechts (rote Linien ebd.).

Weitere Personen fallen sodann ins Auge, umrahmen die Protagonisten – der in einen weißen Kittel gewandete Mann mit Blick- und Gehrichtung nach links aus dem Bild heraus, ein mit dem Mittelgrund fast verschmelzender und somit nur schemenhaft erkennbarer Mann zwischen den Hauptpersonen sowie die sich in den Hintergrund bewegende Rückensilhouette eines Mannes am rechten Bildrand. Eine Gruppe kaum mehr unterscheidbarer Menschen im Hintergrund (ist da nicht doch noch ein anderer Tourist?) vervollständigen das Tableau (gelbe Linien ebd.).

Einzelne Fluchtlinien stützen schließlich noch die Komposition, markieren den tunnelartig erscheinenden Raum und führen so den Blick vom Vorder- in den vertikal mittig und horizontal randständig rechts angelegten Hintergrund (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Die Verteilung der Tonwerte läßt sich eigentlich nur mit dem neudeutschen Begriff ‚voll krass‘ einigermaßen umschreiben. Das Histogramm ist deutlich linksschief bei einem Mittelwert von etwa 85, und die ausgeprägte Zweigipfligkeit weist auf den enormen Kontrastumfang dieser Aufnahme hin.

Auffällig ist der abrupte Wechsel tiefer Schatten in Zone I bis II und ausgebrannter Lichtern in der Zone X – kleinteilig bzw. dicht nebeneinander im Bereich der schattenspendenden Pergola, großflächiger und weiter auseinander im Bereich des Bodens. Die Mitteltöne sind demgegenüber nur wenig belegt – etwa in den Zonen I bis III des vorderen sowie den Zonen IV bis VI des hinteren Mittelgrundes.

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Zusammenfassung: Auf eine kleine Begriffsunschärfe bei der Betitelung darf ich zunächst hinweisen: Nicolas meinte ja nicht Medina, ‚die erleuchtete Stadt‚ in Saudi-Arabien, sondern die ‚Medina von Marrakesch‚, also die von den Almoraviden im 11. Jahrhundert angelegte und mittlerweile zum Weltkulturerbe gehörige Altstadt eben jener Stadt im Südwesten Marrokkos. Der Bildtitel hätte somit nach meinem Verständnis eher ‚Lost in the Medina‘ heißen müssen.

Auch meinte ich einen Zwiespalt in Nicolas‘ Äußerungen herauszulesen, nicht nur in Hinsicht auf das beschriebene Zusammentreffen von „Sonne (Hitze) und Schatten (Kühle), Gelassenheit und … Schönheit und Schmutz.”, sondern auch in Hinblick auf seine ‚Suche nach dem Wahren fern der Touristenströme‘, die aber mit der Betitelung der ‚Verlorenheit‘ (lost) in banger Anmutung kontrastiert.

Eine psychologische Kollegin von mir hatte ihre Diplomarbeit vor einiger Zeit dem hübschen Thema gewidmet, was normale Touristen denn wohl an fremden, exotischen Ländern und Kulturen reizt und was sie dabei abstößt. Sie kam in ihrer Untersuchung zu dem verblüffenden Ergebnis, daß es im Grunde genommen ein und dasselbe ist. Man kann dies dahingehend interpretieren, daß bei uns Erwachsenen wohl noch ein Quantum der bei Kindern so bekannten ‚Angstlust‘ schlummert und in Ausnahmesituationen (zu denen auch Fernreisen zu zählen sind, sofern diese nicht am ‚deutschen Strand in Malle‘ enden) wieder zutage tritt. Anders ausgedrückt suchen wir als Erwachsene jene Befremdung, können sie aber nur unter ausreichender Kontrolle bzw. Absicherung (Endlichkeit des Urlaubs, ‚Durchtrieb durch typische Touristenstätten‘) ertragen.

Insofern muß ich Nicolas etwas enttäuschen: seine ‚dosierte Suche nach Exotik‘ mag ihm als Alleinstellungsmerkmal seines Selbsts erscheinen, ist aber tatsächlich nur ein menschliches Grundmotiv, welches sich im gängigen, irgendwann ‚die letzten Hütten der letzten Naturmenschen stürmenden‘ Klischee des Individualtourismus‘ widerspiegelt.

Doch zurück zum Bild: die Ausschnittwahl und die Anordnung der Bildelemente in Sinne der Komposition halte ich für gelungen, um der einen Sorge von Nicolas entgegenzutreten. Auch jener überbordende Kontrastumfang, der von heutigen Digitalkameras eigentlich gar nicht bewältigt werden kann, ist hier geschickt in die Bilddramatik eingebunden – gerade jene durch die Pergola durchscheinenden Lichtbüschel bzw. ‚god’s beams‘ unterstreichen die elementar Wucht der dort herrschenden Lichtverhältnisse. Die fehlende Bewegungsunschärfe des Mopedfahrers würde mir ebenfalls keinen Kummer bereiten, im Gegenteil: die Lichtverhältnisse sind derart schwierig, daß dieses Element aus meiner Sicht kaum wirksam visualisiert werden könnte.

Nicolas sollte meines Erachtens nach besser auf die ‚Verdaulichkeit und Auslesbarkeit‘ des Bildes und dessen Geschichte achten. Zu viel Details gehen hier noch in den weitgehend geschlossenen Schatten verloren, zu wenig Struktur weisen die Lichter auf. Meine Überarbeitung (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) zielt entsprechend auf eine deutliche Öffnung der Schatten und eine Rücknahme der Lichter ab. Hauptinstrument hierfür ist wieder das Werkzeug ‚Tiefen/Lichter‘, welches bald in einem eigenen Tutorial abgehandelt wird. Dem aufmerksamen Betrachter wird nicht entgehen, daß das Histogramm der Überarbeitung Tonwertabbrüche bzw. ‚Sägezahnmuster‘ aufweist – dies belegt die Heftigkeit der nötigen Tonwertverschiebungen, die im (hier vorliegenden) 8-Bit-JPG eben nicht so schonend wie im 16-Bit-TIF durchgeführt werden können.

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Komposition

Tonwerte

Überarbeitung

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.



1 Antwort
  1. Marcus Leusch says:

    Noch nie war uns die Welt so nah, noch nie wurde uns so viel Welt frei Haus geliefert wie heute. „Wenn sämtliche geographischen Schlupfwinkel photographiert sind, wird die Gesellschaft völlig erblindet sein …“ (S. Kracauer) 

    Das macht, glaube, ich den Doppelcharakter des Exotischen aus. Kaum bewegen wir uns abseits der ausgetretenen touristischen Pfade, glauben wir, im Authentischen angekommen zu sein. Das, was wir sehen, ist hingegen oftmals nichts anderes als die Illusion davon, was wir unter Exotik zu verstehen gelernt haben. Und das ist nicht nur ein Phänomen, das (semi)professionelle Fotografen ereilt. Ich glaube, es gibt nur dort Authentizität, wo man sich auf die Menschen einlässt und mit ihnen gemeinsam eine Erzählung hervor bringt – und das übersteigt in den meisten Fällen den Blick einer akuten Neugierde, die das bloß Touristische hinter sich lassen möchte (Wir hatten ähnliche Beispiele in der Bildkritik auf diesen Seiten, siehe „Bilder des Elends und Verfalls“, 19.8.2013).

    Einmal davon abgesehen, scheint mir die Lichtstimmung und das Sujet in dieser Fotografie sehr authentisch, eine Straßenszene wie diese findet sich wahrscheinlich in vielen Ländern des Breitengrades. Insofern empfinde ich diesen Ansatz eines Blicks auf die Menschen und ihre Lebenswelt jenseits einer touristischen Folklore sehr interessant. (Die „behutsame“ Bildbearbeitung von Thomas gibt dem Foto hier noch einmal einen deutlich positiven „Schub“). Was allerdings wirklich nötig wäre: Zeit (für die Menschen und ihre Situation), die heute nur noch selten professionellen Fotografen in ausreichendem Maße für eine Reportage zugestanden wird. – Denn: Zeit ist Geld.

    Beste Grüße in die Runde
    Marcus

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