Leserfoto:
Übersichtliche Form, abgründiger Inhalt

Ein in formaler und inhaltlicher Hnsicht gelungenes Beispiel für Streetfotografie zeigt die heutige Bildbesprechung.

Ausgangsbild

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Ein weiteres Bild hat unser Leser Marcus Leusch aus Mainz unter dem Titel „Sommerimpression aus der Schoppingzone” in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Mainz-Innenstadt/Fußgängerzone: Beißendes Sonnenlicht, lange Schatten am Nachmittag, die Fußgänger bewegen sich wie in Zeitlupe mitunter gedrückt über den heißen Asphalt. Mir erschienen die Schatten der langen Pfeiler eines Kaufhauses wie die plötzlich sichtbaren Wegbegrenzungen zur „schönen“ Warenwelt des Sommerschlussverkaufs, denn an diesen unwirtlichen Ort begibt man sich nur aus einem einzigen Grund, der da lautet: Haben oder (nicht) Sein? Und so schwebten also Menschen mit ihren Einkaufstüten balancierend an mir vorüber oder solche, die nichts als sich selbst durch die Hitze zu befördern hatten … Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 55mm), Belichtungszeit: 1/250s bei ISO 250, Blende: 9, Kontraste angehoben, Bild insgesamt leicht abgedunkelt, um die Struktur des Pflasters zur Geltung zu bringen.”

Über die verwendete Ausrüstung hatte Marcus bereits berichtet. Die kleinbildäquivalente Brennweite betrug 82.5 mm (bei einem Formatfaktor von 1.5).

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Der Dateiname ‚mainz-fugngerzone.jpg‘ erschien mir zunächst rätselhaft. Dann fiel mir ein, daß unser WordPress-System alle Um- und Sonderlaute aus den Namen der hochgeladenen Bilder entfernt. Daher darf ich unsere Leser bitten, beim Bilderupload möglichst keine ‚ä‘ oder ‚ß‘ etc. zu verwenden bzw. diese als ‚ae‘ oder ’ss‘ etc. auszuschreiben.

Gleichwohl haftet dem Bild über die Benennung hinaus etwas (im positiven Sinne) Rätselhaftes, Metaphorisches und Abgründiges an. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition: Sehr übersichtlich und geordnet stellen sich auf den ersten Blick die Grundstrukturen (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) dar: das Hauptmoment besteht aus den sich aus Schatten bildenden, abfallenden Diagonalen (gelbe Linien ebd.). Daneben erscheinen zwei Protagonisten, ein rechts unten in den Goldenen Schnitt gelegter junger Mann und links oben recht exzentrische positionierte, einkaufstaschentragende Frau (rote Linien ebd.). Einige kürzere Senkrechten und Waagrechten am rechten oberen Rand vervollständigen und stützen das Bild (blaue Linien ebd.)

In Hinblick auf die Blickführung und den Handlungsbogen (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild) sticht der ’stille Dialog‘ der beiden Protagonisten heraus (rote Linien ebd.), deren Schatten hier zudem als Vektoren fungieren und die Bewegung vorwegnehmen. Zwischen den beiden Personen schweift der Blick (gelbe Linien ebd.), sucht Verbindendes und Trennendes und beginnt so die Bildgeschichte zu formen.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich bei einem Mittelwert von knapp 100 etwas linksschief. Die Zweigipfligkeit ist Ausdruck des insgesamt hohen bzw. harten Kontrasts, der auch vereinzelte Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich, insbesondere im rechten oberen Bildteil, nicht als störend erscheinen läßt.

Sehr geschickt unterstützt der sich von links unten nach rechts oben ergebende und damit die Hauptblickrichtung konternde Wechsel dunklerer (Zone 0 bis III) und hellerer (Zone V bis VIII) Bereiche dei Komposition.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Die Feinstruktur ist recht ansprechend und weist auf das gute Auflösungsvermögen der verwendeten Systemkamera hin.

Marcus‘ Nachbearbeitung zur Akzentuierung des Pflasters erscheint mir angemessen. Er mag hierfür die Gradationskurve etwas nach rechts unten gezogen haben, um damit neben der leichten Abdunklung des Gesamtbildes den Kontrast im Schattenbereich etwas gemindert und denjenigen im Lichterbereich etwas verstärkt zu haben (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Bearbeitung …‘).

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Zusammenfassung: Das Bild lebt in ästhetischer Hinsicht von der sehr klaren, fast streng erscheinenden Komposition und den kontrastreich abgesetzten Tonwertbereichen.

Die Grundstimmung des Bildes mag man als eine skeptische, auch pessimistische Haltung gegenüber den Auswüchsen bzw. der Leblosigkeit von solch vollständig durchkommerzialisierten Innenstadtbereichen auffassen. Die fallenden Diagonalen symbolisieren dieses Momentum, welches ja auch in Marcus‘ Erläuterungen deutlich anklingt.

Der formalen Übersichtlichkeit des Bildes steht jene Rätselhaftigkeit bzw. Abgründigkeit der Bildgeschichte gegenüber – hier der ‚Loosertyp‘, der die Hände (nur scheinbar, aber es wirkt auf den ersten Blick so) in den Hosentaschen vergräbt, während der Schatten die Arme schlenkern läßt und so ein Eigenleben zu führen scheint; dort die Dame, voll beladen mit Taschen mutmaßlich teuren Einkaufs, doch zugleich (wiederum vermeintlich) nur auf einem Bein balancierend und so in ihrer Überladenheit vor dem Sturz stehend.

Weiteres steckt gewiß noch in diesem ’stillen Dialog der Protagonisten‘ was ich momentan nicht sehen oder in Worte fassen kann. Die Diskussion mag weitere Aspekte aufdecken …

Jedenfalls ist es einfach ’schönes fotografisches Erzählkino‘. Und ich kann nicht verhehlen, daß mir Marcus‘ Ansatz der Streetfotografie nahegeht und -liegt, wie eine Vergleichsarbeit aus meinem eigenen Portfolio (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild; übrigens eines meiner seltenen Querformate in diesem Bereich) aufzeigen mag.

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Komposition: Grundstrukturen

Komposition: Blickführung und Handlungsbogen

Tonwerte

Bearbeitung: nach rechts unten gezogene Gradationskurve

Vergleichsarbeit

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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Mainz-Innenstadt/Fußgängerzone: Beißendes Sonnenlicht, lange Schatten am Nachmittag, die Fußgänger bewegen sich wie in Zeitlupe mitunter gedrückt über den heißen Asphalt. Mir erschienen die Schatten der langen Pfeiler eines Kaufhauses wie die plötzlich sichtbaren Wegbegrenzungen zur „schönen“ Warenwelt des Sommerschlussverkaufs, denn an diesen unwirtlichen Ort begibt man sich nur aus einem einzigen Grund, der da lautet: Haben oder (nicht) Sein? Und so schwebten also Menschen mit ihren Einkaufstüten balancierend an mir vorüber oder solche, die nichts als sich selbst durch die Hitze zu befördern hatten. … 

Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 55mm), Belichtungszeit: 1/250s bei ISO 250, Blende: 9, Kontraste angehoben, Bild insgesamt leicht abgedunkelt, um die Struktur des Pflasters zur Geltung zu bringen.

Marke:

Modell:

Belichtungszeit:

ISO:

Blende:

Brennweite:

Formulardaten:

Vorname: Marcus
Nachname: Leusch
Strasse: Falkensteinerstr. 3
PLZ / Ort: 55129 Mainz
E-Mail-Adresse: moma.leusch@t-online.de
Webseite:
Bilddatei: http://static.fokussiert.com/1375697052/mainz-fugngerzone.jpg
Bildtitel: Sommerimpression aus der Schoppingzone
Kategorie: Street/Strasse
Kommentar: Mainz-Innenstadt/Fußgängerzone: Beißendes Sonnenlicht, lange Schatten am Nachmittag, die Fußgänger bewegen sich wie in Zeitlupe mitunter gedrückt über den heißen Asphalt. Mir erschienen die Schatten der langen Pfeiler eines Kaufhauses wie die plötzlich sichtbaren Wegbegrenzungen zur „schönen“ Warenwelt des Sommerschlussverkaufs, denn an diesen unwirtlichen Ort begibt man sich nur aus einem einzigen Grund, der da lautet: Haben oder (nicht) Sein? Und so schwebten also Menschen mit ihren Einkaufstüten balancierend an mir vorüber oder solche, die nichts als sich selbst durch die Hitze zu befördern hatten. … 

Aufnahmedaten: Fuji X-E1, 18-55 mm-Objektiv (bei 55mm), Belichtungszeit: 1/250s bei ISO 250, Blende: 9, Kontraste angehoben, Bild insgesamt leicht abgedunkelt, um die Struktur des Pflasters zur Geltung zu bringen.

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5 Antworten
  1. Dirk Wenzel says:

    … ich kenne Schaufenster in der Stadt – ja ja – die werfen das Sonnenlicht zu einer bestimmten Uhrzeit in eine Richtung… in der spannende Momente des Street zu erwarten scheinen… und habe dann… wie bei diesem Bild… Spitzlicht … plus weiche „Beleuchtung“… das meinte ich mit Lichtrichtung… hab die falsche Welle erwischt scheint… :-)

    Antworten
  2. Marcus Leusch says:

    Moin Moin vom Landei zur Seehundbank …

    die Lichtspiegelungen der Fenster geben keine Orientierung über den Sonnenstand, das sind bloß die Reflexe von den Fensterscheiben. Den tatsächlichen Sonnenstand kann man am Schattenwurf der Personen ablesen … 

    Ja, sehr gut bemerkt: der Lonesome Rider im Vordergrund – eigentlich eine Sie – ist leicht aufgehellt. Bei der Lichtsituation insgesamt war es nicht gerade einfach 
einen geeigneten Messpunkt zu finden. Leichte Fehler lassen sich hier ja auch in Photoshop korrigieren, ohne das Bild ins Künstliche zu verfälschen …

    … Dank übrigens für die „Handschrift“, da geh ich mal in mich, aber für‘s Fotografische ist Mainz einfach nicht das Pflaster – und dann mach ich ja auch keine passende Kunst für‘s Wohnzimmer … aber ich arbeite mal an was Geeignetem für eine kleine Ausstellung (vielleicht in Frankfurt oder Berlin) …

    Nu, lass de angel deep uener to grund … ;-)

    Grüße
    Marcus

    Antworten
  3. Dirk Wenzel says:

    Moin Moin vom Krabbenkutter…

    Glückwunsch zum Bild… ha … ein DreiWortSatz im Netz :-)

    Eine Frage: Hast Du die Dame im Vordergrund etwas „punktuell“ aufgehellt… ? Schattenlänge und Lichtspiegelungen von den Fenstern verraten einen Lichtwinkel – welcher die Dame etwas dunkler hätte erscheinen lassen müsste … also müssen tut nichts … aber es scheint – im Sinne des Wortes.

    Ich unterstütze die Aussage von Thomas gerne… zur Präsentation in der Öffentlichkeit.

    Es gibt so viele Bilder… die die Welt nicht braucht … find … habe auch ne Sammlung davon … die beschriebene Handschrift DEINER könnte ein Zeichen setzten… nicht in der Masse unter … zu … gehen… nur Mut… mit dem theoretischen- und emotionalen Hintergrund erreichst auch die hinter der Seehundbank … also Marcus…

    der Krabbenkutter zieht weiter um die Seehundbank … ist nicht alles „Birne“ was da die Treppen steigt :-) BGr Di

    Antworten
  4. Thomas Brotzler says:

    Zitat: „Schließlich handelt es sich bei meinen Bildern um Fotografien, die bislang kaum über meinen privaten Bereich hinaus ein Publikum gefunden haben.“

    Deinen Arbeiten haben eine unverwechselbare Handschrift und schöne Erzählstruktur, weswegen ich sie als lehrreiche Beispiele hier gerne vorstelle. Und vielleicht solltest Du etwas mehr Mut haben, diese zu präsentieren, denn auf Ausstellungen und in Galerien habe ich schon ‚bedeutend Seltsameres‘ gesehen …

    Zitat: “ Deine interessante Vergleichsarbeit – analog?!“

    Das wird oft vermutet und so begegnet mir diese Frage bei meinen Künstlergesprächen oft, aber ich arbeite heute in der Regel digital. Die Möglichkeiten der graduierten und zeitunkritischen Farbkanalaussteuerung und Tonwertanpassung in der ‚digitalen Dunkelkammer‘ möchte ich mittlerweile nicht mehr missen. Zugleich besteht jedoch durchaus der ‚Anspruch einer analogen Anmutung‘ (Rolf-Walther-Schule) …

    Antworten
  5. Marcus Leusch says:

    Hallo Thomas,

    neben meiner Freude über eine offenbar kommunizierbare und dikussionswürdige Zeichensprache (Dank für das „schöne fotografische Erzählkino“) macht es mich schon auch etwas verlegen, wenn ich diese Besprechung lese. Schließlich handelt es sich bei meinen Bildern um Fotografien, die bislang kaum über meinen privaten Bereich hinaus ein Publikum gefunden haben. Sie beantworten mir letztlich immer sehr persönliche Fragen, denen ich rein sprachlich nicht auf den Grund gehen kann oder will – oder denen ich nur mit sehr viel theoretischem Ballast und literarischen Bildern gewachsen bin. Sie sind sozusagen wie ein Notizbuch ohne Worte, chants sans parole – zumeist in Schwarz/Weiß, da ich leider gnadenlos Farbenblind bin (da hilft auch die Kalibrierung meines Bildschirms nichts mehr)!
    Es sind also gewissermaßen Fotos aus dem „Untergrund“, bei denen es mich schon in Erstaunen versetzt, wenn sie von anderen gelesen werden, und dabei offenbar etwas in Schwingung gerät, das meinem eigenen Ansatz so ähnlich scheint (wie auch Deine interessante „Vergleichsarbeit“ – analog?! – durchblicken lässt) … Merci also für diese einfühlsame Bildkritik.

    „fast streng erscheinende Komposition“

    Die Strenge gehört diesem Platz und seinen besonderen Verhältnissen. Mir wollte es noch nie einleuchten, dass man eine Stadt baut, ohne an die Menschen zu denken, die in ihr leben (müssen). Offenbar leben wir aber in einer Gesellschaft, in der selbst die letzen Fragen noch unter dem Diktum des Verkäuflichen verhandelt werden. Das macht unsere Innstädte zu Wüsten des Kommerzes, die am Abend (nach Geschäftsschluss) kaum noch „atmungsaktiv“ sind. Insofern trennt die beiden Protagonisten in diesem Foto auch nur ein kapitalistischer Wimpernschlag zwischen Sein und Haben. Beide gehen getrennte Wege, sind aber dennoch auf dem selben Pflaster unterwegs. …

    

Herzliche Grüße aus dem
    verregneten Mainz
    Marcus

    Antworten

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