Tutorial:
Gestaltpsychologie (3)

Das nachstehende Tutorial soll Grundlagen der Gestaltpsychologie vermitteln. Hierbei geht es um Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung und Musterkennung, deren Kenntnis uns helfen kann, die Wirkung unserer Bilder zu planen bzw. zu verbessern.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Herkunft und Verbreitung des Begriffs
3. Theoretische Herleitung mit Beispielen
4. Praktische Bedeutung in der Fotografie
5. Schlußbemerkung
Weiterführende Literatur
Bisherige Tutorials des Autors

 

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3. Theoretische Herleitung mit Beispielen

3.1. Eine Vorbemerkung zu diesem Abschnitt

ParagraphendschungelWenn in der Folge von den ‚Gesetzen der Gestaltpsychologie‘ die Rede sein wird, dann sträuben sich mir (der im Rahmen seiner Promotion selbst langjährig wissenschaftlich tätig war) zunächst alle Nackenhaare. ‚Gesetze‘ sind etwas, mit dem sich zuvorderst Richter, Anwälte und Politiker befassen und an die wir uns tunlichst halten sollten.

In der wissenschaftlichen Forschung ist jedoch kein Platz für Gesetze, schon gar nicht für schlußgültige – das wäre dann ‚Dogmen‘. Betrachten wir etwa die Naturgesetze: entgegen ihrem Wortsinn haben diese, sofern man nicht kreationistisch argumentiert, keine Gesetzeskraft bzw. verpflichtende Gültigkeit. Sie sind stattdessen gut begründete, empirisch immer wieder bestätigte und noch nie widerlegte Hypothesen. Nicht auszuschließen wäre aber, daß ’nach Entdeckung der dreiundachtzigsten Dimension‘ das bisher sicher Geglaubte plötzlich ganz anderer Erklärungen bedürfte.

Und so (mit wohlwollend-kritischem Abstand) sollten wir mit den ‚Gesetzen der Gestaltpsychologie‘ verfahren. Sie sind eben auch ‚gut begründete, empirisch immer wieder bestätigte und noch nie widerlegte Hypothesen‘ und willkommen, solange sie von praktischem Nutzen sind und bis etwas Besseres in Sicht ist. Und in diesem Sinn werden sie populärwissenschaftlich ‚Gesetze‘ genannt …

Wie so oft, wenn etwas breit erforscht wurde, gibt es eine Vielzahl von Ansätzen und Hypothesen – so eben auch hier eine Vielzahl von ‚Gesetzen‘. Bei meiner Recherche für dieses Tutorial bin ich auf Dutzende derer gestossen. Viele davon sind aber Variationen, manche wirken doppeldeutig bzw. widersprüchlich. So mußte ich eine Auswahl der ‚Gesetze‘ treffen, und diese erfolgte im Sinne der meistgenannten und für unsere Belange besonders relevant erscheinenden.

3.2. Eine Auswahl gestaltpsychologischer Gesetze

3.2.1 Das Gesetz der Prägnanz

Kanisza-DreieckIn der Literatur wird der Präganzbegriff oft in Verbindung mit einer möglichst guten Unterscheidbarkeit eines bestimmten Objekts von der Umgebung erwähnt. Dies ist allerdings etwas mißverständlich, da hier nicht die andersgelagerte ‚Figur-Grund-Thematik‘ gemeint ist, sondern das unserem Wahrnehmungssystem innewohnende Streben nach Einfachheit, Klarheit, Übersichtlichkeit und Ordnung (siehe auch in Ernst A. Weber: ‚Sehen, Gestalten und Fotografieren‘, Seite 17 ff.).

Daraus resultiert das Bestreben, ein Objekt auf ‚einfachst mögliche bzw. erkennbare Art‘ wahrzunehmen – auch bekannt als ‚Tendenz zur guten Gestalt‘. Das nebenstehend abgebildete ‚Kanisza-Dreieck‘ soll dies veranschaulichen. Wir bemerken wohl die angeschnittenen Kreise und frei endenden Linien, auch das grundsätzlich sichtbare Sechseck, fügen alle Bildelemente letztlich jedoch zu einem auf dem Kopf stehenden Dreieck zusammen.

3.2.2 Das Gesetz der Nähe

NäheUnser Wahrnehmungssystem neigt dazu, nahe beieinander liegende Bildelemente zu zusammengehörigen Objekten zu gruppieren.

So zählen wir im nebenstehenden Bildbeispielen acht Linien, die sich in unserer Interpretation jedoch zu vier Objekten zusammenfügen.

 

 
3.2.3 Das Gesetz der Ähnlichkeit

ÄhnlichkeitIn Variation der ‚Nähe‘ neigt unser Wahrnehmungssystem dazu, auch ähnliche Bildelemente zu zusammengehörigen Objekten zu gruppieren.

So unterscheiden sich die elf Linien im nebenstehenden Bildbeispiel in ihrer Form nicht, wohl aber in ihrer Farbe. Die beiden roten Linien scheinen in solcher Weise zusammenzugehören und sich von ihrer Umgebung abzusetzen.

3.2.4 Das Gesetz der Geschlossenheit

GeschlossenheitDes weiteren neigt unser Wahrnehmungssystem dazu, um- bzw. geschlossene Bildelemente als zusammengehörige Objekte zu interpetieren.

Im nebenstehenden Bildbeispielen stoßen wir wieder auf jene elf vertikalen Linien, diesmal jedoch mit einer kleinen Ergänzung von zwei horizontalen Linien. Dies genügt, um ein sich von der Umgebung abgrenzendes Viereck erkennbar werden zu lassen.

3.2.5 Das Gesetz der Kontinuität

KontinuitätEin weiteres Ordnungsprinzip unseres Wahrnehmungssystem besteht darin, angedeutete Linien in ihrer inneren Struktur zu vervollständigen.

Im nebenstehenden Bildbeispiel sehen wir ‚einen Haufen kurzer Striche‘, die sich für uns jedoch zwanglos zu einer bogigen Linie und damit zu einem geschlossenen Objekt zusammensetzen.

 

3.2.6 Das Gesetz der Fortsetzung

FortsetzungUnser Wahrnehmungssystem neigt dazu, in der sich andeutenden Fortsetzung von aneinandergereihten Bildelementen den einfachsten Weg herauszusuchen.

So könnten wir im nebenstehenden Bildbeispiel grundsätzlich auch von einem Zusammenstreben der beiden Linien, gefolgt von einem Aufeianderprallen und erneutem Auseinanderstreben ausgehen. Doch obsiegt die einfachere Interpretation gerade verlaufender und sich dabei kreuzender Linien.

3.2.7 Das Gesetz von Figur und Hintergrund

Figur und HintergrundDas ist jetzt etwas erklärungsbedürftig, da ja letztlich sämtliche Gesetze der Gestaltpsychologie mehr oder weniger auf das ‚Zusammenspiel von Figur und Hintergrund‘ abzielen – warum also noch ein eigenes, explizites Gesetz hierfür, noch dazu eines, welches in vielen anderen Aufzählungen nicht auftaucht?

Nun ist es tatsächlich so, daß unser Wahrnehmungssystem permanent damit beschäftigt ist, zwischen wichtigen (im Sinne der ‚Figur‘) und unwichtigen Informationen (im Sinne des ‚Hintergrundes‘) zu unterscheiden. Wir ordnen so das Gesehene, verleihen diesem Sinn und vergleichen es mit unseren Erinnerungsbildern. Im nebenstehenden Bildbeispiel stellt sich übersichtlich dar: das kleine, umschlossene und mit warmen Farbtönen versehene Objekt grenzt sich sehr deutlich vom Hintergrund ab.

Ein expliziter Hinweis erscheint mir deswegen sinnvoll, um zum einen auf die fundamentale Bedeutung dieses ‚Wahrnehmungs- und Ordnungsprinzips‘, zum anderen gerade im Vergleich zum nachfolgenden ‚Gesetz der Multistabilität‘ aber auch auf dessen Störbarkeit hinzuweisen.

3.2.8 Das Gesetz der Multistabilität

MultistabilitätHier treffen wir auf einen Sonderfall der ‚Figur-Hintergrund-Thematik‘, wenn ganz verschiedene Bildelemente gruppiert und als ‚Figur‘ interpretiert werden können.

Das nebenstehende Bildbeispiel ist recht bekannt. Man kann hier im Sinne einer ‚Kippfigur‘ entweder eine umschlossene Vase oder zwei gegenüberliegende Gesichter im Profil erkennen, aber nie beides gleichzeitig. Unser ‚eingebautes Ordnungs- und Vereinfachungsprinzip‘ verhindert eine Gleichzeitigkeit der beiden Interpretationen.

In jener Reinform des hier gezeigten Beispiels oder auch anderer Bilder wie ‚junge Frau, alte Frau‘ oder ‚kippender Würfel‘ ist das durchaus eine verblüffende Seherfahrung bzw. ein netter Zeitvertreib. Mit unseren Fotografien werden wir auf solche Weise aber kaum ‚punkten können‘: sofern die von uns verwendeten Bildelemente zu wenig eindeutige Gestalt und Charakteristik aufweisen, reagiert der Betrachter eher irritiert und genervt.

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Soweit für heute zum dritten Teil. Der vierte Teil erscheint nächste Woche und befaßt sich mit der praktischen Bedeutung in der Fotografie.

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2 Antworten
  1. Winfried Heinz says:

    Die ersten drei Teile habe ich gelesen. Herzlichen Dank für die gute Arbeit. Leider funktionieren die weiteren Links (bei mir allein?) zu Teil 4, 5 usw. nicht.
    Herzliche Grüße aus Hamm
    W.Heinz

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Vielen Dank für den Hinweis, Winfried … ich habe die Links im Übersichtskasten nun aktualisiert, so daß nun in den insgesamt vier Artikelteilen hin und hergeblättert werden kann.

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