Leserfoto:
Atmosphärische Stadtlandschaft

Die Stilmittel einer atmosphärisch überzeugenden Visualisierung besprechen wir am heutigen Bildbeispiel.

Ausgangsbild

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Unser Leser Alex Hafften aus Dortmund hat uns zwei Bilder einer Kurzserie in der Kategorie ‚Street‘ zur Besprechung eingereicht.

Über das obige Bild mit dem Titel „Rainman” schreibt er: „11.09.07 – China Town, New York City, Mittags 12:00 … Ein plötzlicher Regenguss fegte die Menschen von der vollen Straße. Es entstand eine surreale Atmosphäre mitten am Tag, in einer für Westeuropäer ohnehin schon fremden Welt – China Town, die ich mit diesem Foto einfangen wollte.”

VergleichsbildNebenstehend noch die zweite Einreichung, auf die wir hier aber nicht im Detail eingehen wollen.

Zur Aufnahme wurde die APS-C-Kamera Canon EOS 400D verwendet. Die abgelesene Brennweite betrug 50 mm, einem Kleinbildäquivalent von 80 mm bei einem Formatfaktor von 1.6 entsprechend, die Belichtungsdaten waren 1/125 Sekunde bei Blende f/1.8 und ISO 100.

Zum Objektiv fehlen mir konkrete Angaben, nach dem Aufnahmesetup würde ich aber auf das erschwingliche Festbrennweitenobjektiv Canon EF 50mm 1:1.8 tippen.

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Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Die Grundstruktur des Bildes läßt sich auf zwei Arten beschreiben – 1. auf komplexe Weise, indem man mit gedachten Linien die Ampel links oben, den Autopulk links unten, den ins Bildviertel links unten gesetzten Mann mit Regenschirm, den etwas drüber befindlichen Lieferwagen in der horizontalen Mitte, den ins Bildviertel rechts unten gesetzten Mann mit Regenschirm und die Ampel rechts oben zu einem ‚W‘ verbindet (grüne Linien ebd.); 2. auf einfache Weise, indem man die beiden Ampeln und den Mann links unten wiederum im Sinne gedachter Linien zu einem auf dem Kopf stehenden und etwas im Uhrzeigersinn verdrehten Dreieck verbindet.

In der Skizzierung habe ich mich für die komplexe und gegen die einfache Variante entschieden, da nur so der für die Bilddramaturgie wichtige zweite Mann (rote Linien ebd., Ziffer 2) Berücksichtigung findet.

In der Hierarchisierung der Bildelemente steht der über die Straße eilende und Schutz vor dem Wolkenbruch suchende Mann links unten (rote Linien ebd., Ziffer 1) ganz oben. Um ihn herum gruppieren sich die anderen Bildelemente wie besagter zweiter Mann (rote Linien ebd., Ziffer 1) als eine Art ‚bewegungsanzeigender Doppelung‘ sowie die einrahmenden Ampeln und Autos (gelbe Linien ebd.). Vereinzelte Senkrechten im Mittel- und Hintergrund markieren schließlich noch den Raum und geben der Gesamtkomposition Halt (blaue Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich normalverteilt bei einem Mittelwert von etwa 115. Die mittleren Tonwertbereich sind also, wie auch der Blick auf das Ausgangsbild aufzeigt, gut markiert. Etwas dunkler abgesetzt treten die im Abschnitt Komposition bereits beschriebenen Elemente hervor. Die Beschnittkontrolle zeigt markante Tonwertabbrüche im Lichterbereich, insbesondere bei den Ampeln und Fahrzeuglampen, im Ausgangsbild wiederum als ‚Clipping‚ und ‚Blooming‚ erkennbar.

Farben: Das Bild beschränkt sich auf einzelne gebrochen-rote Farbtupfer in den Lichtern (darunter auch das genannte ‚Blooming‘), zeigt ansonsten farbig tingierte Abstufungen eines Regengraus.

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Zusammenfassung: Alex‘ Arbeit hat eine schöne atmosphärische Anmutung – die Stimmung vor Ort ist in den Tonwerten und Farben gut visualisiert im Bild und macht die Szene für den Betrachter einfühlbar. Die Tonwertabbrüche im Lichterbereich, die bei einer ruhigen Stadtlandschaft eindeutig störend wären, tragen hier zu der dramatischen Stimmung gut bei.

Auch die Komposition ist zu loben. Jener Mann links unten ist der Protagonist des Geschehens, alles andere (die roten Ampeln als endzeitliches Fanal, die Autolichter als Symbol einer latenten Bedrohung) gruppiert sich um ihn herum. Das I-Tüpfelchen, ohne welches das Bild an Kraft verlöre, ist jener schemenhaft erkennbare zweite Mann, den ich als Doppelung bzw. Bewegungsspur charakterisiert hatte.

Solche Bilder eignen sich auch gut für eine Konzeptserie und könnten – wenn man 10 bis 15 davon hat – auch in einer Ausstellung eine gute Figur machen. Der Vorteil einer solchen seriellen Präsentation besteht darin, daß sich darin auch schwächere Bilder (das oben gezeigte Vergleichsbild hat bei weitem nicht die kompositorische und dramaturgische Kraft des hier besprochenen) integrieren lassen.

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Komposition

Tonwerte: Histogramm mit Lichterbeschnitt

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