Leserfoto:
Im Streben nach den Vorbildern …

In der heutigen Besprechung eines Porträtbildes wollen wir Vergleiche zu zwei als „state of the art‘ zu bezeichnenden Arbeiten ziehen.

Ausgangsbild

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Unser Leser Jens Reinsberger aus dem südthüringischen Ilmenau hat uns das obige Bild unter dem Titel „Mädchen ohne Perlenohrring” in der Kategorie ‚Porträt‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Bild entstand zu Hause beim Experimentieren mit nur einem Durchlichtschirm und Blitz links vom Modell. Ziel war eine Low-Key-Fotografie im Stil älterer Gemälde. Das Haar rechts oben säuft leider ein bisschen ab, aber das ist eben der Nachteil von nur einer Lichtquelle.. :)<”

Zur Aufnahme wurde die 2010 eingeführte APS-C-Kamera Nikon D7000 verwendet. Zum Objektiv liegen keine Informationen vor. Die Brennweite betrug 50 mm (entsprechend 75 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.5), die Belichtungsdaten waren 1/200 Sekunde bei Blende f/9.0 und ISO 100.

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'Het meisje met de parel' von Jan Vermeer (Quelle: Wikipedia)Jens‘ Bildtitel spielt natürlich auf das weltbekannte Gemälde Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge an.

Jan Vermeer van Delft (1632 bis 1675), holländischer Genremaler des frühen Barocks, schuf dieses Büstenporträt einer jungen Frau 1665. Das Bild besteht eigentlich aus einem ‚verlorenen Profil‘ im Schulterbereich mit Rückwendung des Kopfes zum Halbprofil (siehe dazu auch mein Tutorial zur Porträtfotografie).

Die sich dadurch ergebende Kopfwendung mit dem extrem seitgewendeten Blick und der leicht geöffnete Mund verleiht dem Bild eine geheimnisvolle, fast suggestive Anziehungskraft.

'nudes and portraits II: #143 unknown girl' von Rüdiger SchestagDann möchte ich gerne noch die Arbeit eines zeitgenössischen Fotografen zum Vergleich anführen.

Rüdiger Schestag, 1964 bei Stuttgart geboren, ist sowohl in der kommerziellen (Mode, Werbung) wie auch der künstlerischen Fotografie beheimatet. Für seine dreiteilige Serie „nudes & portraits” nahm er ‚moderne Menschen in altertümlicher Weise‘ (also in der Bildsprache der Renaissance bzw. des Frühbarocks) auf.

Rüdiger lernte ich anläßlich unserer beider Ausstellungen in der Stuttgarter Galerie Nieser kennen. Ich danke ihm, daß er die nebenstehende Arbeit für unsere Bildbesprechung zur Verfügung stellte.

Doch zurück zu Jens‘ Bild. Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Ganz typisch für ein Porträt, so auch hier, formieren sich Augen und Mund zu einem auf dem Kopf stehenden, horizonal mittig und vertikal in den Goldenen Schnitt von oben gelegtes Dreieck – einem nach klassischer Kompositionslehre hochdynamischen Element, welches Bildspannung entstehen läßt (rote Linien ebd.).

Reizvoll umrahmt – auch im Sinne der mäandernden Bewegung – wird dieser zentrale Blickfang durch die Büste, das Kinn, die rechte Profilkante und den Haaransatz in der Hinbewegung, durch das Ohr und die angedeutet linke Schulterlinie in der Rückbewegung (gelbe Linien ebd.).

Die Grenzen des Kleides und des Haares (blauen Linien ebd.) umrahmen und stützen schließlich als Sekundärlinien noch die Komposition.

Tonwerte (siehe dazu untenstehende, gleichnamige Bilder): Das Histogramm zeigt sich deutlich linksschief bei einem Mittelwert von etwa 45. Tonwertbeschnitte im Schattenbereich – entsprechend der Zone 0 ohne sichtbare Tonwertmodulation und Detailzeichnung – ergeben sich nicht nur, wie von Jens festgestellt, in Teilen des Haares, sondern weitläufig im Hintergrund und im Kleid.

Interessanterweise sind Bildinformationen aber noch vorhanden – die Öffnung der Schatten mit dem Werkzeug ‚Tiefen/Lichter‘ zeigt im Hintergrund eine vermutlich von Ikea stammende Deckenlampe sowie einen mit zwei Tellern gedeckten Tisch mit Stuhlanschnitt.

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Zusammenfassung: Es ist zunächst richtig und wichtig, großen Vorbildern nachzueifern – das Gemälde von Jan Vermeer und die Fotografie von Rüdiger Schestag habe ich in diesem Sinn als ’state of the art‘ zum Vergleich herangezogen.

Die kritische Bestandsaufnahme kann Perspektiven zur Verbesserung schaffen. So wollen wir auch Jens‘ Arbeit betrachten …

Der Hauptmangel liegt zweifelsohne in der Beleuchtungssituation – während Rüdiger dem Augenschein nach eine aufwendige Vierpunktbeleuchtung mit Führungs-, Aufhellungs-, Gegen- und Hintergrundlicht verwendete, beschränkte sich Jens auf eine überdies falsch platzierte Beleuchtungsquelle. Sein Licht kommt von links vorne und durchschneidet die Iris unvorteilhaft (siehe dazu untenstehendes Bild ‚Problembereich: Augen‘). Das Gesicht bleibt insgesamt wenig moduliert, ein Lichtsaum deutet sich nur zaghaft an, der Hintergrund verfällt vollends im Negativraum.

Auch die Platzierung der Bildelemente erscheint nicht optimal – die Darstellung der linken Schulterrundung wäre vorteilhaft gewesen, stattdessen erscheint der Anschnitt hier zu eng. Auch hinsichtlich der oberen Haargrenze herrscht Unentschiedenheit – sie ist ein bißchen angeschnitten und ein bißchen sichtbar. Schließlich bringt die Anordnung des zentralen Blickfangs in der horizontalen Mitte zu viel Statik ins Bild.

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Komposition

Tonwerte: Schattenbeschnitt

Tonwerte: Schattenöffnung

Problembereich: Augen

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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