Tutorial:
Gestaltpsychologie (4)

Das nachstehende Tutorial soll Grundlagen der Gestaltpsychologie vermitteln. Hierbei geht es um Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Wahrnehmung und Musterkennung, deren Kenntnis uns helfen kann, die Wirkung unserer Bilder zu planen bzw. zu verbessern.

Überblick (bereits erschienene Teile sind verlinkt)
1. Einführung in das Thema
2. Herkunft und Verbreitung des Begriffs
3. Theoretische Herleitung mit Beispielen
4. Praktische Bedeutung in der Fotografie
5. Schlußbemerkung
Weiterführende Literatur
Bisherige Tutorials des Autors

 

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4. Praktische Bedeutung in der Fotografie

4.1. Eine Vorbemerkung zu diesem Abschnitt

Grundsätzlich lassen sich alle Bilder nach gestaltpsychologischen Kriterien untersuchen, doch mußte ich aus räumlichen und didaktischen Gründen freilich eine Auswahl treffen. So wählte ich aus meinen bisherigen Bildbesprechungen drei Beispiele aus, an denen sich die Gesetzmäßigkeiten der Gestaltpsychologie nach meinem Dafürhalten besonders klar darstellen lassen.

Eine Wertung des Bildes oder einen Ersatz für die bereits an anderer Stelle erfolgte Beschreibung (die ausführlichen Bildbesprechungen sind über die jeweiligen Titel verlinkt) soll dies natürlich nicht darstellen.

4.2. Bildbeispiele

4.2.1 „Verloren in Gedanken” von Maike Frisch (zur Bildbesprechung)

Bildbeispiel 1

Das ‚Gesetz der Prägnanz‘ zeigt sich hier im Sinne der Zusammenfügung der kontrastreich gezeichneten Augen und des Mundes zu einem leicht im Uhrzeigersinn gedrehten, auf dem Kopf stehenden Dreieck. In der gedachten Fortsetzung der Schulterpartie über den verdeckenden Kopf hinweg wirkt das ‚Gesetz der Kontinuität‘, in den gleichsam ovalen Anschnitten von Oberkörper und Kopf das ‚Gesetz der Nähe‘.

Zusammenfassend wirkt die Gestalt des Jungen durch die beschriebenen Gesetzmäßigkeit sehr kompakt und geschlossen, sie ist als ‚Figur‘ gegenüber dem in Unschärfe fallenden ‚Hintergrund‘ zudem sehr gut abgegrenzt. Der Betrachter findet sich in diesem Bild unmittelbar zurecht und stark angesprochen.

4.2.2 „Der Kuss” von Marcus Leusch (zur Bildbesprechung)

Bildbeispiel 2

Das ‚Gesetz der Nähe‘ und auch das ‚Gesetz der Ähnlichkeit‘ bringt die beiden Personen zusammen, so daß diese eindeutig als ‚Figur‘ erkennbar und sich vom ‚Hintergrund‘ deutlich abheben.

Mehrere Fluchtlinien bestimmen das Bild, wobei die vier mit roten Punkten eingezeichneten zwar unterbrochen sind, durch das ‚Gesetz der Kontinuität‘ jedoch zwanglos zu verbundenen Linien ergänzt werden. Das ‚Gesetz der Fortsetzung‘ bedingt zudem, das die Linien auch über die konkrete Abbildung hinaus zum Fluchtpunkt weiterlaufen, der hier geschickterweise mit den Köpfen der beiden Hauptpersonen zusammenfällt.

Auch dieses Bild erschließt sich dem Betrachter ganz unmittelbar und eingängig.

4.2.3 „Gladiator” von Anne Jablonowski (zur Bildbesprechung)

Bildbeispiel 3

Das ‚Gesetz der Multistabilität‘ kommt hier zwar nicht im Sinne der beschriebenen Kippfiguren, aber doch als deutliche Tendenz zu unklaren Figur-Hintergrund-Strukturen zu tragen. Viele Personen werden in Anschnitten gezeigt, ohne daß sich mittels Ton-, Farb- und Schärfewerten eine eindeutige Ordnung herausstellt.

Die Größenverhältnisse der beiden vorderen Personenanschnitte läßt zwar eine gewisse Reihung vermuten, das Gesehene bleibt insgesamt aber amorph und verwirrend.

5. Schlußbemerkung

Ich komme auf meine Eingangsthese zurück, daß die Gestaltpsychologie wichtige Erklärungsmodelle der menschlichen Wahrnehmung bereitstellt.

Im Zuge der Erforschung dieses Gebiets wurde deutlich, daß das Sehen (mit dem wir Fotografen uns ja vorrangig beschäftigen) bei weitem kein derartig objektiver Vorgang ist, wie es uns gewöhnlich erscheinen mag. Es ist stattdessen ein ausgesprochen subjektiver Vorgang, indem das naturalistisch Gesehene zunächst vorsortiert und geordnet und in solcher Weise ‚im Gehirn zur weiteren Interpretation herumgereicht‘ wird.

Und ich hatte darauf hingewiesen, daß Grundkenntnisse des Wahrnehmungssystems uns sehr dabei helfen können, unsere Bilder wirksam zu gestalten – um ‚formale Eingängigkeit und Verdaulichkeit‘ geht es dabei, nicht um ‚inhaltliche Niedlichkeit‘. Der Hinweis zum ‚Gesetz der Multistabilität‘ mag veranschaulicht haben, wie schwer es unsere Bilder ohne klare ‚Abgrenzung von Figur und Hintergrund‘ beim Betrachter haben können.

Die Gestaltpsychologie bietet ferner ein solides Fundament für eine gute Bildkomposition, ohne hierin bereits – wie ich ebenfalls anmerkte – vollständig genügen zu können. Anderes, insbesondere auf der ‚Achse der Bildspannung‘ muß hier noch dazukommen, um ein Bild wirklich als gelungen betrachten zu können.

Anders ausgedrückt liefe ein ausschließlich nach den Regeln der Gestaltpsychologie konzipiertes Bild Gefahr, ‚im gefälligen Design enden‘ – dies mag für bestimmte Bereiche der Fotografie (der Werbe-, Produkt- oder Dokumentationsfotografie etwa) durchaus gewünscht und ausreichend sein, für andere Bereiche (insbesondere der ausdrucksuchenden oder künstlerischen Fotografie) eher nicht.

***

Das wäre es nun von meiner Seite zu diesem Thema. Ich danke für Eure Lesegeduld.

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Weiterführende Literatur (Auswahl, nicht verlinkt)


Freeman, Michael: „Der fotografische Blick – Bildkomposition und Gestaltung”
Weber, Ernst A.: „Sehen, Gestalten und Fotografieren”

 

 

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9 Antworten
  1. Dirk Wenzel says:

    Moi Moin … auf dem Krabbenkutter den Sturm gut überstanden … und ich sende Thomas einen Dank für die beiden Tutorials …

    ob warum wie wozu wenn auch dann und nicht … für mich bleiben die Erkenntnisse der Gestaltpsychologie und der BlickBildwunderwelt Bestandteil … am im Bild

    ob bewusst oder unbewusst ob angenommen oder verdrängt ob verg-essen oder den Geschmack behalten …

    … find … wer sich darauf einlassen will und kann … hilfreiche Instrumente für die eigene Handlung in Kreativität und Ergebnispräsentation …

    oder anders geschrieben … starker Wellengang immer wieder … :-) … da zeigen sich zwei Bilder in der gestalterischer Hinsicht fast gleich … und das eine Bild erfährt eine übermäßig scheinende Aufmerksamkeit wobei das zweite in Struktur und Klarheit viel mehr Foto ist … warum frage ich mich da immer wieder und erklären können es nur wenige mit der Wirkung die von Thomas hier erläutert …

    zusammenfassend : darum wissen hilft , zulassen um zu gewinnen und loslassen um den Selbstläufer oder das Unbewusste seinen Anteil zu… zu… gestehen … gesehen …

    … bring einen kleinen hellen Punkt in Form von Kreis oder Quadrat oder oder… in das Bild ein … wo er vom Lichteinfall nie hätte seien können … ganz dezent … die Wirkung für den die BetrachterIn kann … versucht es mal selber …

    so genug …

    … in der Ferne sehe ich eine Positionslicht … nicht auf meinem Kurs … aber irgendwie hält sich der Blick und ich glaube … nein … ich werde dem Krabbenkutter eine Linksdrehung ermöglichen und nutze seine Seetauglichkeit um mich dem Licht etwas näher … und die Strömung nutzen und und … oder ist es doch nur mein eigener Wunsch …

    Beste Grüße Dirk

    Antworten
  2. Thomas Brotzler says:

    Ein kleines Schlußwort

    Vielen Dank für Eure lebhafte Teilnahme in der Diskussion.

    Ich war im Vorfeld doch etwas bange, ob diese ‚Trockenkost fruchten‘ und eben auch jenes Publikum erreichen könnte, welches sich über die ‚Basics‘ der Motiverarbeitung, Aufnahmesteuerung und Ausarbeitung hinaus mit solchen abstrakten Fragen der Gestaltung (seien diese künstlerischer oder angewandter Natur, wie Christiane korrekt anmerkt) befaßt.

    Dies scheint der Fall zu sein, und so fühle ich mich ermuntert, in den Tutorials auch künftig ‚theorielastige Themen‘ aufzulegen – ohne daß deswegen praxisbezogene Themen ins Hintertreffen kommen müßten.

    Thomas

    Antworten
  3. Christiane says:

    Bilder (gilt nicht nur für fotografische) mal mit dem gestaltpsychologischen Ansatz zu betrachten, erweitert den (eigenen) Erkenntnisraum. Wie ausgeführt, hat das alles viel mit „Sehen“, mit „Wahrnehmung“ zu tun. Beide Seiten profitieren von diesen Erkenntnissen, der Bildermacher ebenso wie der Betrachter. Es spielt keine Rolle, ob das Anliegen ein künstlerisches ist oder sich auf ein Werbeprodukt bezieht, es geht um Aufmerksamkeit. Der Artikel trägt eine Menge zum Verständnis des Sehens bei.
    Ein Wort noch zu Herrn Leusch:
    Design kommt aus dem Lateinischen designare, italienisch disegnare, wird übersetzt mit zeichnen, bezeichnen, auch im Sinn von entwerfen, gestalten und bezieht sich nicht nur auf Produktdesign.

    Antworten
  4. Tilman says:

    Hallo Thomas,

    vielen Dank für Deine interessante Einführung in das Thema, die Lust macht weiterzulesen. Es ist sicher ein Ansatz zu erklären, wie ein Bild auf einen Betrachter wirkt. Allerdings geht dabei vielleicht auch der künstlerische Aspekt der Fotografie verloren? Design ist keine Kunst, oder doch?

    Mit freundlichen Grüßen
    Tilman

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Hallo Tilman …

      bei den ‚Regeln guten Designs‘ bleibt auch nach meinem Dafürhalten noch eine merkliche Wegstrecke zur Kunst übrig, die sich ja gerne der Abgründigkeit oder Provokation bedient und insofern auf reine Gefälligkeit verzichtet.

      Insofern bin ich Deiner Meinung und kann auch bei dem anknüpfen, was ich einleitend dazu schrieb.

      Der Bogen (im Sinne des noch nicht Gesagten) mag sich noch weiter schließen beim anstehenden Tutorial ‚Blickwege bei der Bildbetrachtung‘. Auch halte ich beizeiten (über den hier schon vorhandenen Bestand) noch einige Ergänzungen zum Thema ‚fotografiebezogene Kompositionslehre‘ vonnöten.

      Thomas

    • Marcus Leusch says:

      In der Tat ein sehr informatives und hilfreiches Tutorial, aus dem ich einige Anregungen mitgenommen habe. Entscheidend ist hingegen immer der 
Transfer in die Erfahrungen mit der eigenen fotografische Praxis. Auch mit einem 
solchen Basiswissen lassen sich hierbei ganz neue – mitunter verblüffende – Erkenntnisse gewinnen. Fangen wir also an, zu zaubern ;-))

      Design: Hier geht es doch immer um den Bezug zu einem Produkt des täglichen Gebrauchs (Mode, Automobil, etc.). Von Design-Künstlern zu sprechen, wie dies heute ja genau so oft der Fall ist wie bei den Kochlöffel schwingenden Kollegen
im Fernsehstudio ist für mich ein Widerspruch in sich, auch wenn manchmal die Grenzen fließend zu sein scheinen – siehe etwa Benetton-Hausfotograf Olivero Toscani –, obwohl es sich hier bloß um intelligente Image-Kampagnen handelt, denen man einen sozialkritischen Mantel umgehängt hat oder dabei mit Tabubrüchen spielt. Die Werbeindustrie kann eben heutzutage vieles miteinander verwursten (etwa das Zeitkritische mit dem Käuflichen), weil die Fähigkeit zu Differenzieren bei vielen schon verloren gegangen ist.

      „Fotografiebezogene Kompositionslehre“: Auf weitere Tutorials unter dieser Perspektive bin ich schon sehr gespannt. Ich habe übrigens meinen „Einstieg“ vor gefühlten 100 Jahren mit A. Feiningers Fotoschulen (vor allem SW) begonnen, ein auch heute noch sehr lesenswerter, didaktisch versierter Autor – und zweifelsohne eine beeindruckende Fotografenlegende … 



      Beste Grüße
      Marcus

    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „auch wenn manchmal die Grenzen fließend zu sein scheinen – siehe etwa Benetton-Hausfotograf Olivero Toscani

      Es gibt eine hübsche Serie von Michael Kenna für Audi – bildbestimmend der typisch düster-bedrohliche Himmel und irgendwo zischt ein silbriges Teil durch das Bild; eine Serie abseits des üblichen ‚PS-Potenz-Gehuberes‘ und ein Beleg dafür, daß künstlerische Freiheiten vorbehalten bleiben können …

      Zitat: „vor gefühlten 100 Jahren mit A. Feiningers Fotoschulen (vor allem SW) begonnen

      Ein ausgezeichneter Buchtipp, der heute allerdings schon wieder explizit erwähnt werden muß, denn: wer von denen, die sich in den letzten Jahrzehnten ernsthaft mit der Fotografie beschäftigten, kennt das Buch nicht?

    • Marcus Leusch says:

      @Thomas

      Merci für den „Kenna-Audi“, den kannte ich noch nicht. Schau ihn mir gerne mal an, wenn ich das Bild dazu auffinden kann. Vielleicht ist dieser Werbeauftritt aber auch aus einem anderen Blickwinkel interessant: Die Rolle der Fotografie im Zusammenhang mit einer Ästhetisierung unserer Wa(h)renwelt. Anders herum gesprochen: Kunst hat für mich immer ein Erkenntnisinteresse (siehe bildende Kunst) und vor diesem Hintergrund habe ich doch meine Zweifel daran, ob man Werbung auch einen künstlerischen Anspruch zusprechen kann. Kenna wechselt in Deinem Beispiel doch offenbar von der autonomen künstlerischen Seite zur zweckdienlichen des Fotodesigns. Beide setzen gleichermaßen Kreativität voraus, sind aber diametral entgegengesetzt am „Leben“ interessiert.

      Genug philosophiert, bin schon auf dem Weg nach Berlin – eine Woche mal was aufgeregteres als Mainzer Beschaulichkeit … und da gibt’s gewiss auch ganz nette Beispiele für das hier Erwähnte. …

      Herzliche Grüße
      Marcus

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