Leserfoto:
Das Bemühen um fotografische Abstraktion

Mit Möglichkeiten und Grenzen fotografischer Abstraktion beschäftigen wir uns in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

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Unser Leser Peter Czikowski aus Hamburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Ruhe” in der Kategorie ‚Abstraktion‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Bild habe ich von der Zingster Seebrücke aus aufgenommen bei sehr geringem Licht. Ich habe die Kamera mit der Welle mitgezogen. In Lightroom habe ich im Wesentlichen bei der Gradationskurve die Tiefen betont, außerdem die Lichter und die Klarheit höher gezogen. Mir ging es darum so etwas wie Ruhe und Geborgenheit auszudrücken, das aber nicht in Langeweile ausarten zu lassen. Ich bin gespannt, ob ich das vermitteln konnte. Bei der Kategorie hätte ich vielleicht auch Landschaft oder Stillleben wählen können.”

Zur Aufnahme wurde die 2011 eingeführte APS-C-Kamera Sony SLT Alpha 77V verwendet, als Objektiv vermutlich die sehr wertige Festbrennweite Zeiss Sonnar T* 1.8/135 ZA. Die Brennweite betrug faktische 135.0 mm und kleinbildäquivalente 202.5 mm bei einem Formatfaktor von 1.5. Die Belichtungsdaten waren 0,6 Sekunde bei Blende f/22 und ISO 50.

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Peter versucht, sofern ich seinen Ansatz nicht völlig mißverstanden habe, mit seiner Fotografie in den Bereich der Malerei vorzustoßen. Ich will sein Bild gerne mit den Mitteln der klassischen Bildanalyse (die sich ja nicht auf die Fotografie beschränkt) untersuchen und zu einer Meinung kommen. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Dem Blick bieten sich zum Einstieg einige, an kleinere Wellen erinnernde Strukturen am linken mittleren und unteren Bildrand an. Vertikal mittig und horizontal im Goldenen Schnitt von links liegend, setzt eine weitere, an eine größere Welle erinnernde Struktur ein, die leicht ansteigend bis zum rechten Bildrand zieht 8rote Linien ebd.). Einige zu dieser Hauptstruktur parallel Linien dienen zur Einrahmung (gelbe Linien ebd.).

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich gestaucht auf die Zonen I (tiefe Schatten) bis IV (dunkle Mitten).

Farben: Vorherrschend im Bild sind stark gebrochene Gelb- und Grüntöne.

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Zusammenfassung: Da ich ursprünglich von der Malerei herkam und nun in der Fotografie beheimatet bin, sind mir beide Welten vertraut.

Uns Fotografen mag wohl bisweilen die Sehnsucht umtreiben, wie die Maler ein ‚Bildnis aus den Nichts‘ (also aus der reinen Vorstellung bzw. von der leeren Leinwand her) erschaffen zu können. Doch sollten wir uns vor Augen halten, das wir als Fotografen im Grunde genommen ’nichts aufbauen, sondern immer nur aus der Fülle des Gesehenen etwas wegnehmen‘ können. In der reinen Abstraktion bleiben wir insofern meilenweit hinter den Möglichkeiten der Malerei zurück. Es bleibt uns nur eine ‚graduelle Abstraktion des realistischen Motivanklangs‘.

Als gelungenes Beispiel hierfür erscheinen mir die Architekturabstraktionen (siehe dazu untenstehendes ‚Vergleichsbiild‘) von Torsten Andreas Hoffmann, dessen Schaffen und neues Buch ich vor einiger Zeit hier schon einmal vorgestellt hatte.

Peters Arbeit weist hingegen keine wirklichen Spannungsbögen in kompositorischer, tonaler oder farbiger Hinsicht auf, so daß ich in diesem Versuch leider keine maßgebliche Schöpfungshöhe zu erkennen vermag.

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Komposition

Tonwerte

Vergleichsbild (Quelle: Torsten Andreas Hoffmann)

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In der Rubrik “Bildkritik” analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
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5 Antworten
  1. Peter Czikowski says:

    An Thomas und B_atrix herzlichen weiteren Dank: Namkung und Hoffmann kannte ich bisher nicht. Ich bin begeistert (vor allem von den Lichträumen), Peter

    Antworten
  2. Peter Czikowski says:

    Ich danke euch dreien für eure Anmerkungen. Besonders gefreut habe ich mich über die ausführlichen Kommentare von B_atrix. In diesem Bereich (wie sonst auch) gibt es keine Wahrheit. Damit muss ich als Fotograf leben. Danke, Peter

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    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „In diesem Bereich … gibt es keine Wahrheit.

      Nein, eine letzte, schlußgültige Wahrheit gibt es in diesem Bereich natürlich nicht, das käme ja fast einer ‚Urteilsdiktatur‘ nahe. Begründete Meinungen kann man – meine ich – aber schon erwarten, denn sonst endet es im Einheitsbrei eines ‚irgendwie schön‘.

      Expertisen können unterschiedlich ausfallen, denn der Kritiker hat immer auch einen subjektiven Standpunkt, der sich etwa in der Wahl seines Beurteilungsinstruments ausdrückt. Während bei B_atrix eher eine emotionale bzw. impressionistische Warte zum Tragen kam, war es bei mir eher eine nüchterne bzw. bildanalytische.

      Eine Erfahrung möchte ich noch mitgeben: Kontroversen bei Bildern drücken auch ein hohes Maß an Beachtung aus. Es sind nicht die langweiligen Bilder, die so etwas auslösen …

  3. B_atrix says:

    Für mich eines der schönsten Bilder, die hier in letzter Zeit besprochen wurden, denn ich liebe abstrakte natürliche Szenen. Mir gefällt zunächst einmal die Vielfalt an Lichtreflexen, silbern und leicht golden schimmernd – sie lassen an einen letzten abendlichen Sonnenstrahl denken. Mir gefällt, wie durch das Mitziehen dem Meer alles Konkrete (Schaumkrone, Tropfen etc.) genommen wurde. Es macht Freude, die Muster zu betrachten: Punkte (Lichtreflexe) und Linien und Linien, die Linien brechen – ähnlich wie die Linien in der Handinnenfläche.

    Das Bild strahlt einerseits eine ungemein wohltuende Ruhe aus: Es erinnert an Urlaube am Meer, an stundenlanges Schweifenlassen von Blicken und Gedanken, ohne Horizont, ohne Grenzen, ans ewige Auf und Ab der Wellen. Und andererseits ist meiner Meinung nach sehr wohl Spannung da: die dunkle anschwellende Welle rechts, die nach links spannunglösend ins Licht ausläuft, ohne wirklich bedrohlich geworden zu sein. Ein Bild, das den Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen, Phantasien erst Anregung und dann sehr viel Freiraum gibt, ohne sie durch konkrete Formen in ein Korsett zu zwingen. Es verkörpert sehr schön das Meer selbst.

    Hätte ich – bezogen auf das Bild – einen Wunsch frei, es wäre: Links und rechts noch ein bisschen mehr Meer ;-)

    Das „Vergleichsbild“ ist meiner Ansicht nach innerhalb der Kategorie „Abstraktion“ eher ein „Kontrastbild“: weiche, natürliche, fließende Formen versus harte/spitze, künstliche, starre Formen.
    Eventuell gefallen dem Fotografen aber die abstrakteren Arbeiten von Johsel Namkung und Art Wolfe.

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  4. theaitetos says:

    Die Spannungsbögen sind für mein Empfinden tatsächlich klein. Dieses Bild besticht aber eben unter anderem dadurch. Es ist schön anzuschauen, auch mehrmals, wodurch ich eine „maßgebliche Schöpfungshöhe“ zu erkennen mag.

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