Leserfoto:
Einblick in ein städtisches Labyrinth

Komplexe städtische Nachtszenen sind nicht ‚im Vorübergehen‘ zu bewältigen, wie das heutige Bildbeispiel aufzeigt.

Ausgangsbild

***

Unser Leser Pascal Steinbusch aus Aachen hat uns das obige Bild unter dem Titel „Bangkok – Architektur Wild – Menschlich Ruhig” in der Kategorie ‚Schnappschuß‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Das Bild entstand in Bangkok und wurde ohne Stativ in der Nacht aufgenommen. Das Bild war bzw. ist lediglich ein Schnappschuss, aber im Nachhinein hat mir besonders Gefallen das es eher Wild aber auch ruhig zugeich auf dem Bild zugeht. Über Tag sind diese SkyTrain-Stationen in Bangkok total überlaufen, aber zum Abend hin wird es auch in einer Millionenmetropole eher ruhig. Das Bild wurde aufgenommen mit einer Sony Alpha 55, Sigma 35mm 1,4.Iso400, Blende 1,4, 1/60 sek, 35mm.In Schwarz-Weiß umgewandelt und an den Spitzlichtern sowie dem Kontrast etwas gedreht.Da meine Kamera bei höheren Iso-Werten eher stark rauscht bin ich bei diesen Werten geblieben obwohl ich gerne einer höhere Blende genommen hätte.”

Über Ausrüstung und Aufnahmedaten hatte Pascal bereits berichtet. Zu ergänzen wäre noch die kleinbildäquivalente Brennweite von 52.5 mm bei einem Formatfaktor von 1.5.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Bild stützt sich auf jenes zentrale, aus einer starken vertikalen und mehreren kleineren horizontalen Streben bestehende, fast an ein Kreuz erinnernde Element (rote Linien ebd.).

Einige in die Tiefe ziehende Diagonalen geben uns eine Vorstellung der dortigen Räumlichkeit (gelbe Linien ebd.). Angedeutete Treppenstrukturen füllen den Hintergrund aus (blaue Linien ebd.). Hier und da finden sich als kleinteilige Einsprengsel wie Menschen, Autos, Verkehrsschilder (grüne Linien ebd.).

In der Gesamtbetrachtung wirkt der rechte Bildteil deutlicher leerer wie der linke.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm ist deutlich linksschief bei einem Mittelwert von etwa 50.

Auch das ‚Drehen an Spitzlichtern und Kontrast‘ ändert nichts daran, daß der Dynamikumfang der Ausgangsszene von der Kamera nicht eingefangen werden konnte, wie die weitläufigen Tonwertabbrüche im Schatten- und Lichterbereich aufzeigen.

Struktur (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Schärfeniveau und die Schärfentiefe sind trotz der hier verwendeten, maximalen Offenblende gut.

***

Zusammenfassung: Die hier gezeigte Szene bietet großes Potential im Sinne des Einblicks in ein städtisches Labyrinth, welches uns fast wie ein Ameisenhaufen erscheinen mag. Doch meine ich, daß Pascal sich bei diesem Bild zu wenig Muße nahm, nach Lösungen für die kompositorischen und belichtungsbezogenen Probleme zu suchen.

In Hinblick auf Ersteres (Komposition) ist die Idee eines zentralen Gerüsts mit sich darum gruppierenden Kleinelementen interessant, die Verteilung der Elemente aber nicht ausgewogen; auch der sich durch die Diagonalen ergebende Räumlichkeitseindruck kommt hier nach meinem Eindruck eher zu kurz.

In Hinblick auf Zweiteres (Belichtung) war Pascals Sorge wegen der Offenblende unnötig – bei Unendlicheinstellung wie hier im Bild ergibt sich eine ausreichend tiefe Schärfezone. Womöglich dachte er auch an die ‚Sterncheneffekte‘ bei geschlossener Blende. Doch hätte das Augenmerk mehr der Meisterung des enormen Dynamikumfang gelten sollen, sei es durch eine Belichtungsreihe oder eine Lichterreduktion – Merkregel in der Nachtfotografie: „möglichst wenig direkte Lichter, möglichst weit entfernt, möglichst weitwinklig …”

***

Weiterführende Tutorials zum Thema


Nachtfotografie mit digitaler Ausrüstung (3 Teile)

***

Komposition

Tonwerte: Schattenbeschnitt

Tonwerte: Lichterbeschnitt

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *