Leserfoto:
Über das Bemühen …

Aspekte des ‚tourismusüblichen Erinnerungsbildes‘ diskutieren wir in der heutigen Bildbesprechung.

Ausgangsbild

***

Unser Leser Timur Knarozovski aus dem badischen Freiburg hat uns das obige Bild unter dem Titel „Wunscherfüllende Laternen” in der Kategorie ‚Bildjournalismus‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Dieses Foto entstand in Chiang Mai, Thailand am Silvester. Mönche lassen zum Jahreswechsel tausende Laternen in die Luft steigen, um so ihre Wünsche für das neue Jahr wahr werden zu lassen. Das Bild wurde aufgenommen in einem kleinen Tempel. Was man gar nicht denken kann, wenn man das Bild sieht, sind hunderte von Touristen, die auf der anderen Seite des Flusses stehen und ebenfalls Laternen in die Luft steigen lassen. Trotzdem strahlt die Aufnahme das Gefühl der Ruhe und Meditation aus …”

Zur Aufnahme wurde eine Canon EOS 50D verwendet. Zum Objektiv liegen keine Angaben vor. Die Brennweite betrug 26 mm (entsprechend knapp 42 mm Kleinbildäquivalent bei einem Formatfaktor von 1.6), die Belichtungsdaten waren 1/5 Sekunde bei Blende f/4.0 und ISO 400.

Da das eingereichte Bild mit 3.168 mal 4.752 Pixel zu groß für konventionelle Monitore ist, wurde es für unsere Zwecke auf 600 mal 900 Pixel verkleinert und minimal nachgeschärft.

***

Betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Eine unglaubliche Fülle reinfarbiger Flächen und reinweißer Lichterspots tut sich dem Auge des Betrachters zunächst kund.

Sobald wir uns ein wenig in das Bild eingesehen haben, zeichnet sich die in den Goldenen Schnitt von oben gelegte Gruppe der Mönche als mäanderndes Motivzentrum ab (rote Linien ebd.), welches von den Lichterketten oben und den Spiegelungen unten umrahmt wird (gelbe Linien ebd.).

Problembereiche (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild):

Das Bild weist zum einen Haltungsunschärfe auf, da auch der objektiveigene Bildstabilisator den gut vier Blendenstufen umfassenden Spagat zwischen der realen Belichtungszeit von 1/5 Sekunde und der nach ‚Kehrwertregel erforderlichen von 1/100 Sekunde nicht mehr bewältigen kann (siehe 1 ebd.).

Zum anderen ergibt sich durch minimale Bewegungen der Protagonisten Bewegungsunschärfe (siehe 2 ebd.).

Die Darstellung der rötlich-orangen Mönchskutten (siehe 3 ebd.), desgleichen diejenige der gelblich-orangen Lampions (siehe 4 ebd.) verschmiert zu einem richtiggehenden Farbbrei – diesen insbesondere beim Rot auftretende Effekt nennt man bisweilen auch drastisch ‚ausblutende Farben‘.

Des weiteren zeigten sich Bereiche ausbrennender Lichter (siehe 5 ebd.) sowie zugelaufener Schatten (siehe 6 ebd.), jeweils ohne Tonwertmodulation und Detailzeichnung.

***

Zusammenfassung: Wenn Timur die Wirkung seines Bildes mit „Trotzdem strahlt die Aufnahme das Gefühl der Ruhe und Meditation aus …” umschreibt, muß ich dem leider entgegenhalten, daß diese Wirkung in erster Linie auf seiner (gesehenen und gefühlten) Erinnerung beruht, welche durch seine Betrachtung des eigenen Bildes mobilisiert wird.

Einen solchen persönlichen Wert des tourismusüblichen Erinnerungsbildes muß man nicht geringschätzen, aber es vermittelt sich dem Betrachter, der über solche Gedächtnisspuren in der Regel ja nicht verfügt, nicht in solcher Weise.

Wir alle kennen wohl jene ‚berühmt-berüchtigten Diaabende unter Freunden‘, bei denen der Zeigende und Vortragende sich an der eigenen Begeisterung wachhält und bis weit nach Mitternacht immer neue Bilder einschiebt, während die Anwesenden es zur Wahrung der (bisher) freundschaftlichen Atmosphäre unterlassen, ihre Erschöpfung und Übersättigung anzuzeigen und stattdessen im Halbschlaf ab und zu Begeisterung bekunden.

Was wir hier aus meiner Sicht wirklich sehen, ist eine im kompositorischen Ansatz durchaus vielversprechende Aufnahme, die aber im Rahmen der beschriebenen technischen Mängel keine Schöpfungshöhe erreicht. Besagte Mängel sind nicht Timurs fehlendem Willen, sondern in erster Linie der Unzulänglichkeit unserer heutigen Digitalausrüstungen zuzuschreiben, die solche hochdynamische Nachtszenen in der Totalen nicht meistern können.

Welche Konsequenzen für die Bildfindung ließen sich daraus ableiten?

  1. Näher herangehen, nach Ausschnitten mit weniger Lichtquellen suchen.
  2. Länger vor Ort verweilen, nicht den erstbesten Eindruck festhalten.
  3. Mit Aufhellblitz arbeiten, sofern in der Situation geduldet.
  4. Sich darin bescheiden, daß sich in einer persönlich berührenden Situation womöglich kein ebensolches Bild erzwingen läßt.
  5. Ggf. auf Schwarzweißfilm (entsprechend mit analoger Kamera) zurückgreifen, welcher (man mag gerne darüber staunen, es ist aber so) wesentlicher duldsamer gegenüber besagten Belichtungssituation ist.

***

Komposition

Problembereiche

***

In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.

1 Antwort
  1. Karl Müller says:

    Hallo,
    ich sehe weitere Möglichkeiten, um technische Defizite einer Kamera zu kompensieren, da ja die Kosten pro Auslösung im Digitalbereich vernachlässigbar sind.
    a- Mehrere Bilder in Serie machen. Verwacklung ist ein stochastischer Prozess und typisch ist einer von 5 bis 10 Aufnahmen brauchbar(er), wenn man sich nicht zu weit von „haltbaren“ Belichtungszeiten entfernt.
    b- Aufnahmeserien mit unterschiedlichen ISO-Werten machen. Irgendwo gibt es ein Optimum zwischen Rauschen und Wackeln.
    c- Gezielt Unterbelichten und Helligkeit hochziehen- das erhöht das Rauschen, aber reduziert Verwackeln. Rauschverringerung ist möglich, Verwacklungskompensation (noch) nicht.
    d- Aufstützen/Anlehen.
    e- Seine Limits kennen: Was kann ich mit welcher Brennweite noch passabel gut halten? Das sollte man vorher wissen, dann kann man mit a-d besser spielen.
    f- Damit leben, dass nur helle Bereiche passabel hell werden- schließlich ist es eine Nachtszene und die Dunkelheit der Umgebung gehört dazu.

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *