Leserfoto:
Enge Verbundenheit

Formale, aber auch ethische Fragen der Streetfotografie wollen wir im Rahmen der heutigen Bildbesprechung diskutieren.

Ausgangsbild

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Unser Leser Boris Flör aus Düsseldorf hat uns das obige Bild unter dem Titel „Köln Domplatte” in der Kategorie ‚Street/Straße‘ zur Besprechung eingereicht.

Er schreibt dazu: „Hier noch ein Bild aus der Streetartserie. Ich fand es anfangs ganz nett, mittlerweile empfinde ich es als Kitschig und Klischeebeladen. Kann man so etwas noch veröffentlichen?”

Zu Ausrüstung und Aufnahmedaten liegen uns keine Informationen vor.

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Unter ‚Streetart‘ verstehen wir eigentlich ‚verschiedene, nichtkommerzielle Formen von Kunst im öffentlichen Raum‘, wie auch dem einschlägigen Wikipediaartikel zu entnehmen ist. Weniger mißverständlich wäre demnach der Begriff ‚Street/Straße‘, den wir hier zur Kategorisierung auch verwenden. Doch betrachten wir zunächst wieder die grundsätzlichen Bildelemente.

Komposition (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Konzept, Vater und Tochter als eine ‚in sich ruhende Einheit in rauher Umgebung‘ zu zeigen, hat zweifelsohne Charme und überschwemmt die Onlinegalerien ganz gewiß nicht so wie ‚Kinder, Katzen, Blumen und Sonnenuntergänge‘. Eine Vergleichsarbeit aus meinem eigenen Portfolio findet sich untenstehend.

Boris hat die Bildidee im Grundsatz gut umgesetzt, wobei sich (abstrakt gesehen) der Vater hier als Viereck mit Kreis, die Tochter als aufrechtes Dreieck darstellt (rote Linien ebd.).

Betrachten wir jedoch auch die Problembereiche des Bildes: der Hintergrund ist sehr kontrastreich und schartig gezeichnet. Er zieht dadurch zu viel Aufmerksamkeit auf sich und läßt die dargestellten Personen nicht bildwirksam hervortreten. Die Protagonisten sind in horizontaler Hinsicht zu bildfüllend platziert, sie haben ‚zu wenig Luft zum Atmen‘. Auch im rechten Vordergrund zeigt sich eine nicht zum Bildgeschehen beitragende und somit störende Struktur (gelbe Linien ebd.).

Bedenklich erscheint der hier gewährte Blick auf den Ansatz der Unterhose und die Gesäßbacken des Vaters. Als Streetfotografen stecken wir unweigerlich in verschiedenen Grauzonen bzw. Konfliktfeldern: juristisch in Hinblick auf das Recht des Einzelnen am eigenen Bild; künstlerisch hinsichtlich der gebotenen, über die Profanität des Alltäglichen hinausreichenden Schöpfungshöhe; und ethisch mit dem Anspruch einer behutsamen und würdevollen, nicht die niedere Schaulust des Gaffers („Guck mal, dem hängt ja was raus!”) bedienenden Darstellung der Abgebildeten.

Tonwerte (siehe dazu untenstehendes, gleichnamiges Bild): Das Histogramm zeigt sich deutlich linksschief bei einem Mittelwert von gut 70. Die zahlreichen Tonwortabbrüche im Schatten- und Lichterbereich deuten darauf hin, daß der hohe Dynamikumfang der Szene von der verwendeten Kamera nicht bewältigt werden konnte.

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Zusammenfassung: Die Einzelheiten meiner Kritik habe ich obenstehend bereits dargestellt und begründet. Boris und ich scheinen in ganz unterschiedlicher Weise um dieses Bild besorgt zu sein.

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Komposition

Schattenbeschnitt

Lichterbeschnitt

Vergleichsarbeit

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In der Rubrik ‚Bildkritik‘ analysieren Profi-Fotografen im Auftrag von fokussiert.com montags bis freitags jeweils ein Foto aus der Leserschaft.
Mehr über die Profi-Bildkritik erfahren / Eigene Bilder zur Kritik einreichen.


4 Antworten
  1. Tilman says:

    Hallo,
    ein technisch sehr gutes Foto, eine tolle Besprechung. Das Bild ist schon irgendwie ein Hingucker. Und für mich weniger klischeebehaftet als die Vergleichsarbeit. Sind es wirklich die Gesäßbacken, die im Mittelpunkt stehen? Mir gefallen besonders die gekrümmten Rücken. Über den Ausdruck “Profanität des Alltäglichen hinausreichenden Schöpfungshöhe“ musste ich ziemlich lachen.
    Viele Grüße, Tilman

    Antworten
    • Thomas Brotzler says:

      Zitat: „Über den Ausdruck ‚(hinsichtlich der gebotenen, über die) Profanität des Alltäglichen hinausreichenden Schöpfungshöhe‘ musste ich ziemlich lachen.

      Lieber Tilman …

      Zum einen wolltest Du wohl ausdrücken, daß man Kompliziertes doch auch einfach und prägnant darstellen könnte. Sollte ich Dich darin recht verstanden haben, wäre dies ein überaus berechtigtes Anliegen.

      Zum anderen zieht der erste Lacher immer auch die größte Aufmerksamkeit auf sich. Wie würdest Du also den Sachverhalt (bzw. diesen für die Bildkritik entscheidenden Absatz) gemäß Deinem eigenen Anspruch formulieren?

      Viele Grüße
      Thomas

    • Tilman says:

      Thomas, der Absatz ist Spitze! Ich hätte nie geschafft, mich so gewählt auszudrücken. Das hat mich gefreut, erheitert, ich habe sogar gelacht (nicht über Dich, aus Freude). Wobei es sich doch einfach um eine wenig feinfühlige Abbildung eines Hintern handelt.

    • Thomas Brotzler says:

      Le jour est sauvé. Je t’aime bien, mon cher ami filou :o) …

      (Übersetzung auf Anfrage)

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